Klassik
Festivals richten ihr Angebot immer stärker auf Kinder und Familien aus

Die Festivals sind auf der Suche nach jungem Publikum, um neue Segmente erschliessen zu können. Dazu stellen sich auch schon mal alte Gewohnheiten auf den Kopf.

Jenny Berg
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Jünger und hipper soll es zu- und hergehen an den Klassik-Festivals. Im Bild junge Musiker am Schwarzsee in Davos Laret, im Rahmen des Davos Festival.

Jünger und hipper soll es zu- und hergehen an den Klassik-Festivals. Im Bild junge Musiker am Schwarzsee in Davos Laret, im Rahmen des Davos Festival.

Yannick Andrea

«Der spielt ‹Weinen, Klagen› von Liszt! Das ist sauschwer!», sagt Nicolas Mueller zu Julia Kaiser. Er ist ein «Junger Reporter» beim Davos Festival; sie ist die Redaktionsleiterin der Festivalzeitung. Sozusagen. Denn eigentlich leitet sie einen Workshop, der Schülerinnen und Maturanden das Musikjournalistenhandwerk näherbringen will. Aber Julia sieht ihre Schützlinge bereits als vollwertige Kollegen an. Alle duzen sich. Und alle haben ein Ziel: das Faszinosum Musik in Sprache zu übersetzen, um so die eigene Begeisterung mit den Leserinnen und Lesern zu teilen.

Nicolas blättert weiter im Programm des Davos Festivals. Die «Jungen Reporter» dürfen sich ihre Wunsch-Interviewpartner aussuchen. Sie sind zwischen 11 und 19 Jahre alt, stammen aus Davos und der Umgebung. Fast alle sind während der ganzen zwei Festivalwochen mit dabei, wie die «Young Artists» des Festivals auch. Hier treffen junge Reporter auf junge Künstler und machen gemeinsam ihre ersten Medien-Erfahrungen.

Die «Jungen Reporter» sind eines von vielen Projekten, die derzeit in der sommerlichen Festivallandschaft Kinder und klassische Musik zueinander führen wollen. Musikvermittlung boomt. Waren es etwa bei den Salzburger Festspielen bislang die grossen Opernstars, die für ausverkaufte Vorstellungen sorgten, ist es in diesem Jahr eine Kinderproduktion: «Die Feenkönigin», mit Musik von Henry Purcell. Ausverkauft, lange vor den Auftritten von Anna Netrebko und Co. Auch beim Lucerne Festival sind schon etliche Familienkonzerte bereits ausgebucht.

«Familie ist immer aktuell»

Auch die Schweizer Bergfestivals lassen sich nicht lumpen, nehmen die Familie gar ins Motto. Das Menuhin Festival Gstaad stellt seine Konzerte unter das Motto «Musique & Famille». Und beim Davos Festival lautet die Überschrift: «Familienzone». Was ist los mit der Familie, dass sie plötzlich so populär ist?

«Familie ist immer aktuell – schliesslich kommen wir alle aus einer», sagt Reto Bieri im Interview zu den Jungen Reportern, die ihre ersten Fragen dem Festivalleiter stellen dürfen. Dann zitiert er schmunzelnd Karl Kraus: «Familie ist ein Eingriff in die Privatsphäre» – da ist sie, die ganze familiäre Ambivalenz.

Familie, das sei eine ewige Schicksalsgemeinschaft, sagt Christoph Müller, Intendant des Menuhin Festivals Gstaad. Und wird gern bestaunt, wenn diese Gemeinschaft auch musikalisch funktioniert: Geschwister-Ensembles und Zwei-Generationen-Formationen stehen in Gstaad in diesem Jahr besonders oft auf der Bühne.

Die Musikvermittlung fokussiert sich in Gstaad ebenfalls aufs Mitmachen – von der Jugendorchesterwoche bis hin zum Familienkonzert, bei dem 140 Jugendliche aus dem Kanton Bern nach monatelangem Training eine Choreografie aus einer elektronisch modernisierten Version von Beethovens 9. Sinfonie tanzen.

Auch in Davos sollen die Kinder selbst gestalten, selbst musizieren. Sogar die Erwachsenen sollen das: Täglich gibt es ein offenes Singen, bei dem Chorleiter Andreas Felber die Lungen der Anwohner und Feriengäste nicht durch die ortsübliche, literarisch verbriefte Liegekur zur Genesung bringt, sondern durch aktives Training – bis zur Bühnenreife.

Und wer dort einmal mitgesungen hat, der spürt sofort: So werden Hemmschwellen abgebaut, bei Gross und Klein. Denn wer selbst singt und probt und eine Aufführung aktiv mitgestaltet wie der Davoser Publikumschor, der fühlt sich den Musikerinnen und Musikern auf der Bühne näher, verwandter. So entstehen Familienbande – Patchworkfamilienbande in diesem Fall.
«Patchwork» titelt auch eines von Reto Bieris Davoser Konzerten. «Kinderzimmer» ein anderes. «Heimweg». Lauter solche Titel, die mit der Ambivalenz der Familie spielen.

Da werden beim Eröffnungskonzert Briefe aus dem Ehetagebuch der Schumanns vorgetragen und mit ihrer Musik weitererzählt. Und mit Valentin Silvestrovs – hier Composer in Residence – Geburtstagsständchen für Robert Schumann ergänzt. Ganz zart und leise ist das gespielt von Teemu Myöhänen und Anton Mecht Spronk, im schummrigen Schein einer Wohnzimmerlampe – eine Szenerie, die auch das Publikum in diesen Familienkreis beim Sonntagabendplausch einbezieht.

Da wird anderntags zur Landpartie geladen, zu Brunch und Musik am Schwarzsee, wo auch «Alma» so gut hinpasst, die junge, hippe Volksmusikgruppe aus Österreich. Dort draussen, wo die Kinder tollen und spielen und die Erwachsenen lauschen dürfen, wie auf einem Familienfest.

Gewohnheiten auf den Kopf stellen

Warum lohnt es sich, den Sommerfestivals über die Schulter zu schauen? Weil sie Gewohnheiten auf den Kopf stellen. In Davos etwa wird das Thema Familie von so vielen Seiten beleuchtet, dass auch den zuhörenden – oder gar mitgestaltenden – Familienmitgliedern der Diskussionsstoff am Abend nicht ausgeht. Und wo mit den «Jungen Reportern» sogar Jugendliche aktiv mitmachen können – in einer Altersgruppe, die in der Klassik-Branche oft verloren geht.

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