Salvador Sobral

ESC-Gewinner haucht mit seinem Album dem Latino-Bolero neues Leben ein

Der portugiesische Sänger Salvador Sobral (zweiter von rechts) mit den Mitmusikern der Band Alma Nuestra.

Der portugiesische Sänger Salvador Sobral (zweiter von rechts) mit den Mitmusikern der Band Alma Nuestra.

Es ist bereits das vierte Album, das der portugiesische Sänger Salvador Sobral seit 2017 herausbringt. Es grenzt an ein Wunder, das er nach wie vor so gut singen kann. Denn kurz nach dem ESC-Sieg musste er sich einer Herztransplantation unterziehen.

Man sah es ihm an, dass er sich auf der grossen Bühne des Eurovision Song Contest nicht wohl fühlte. Wie ein Fremdkörper wirkte der zerbrechliche portugiesische Sänger Salvador Sobral neben all den schrillen, lauten und farbigen Paradiesvögeln. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, gewann er vor drei Jahren den europäischen Gesangswettbewerb in Kiew überlegen. So berührend und leidenschaftlich hatte schon lange niemand mehr am ESC Welt- und Herzschmerz vertont. Aber nur Insider wussten damals, dass sein Leiden echt war. Sobral war todkrank. Ein halbes Jahr nach dem Sieg in Kiew musste er sich denn auch einer komplizierten Herztransplantation unterziehen. Sie ist gelungen.

Drei Jahre danach sieht der inzwischen 30-jährige Sänger viel gesünder und wohlgenährt aus. Seine Stimme hat aber nichts an Ausdruckskraft verloren. «Ich würde nie so singen, wie ich heute singe, wenn ich nicht diese Krankheit durchgemacht hätte», sagte er gegenüber der Agentur DPA. Aber vor allem: Salvador Sobral hat sich nicht verführen lassen und gar nicht erst versucht, seinen Grosserfolg im Poplager mit kommerziellen Zugeständnissen zu konservieren oder gar zu wiederholen. Er geht unbeirrt seinen künstlerischen Weg.

Latino-Bolero hat nichts mit spanischem Bolero zu tun

Chet Baker und Stevie Wonder sind seine Jugendidole. In den letzten Jahren hat Sobral aber auch den belgischen Chansonnier Jacques Brel für sich entdeckt und den französischen Chanson auf «Lisboa – Paris» gewürdigt. Auf seinem aktuellen Album ist der Spross einer portugiesischen Adelsfamilie abermals neue Wege gegangen und ist in acht Boleros und einem Tango tief in die lateinamerikanische Songtradition eingedrungen.

Der Bolero entstand Ende des 19. Jahrhunderts auf Kuba, als sich die Tanzformen der spanischen Kolonisatoren mit afro-kubanischen Rhythmen zu neuen Stilformen verbanden. Der kubanische Bolero hat nichts mit dem gleichnamigen spanischen Tanz im Dreivierteltakt zu tun. Die lateinamerikanische Variante wird in geraden Taktarten gespielt und besteht aus einer typisch synkopierten Rhythmusformel, die auf afro-kubanische Voodoo-Rhythmen zurückgeht. Maurice Ravel bezieht sich in seinem berühmten «Bolero» von 1928 übrigens auf den spanischen Tanz. Den lateinamerikanischen Bolero kennen wir vielmehr von amerikanischen Sängern wie Nat King Cole, Paul Anka und Frank Sinatra, die die Latin Ballads mit Orchesterbegleitung interpretierten.

Grossartige Musik wieder in Erinnerung gerufen

Sobral hat auf «Alma Nuestra» aber auf die Originale, auf die grossen kubanischen Komponisten aus der Blütezeit des Bolero zurückgegriffen: Benny More, José Antonio Méndez, Bola De Nieve und die Mexikanerin María Grever. Der feingliedrige, sentimentale Bolero ist in Zeiten von knalligem Reggaeton aus der Mode gekommen. Es ist das Verdienst von Sobral, diese grossartige Musik aus vergangenen Zeiten wieder in Erinnerung zu rufen. Mit dem Jazztrio um den fantastischen, kubanischen Pianisten Víctor Zamora beweist Sobral nicht nur wie varianten- und abwechslungsreich der Bolero auch heute noch interpretiert werden kann, er haucht ihm auch ein neues Leben ein.

Sobral belässt es dabei nicht bei der blossen Reproduktion, sondern sprengt da und dort auch die Vorgaben der Tradition. Dazu singt Sobral auch erstmals auf Spanisch. Sobral ist voller Energie. Selbst Corona konnte seine Entdeckerlust nicht bremsen.

Das grosse Leiden ist gegangen, die grosse Leidenschaft geblieben. Zu Hause hat er die Zeit genutzt, um erstmals eigene Songs zu schreiben. «Alma Nuestra» ist bereits sein viertes Album seit dem ESC-Sieg. Aber auch mit diesen Songs schielt er nicht aufs grosse Publikum. «Mein Publikum ist kleiner geworden», sagt er. Doch umso wohler fühlt er sich heute.

Salvador Sobral: Alma Nuestra (Warner).

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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