Zehn Jahre sind es her seit dem Kino-Hit «Mamma Mia!». Wieso dauerte es mit einem zweiten Film so lange?

Benny Andersson: Universal Pictures hätte sofort einen weiteren Film gemacht, aber Björn und ich zögerten. Der erste war gut und hat Spass gemacht. Das konnte man so lassen. Als wir das Drehbuch von Ol Parker bekamen, gaben wir schliesslich nach.

Björn Ulvaeus: Man darf nicht vergessen: «Mamma Mia!» begann als ein Experiment, ob man ein Musical rückwärts schreiben konnte – also zuerst ist die Musik da, und dann wird eine Geschichte darum gebaut. Vor «Mamma Mia!» gab es gar keine Juke-Box-Musicals. Die Neugier, ob man das nochmals hinbekommt, war der grösste Antrieb.

Gibt es Songs, die Sie auf keinen Fall im Film haben wollten, oder andere, auf die Sie besonders stolz sind?

Benny: Wir haben zwei Songs aus dem Drehbuch ausgewechselt. Wir haben nämlich auch Songs, die nicht gut sind. «Watch Out» ist so einer.

Björn: Einverstanden. Das ist kein guter Song. Und natürlich nicht im Film.

Benny: Die Ballade «My Love, My Life» ist im Film gut geglückt. Der Song ist weniger bekannt, was gut für Björn ist, der den Text auf die drei Sängerinnen Meryl Streep, Amanda Seyfried und Lily James, die ihre Teile separat aufgenommen haben, anpassen musste. Einer unserer besten Songs ist «The Day Before You Came» – Meryl singt eine tolle Version auf dem Soundtrack. Die Agnetha-Version ist auch gut, aber es ist nicht unsere beste Aufnahme.

Björn: «The Day Before You Came» und «The Winner Takes it All» sind sicher auch reifere Songs als «SOS» und «Mamma Mia» aus den Anfängen. Meine Top-Songs hängen deshalb von der Epoche ab.

Sie beide haben Gastauftritte im Film, Agnetha und Anni-Frid nicht. Wieso nicht?

Benny: Ich bezweifle, dass sie angefragt wurden. Bei «Mamma Mia!» gehts um den Text und die Musik, nicht um sie als Künstlerinnen. Aber es wäre mir lieber, sie würden die Interviews geben!

Björn: Sie sind die Gesichter von ABBA.

Benny: Genau, und uns bekommt man, wenn man sie beide nicht haben kann. (lacht)

Sie haben die Welt mit der Ankündigung überrascht, dass Sie nach 35 Jahren erstmals wieder zu viert im Studio waren und zwei neue Songs aufgenommen haben. Wie kam es dazu?

Björn: Wir haben ja ein ABBA-Avatar-Projekt, dass uns der Musik-Entrepreneur Simon Fuller angetragen hat. Wir dachten, es wäre toll, wenn die Avatare auch neue Songs singen würden. Alle fanden das eine gute Idee.

Benny: So riefen wir die Girls an. Sie waren sofort dabei. Für jede einen Song – obwohl wir nicht mehr verheiratet sind, wollen wir doch fair sein. (lacht) Wir verbrachten zwei Tage im Studio, und es fühlte sich an, als seien seit dem letzten Mal nur sechs Monate, nicht 35 Jahre vergangen. Es war wirklich erstaunlich, wie gut sich das anfühlte. Und die beiden können immer noch singen! Die Stimmen sind einen Hauch tiefer, aber das passen wir an. Kein Problem.

Björn: Es ist nicht ausgeschlossen, dass es noch weitere Songs mit den beiden geben wird.

Benny: Aber zuerst muss jetzt dieses digitale Projekt, das sich aufs nächste Jahr verschieben wird, fertig werden. Die Produktion und die Musik sind viel Arbeit, dafür müssen wir nachher nicht mehr in ein Flugzeug oder einen Tourbus steigen. Die Song-Set-Liste haben wir bereits. Wir wollen einen menschlichen Kontakt zum Publikum schaffen. Wie, das sind wir noch am Herausfinden. Wenn unser Regisseur im August von seinem Dokumentarfilm-Projekt zurück ist, gehen wir in die Details.

Haben Sie keine Bedenken, dass diese Abbatars künstlich herüberkommen werden?

Björn: Nein, sie haben eine ganze Bibliothek von Gesichtsmuskeln, die man bewegen kann. Sie sehen wirklich aus wie Menschen.

Finden Sie das nicht beängstigend?

Björn: Schon, aber auch aufregend. Es ist die Zukunft – und wir wollen ein Teil davon sein.

Diese Woche feierte «Mamma Mia!» auf der Thuner Seebühne auf Schweizerdeutsch Premiere. Welche Regeln muss man einhalten, damit man die Aufführungsrechte bekommt?

Benny: Davon weiss ich nichts! Ich habe einmal am Fernsehen «Carmen» auf einem See in der Schweiz gesehen… Inzwischen ist genug Zeit verstrichen, dass «Non Replica»-Versionen erlaubt sind. Man kann also eigentlich machen, was man will.

Björn: Unsere erste Übersetzung war in Deutsch. Ich verstehe genug, dass ich daran mitarbeiten konnte. Bei anderen Sprachen verlangten wir eine wörtliche Übersetzung und klärten lokal ab, ob der Text gut ist. Inhalt und Qualität wurden also beide überprüft.

Warum gibt es keine englische Fassungen Ihrer Musicals «Kristina from Duvemâla» und «Hjälp Sökes»?

Björn: Ich habe mit Herbert Kretzmer, der «Les Miserables» geschrieben hat, «Kristina» auf Englisch übersetzt, und es gab eine konzertante Aufführung in der Carnegie Hall. Aber der Stoff ist sehr traurig und dreht sich um skandinavische Geschichte. Er scheint zu nordisch düster für den Rest der Welt.

Benny: Und ein neues Musical dauert drei bis vier Jahre.

Björn: Dafür bin ich zu alt.

ABBA haben vor 35 Jahren aufgehört. Sie beide haben aber immer wieder miteinander gearbeitet. Was ist der Kitt, der Sie zusammenhält?

Benny: Privat verbringen wir weniger Zeit zusammen als früher.

Björn: Ich war an Bennys 60. Geburtstag. Danach haben wir aufgehört, Geburtstage zu feiern. (schmunzelt) Ich glaube, Kollaborationen enden, wenn einer die Neugier auf Neues verliert.

Benny: Wir sind bei vielem nicht einer Meinung – aber nicht bei unserer Zusammenarbeit. Wir haben uns immer daran gehalten, dass beide mit einem Song happy sein müssen. Wenn ich Texte brauche für meine Band Benny Andersson Orkester, frage ich nur Björn, denn ich weiss, dann kommt es gut. Es ist ein Vertrauen da. Es ist schön, wenn es eine Person gibt, die die gleiche Wellenlänge hat und mit der man 50 Jahre Geschichte teilt. Björn ist wie ein Bruder. Ich kenne ihn besser als mich selber.

Was bedeutet es Ihnen, mehreren Generationen mit Ihren Liedern Freude bereitet zu haben?

Björn: Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns nicht jemand sagt, unsere Musik hätte ihm oder ihr aus irgendeinem Grund viel bedeutet. Intellektuell kann man das anhand von Verkaufszahlen nachvollziehen. Es emotional zu verstehen, ist jedoch sehr schwierig. Aber ich bin dankbar dafür.

Benny: Ich versuche, so seriös und so im Moment wie möglich zu sein, wenn ich Musik schreibe. Damit hat man eine gute Ausgangslage, dass es vielleicht jemand anderes auch anspricht, weil eine Authentizität dahintersteckt. Heute hört man Songs, die von einem Komitee geschrieben werden: Zuerst kommt jemand mit dem Bass-Track, dann jemand mit dem Schlagzeug-Beat. Irgendwann legt einer noch eine Melodie drüber. Wir hatten immer zuerst die Melodie, und drumherum bauten wir einen Song. Vielleicht bin ich einfach zu alt, um das zu verstehen.