Die Fahnen wehen schon wieder. Wer dieser Tage die Augen offen hält, kann sie erblicken von Kleinhünigen bis nach Pratteln. Die Region ist im Chorfieber und die Bewohner von Stadt und Land schmücken ihre Fenster, Balkone, Terrassen und Türen mit dem Logo des Europäischen Jugendchorfestivals (EJCF).

Hinter diesen Fahnen verbergen sich Gastfamilien sowie Jugendliche aus Basler Chören. Eine bessere Werbung kann es nicht geben – und gleichzeitig wohl kaum eine bessere Sache, für die man werben könnte. Denn hier geht es um die Begegnung von Jugendlichen aus ganz Europa und darüber hinaus, die eine gemeinsame Leidenschaft für das Singen teilen und mit ihrem Enthusiasmus die Region für fünf Tage in eine einzigartige Stimmung tauchen.

Neun herausragende Jugendchöre aus Europa, je ein Chor aus Israel und Südafrika sowie zahlreiche Chöre aus der Schweiz und der Region treten am Auffahrtswochenende an, die Vielfalt des Chorschaffens zu beweisen – von Volksmusik bis zu zeitgenössischen Klängen.

Die vor Singfreude sprühenden Jugendlichen im Konzert zu erleben, ist ein nachhaltiges Erlebnis. Von den drei parallel geführten Eröffnungskonzerten am Mittwochabend, über «Singe uf dr Strooss» am Samstagnachmittag und die SRG-Bühne auf dem Münsterplatz bis hin zum grossen Abschlusskonzert am Sonntag im Musical-Theater: Die Einladung nach Basel ist für die Chöre eine Auszeichnung und mit Stolz verbunden – und den kann man förmlich in jeder Note hören. Das haben die Festivalausgaben in den vergangenen Jahren bewiesen.

Mut zum Experiment

Doch genug der Vorschusslorbeeren. Das Festival hat sich in diesem Jahr neu erfunden. Neben Altbewährtem stehen neue Formate und Auftrittsorte an. Erstmalig legt ein Chorschiff am Freitag an der Schifflände an und bricht von dort jeweils zu anderthalbstündigen musikalischem Schifffahrten auf. Ein Konzerterlebnis vor besonderer Kulisse, das ist noch eine relative einfache Rechnung.

Andere Formate sind dagegen deutlich experimenteller und müssen sich erst noch bewähren. Die künstlerische und organisatorische Leiterin Kathrin Renggli hat sich und ihr Team vor ein paar neue Herausforderungen gestellt, auf die sie sich besonders freut: «Alles was gut organisiert ist, lässt Energie frei zum Singen. Und das wollen wir: so viel Energie wie möglich in das Singen geben. Deshalb organisieren wir möglichst präzise.»

Trotzdem bleibt durch die knappe Vorbereitungszeit ein Restrisiko. Wie es sich anhören wird, wenn alle 800 teilnehmenden Sängerinnen und Sängern am Samstagabend in der «Parade à l’envers» auf 250 Metern zwischen Münster- und Barfüsserplatz die Strasse säumen und dabei theoretisch das gleiche Programm singen, weiss heute noch niemand. «Vielleicht wird es eher wie ein Kanon klingen», vermutet Renggli. Mit Strassenkreide wird jedem Chor ein Wirkungsraum vorgegeben und dann heisst es, mal schauen, was passiert.

Es sind diese mutigen Ideen, die das EJCF dieses Jahr ausmachen. Und vor allem auch der Wille von Renggli, in diesen fünf Tagen ein möglichst vielfältiges Programm aus den Beteiligten heraus zu kitzeln. Auch die beiden neuen Formate «Juke Box», bei dem das Publikum selbst über den Ablauf entscheiden kann und «Time is now», bei dem die Regeln des Konzert-
betriebs ausser Kraft gesetzt werden, sind Testballons. Denn nicht alle Chöre sind solche experimentellen Formate gewöhnt.

Gäste aus Südafrika

Besonders für den diesjährigen Gastchor aus Südafrika, den Drakensberg Boys Choir, wird es eine Herausforderung sein, bemerkt Renggli. Obwohl dieser Chor, der als einzige Chor-Internatsschule im Land organisiert ist, ein nationales Aushängeschild darstellt, viel auf internationalen Konzertreisen unterwegs ist und sein Repertoire von klassischem, jazzigen bis zu afrikanischen Stücken reicht, scheint seine Aufführungskultur eher konventionell.

Doch die etwa 100 «Drakis» – wie die neun bis 15 jährigen Buben genannt werden – sind auch Abenteurer. Neben zwei Stunden Chorunterricht pro Tag stehen bei ihnen auch pfadi-artige Exkursionen durch die Berge auf dem Programm, an deren Fusse sich ihre Schule befindet.

Eine spannende, musikalische Begegnung mit 200 Kindern aus der Region gibt es am Freitagabend in der Peterskirche, wenn es heisst «Sing mit! Zum Thema Afrika».
Doch auch Chöre mit weniger Anreisestunden bieten neue Entdeckungen, so zum Beispiel das Vokalensemble Incantanti aus Graubünden, das sich unter anderem der reichen romanischen Volksliedkultur verschrieben hat. Der Chor ist beim Friendship Concert am Donnerstag in Laufen zu erleben.

Einer der Orte, der laut Renggli aufgrund der hohen Kapazität von 800 Plätzen noch gute Chancen auf Karten bietet. Insgesamt laufe der Vorverkauf noch besser als in den Vorjahren. Einige Konzerte seien gar schon fast ausverkauft.