Michael Jackson
Die Verkitschung des King of Pop soll seinen Erben 200 Millonen einbringen

Zehn postume Produkte sieht der Vertrag mit Sony vor, den die Nachlassverwalter von Michael Jackson abgeschlossen haben und der seinen Erben – den Kindern und seiner Mutter – mindestens 200 Millionen Dollar eintragen soll.

Hanspeter Künzler
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Im Rahmen dieses Vertrages sind bis jetzt der Soundtrack vom Kinofilm «This Is It» und «Michael», ein erstes Album mit bis dahin mehr oder weniger unveröffentlichten Aufnahmen, erschienen.

Mit «Immortal» steht Michaels nächster offizieller Wink aus dem Grab ins Haus. Es handelt sich dabei um den Soundtrack des neuen Michael-Jackson-Programmes, mit welchem das Post-Zirkus-Unternehmen Cirque du Soleil am 2. Oktober in Montreal Premiere feierte. Der Produzent und Programmierer Kevin Antunes hat seine Sporen mit Madonna, Rihanna, N’Sync und den Backstreet Boys abverdient. Ein ganzes Jahr lang soll er damit verbracht haben, aus Jacksons Archiv Liederfetzen zusammenzusuchen, um diese zu einem mosaikartigen Hisghtech-Potpourri zusammenzusetzen.

Unbekanntere Perlen

In unablässiger Folge prasseln die Refrains auf den Hörer ein, dazwischen gibts emsiges Beat-Geklapper für die Akrobaten und Tänzer. Thematisch verwandte Stücke werden verbunden – es gibt ein Jackson-5-Medley oder den «Immortal Megamix» mit «Can You Feel it»/»Don’t Stop Til You Get Enough»/»Billie Jean und Black Or White». Da werden alte Beats neu in den Vordergrund gerückt, dort durch neue Beats verdrängt. Elektronisches Geblubber, Donnern und Blitzen sollen zusätzlich «Atmosphäre» schaffen.

Als ein Versuch, ein quasi geheiligtes musikalisches Gesamtwerk in eine Collage für einen bunten Unterhaltungsabend zu verwursteln, steht «Immortal» nicht neu da: die Beatles (von George Martin persönlich) und Elvis sind ähnlichen Prozeduren unterzogen worden. Ihr künstlerisches Andenken hat deswegen keinen Schaden genommen. Mit Jackson wird es nicht anders sein, im Gegenteil: Das Programm dürfte Hörern, die nur die Hits kennen, Perlen wie «Is It Scary» oder «This Place Hotel» (ursprünglich «Heartbreak Hotel») näher bringen.

Ätzend sentimentale Aktion

Ganz anders der neue, halboffizielle Dokumentarfilm «Michael Jackson: Life of an Icon», der von Jacksons Jugendfreund David Gest produziert wurde. Sein Ziel sei es gewesen, den Bullshit, der über Michael verbreitet wäre, mit der Wahrheit zu kontern. Michaels Mutter Katherine und die Geschwister Tito und Rebbie halfen ihm dabei. Selbst die differenzierten Aussagen von Anwalt Thomas Meserau (Jacksons Verteidiger im Kindsmisshandlungsprozess von 2005) und Biograf J. Randy Taraborrelli können den Eindruck einer ätzend sentimentalen Säuberungsaktion nicht verdrängen.

Endlos schwärmen Stars, die Michael als Kind und Teenager kannten (kein Quincy Jones allerdings und niemand, der mit ihm nach 1980 arbeitete!), von seinem Talent und Charakter. Die während der Aufnahmen für einen TV-Spot erlittenen Verbrennungen werden als Anfang von Jacksons Leiden dargestellt: Vor Schmerzen wurde er medikamentensüchtig. Bis zuletzt sind danach immer andere schuld, wenn er in Bedrängnis gerät.

Indem Gest Michael als liebes Opfer darstellt, macht er aus ihm einen unmündigen Tölpel. Eine so plakative Darstellung wird Jacksons komplexem Charakter nie gerecht. Die Reduktion von dessen Leben auf eine zuckersüsse Idylle (selbst die Prügel von Vater Jackson führten nur zu Gutem!), wenn da nicht all diese bösen anderen gewesen wären, läuft Gefahr, den völlig falschen Eindruck zu hinterlassen, auch Jacksons Kunst sei banal gewesen.