Nachruf

Die Songs von Bill Withers sind längst unsterblich

Bill Withers, 2015, bei seiner Aufnahme in die "Rock and Roll Hall of Fame".

Bill Withers, 2015, bei seiner Aufnahme in die "Rock and Roll Hall of Fame".

Der grosse Soulsänger und Komponist von Song-Perlen wie «Ain’t No Sunshine», «Lean On Me» und «Lovely Day», ist im Alter von 81 Jahren an Herzversagen gestorben

Vor 35 Jahren war Schluss. Nach endloser Zankerei mit seinem Label zog sich der Soulsänger und Komponist Bill Withers entnervt vom Showbusiness zurück. Endgültig. Doch seine Songs, diese Meisterwerke der Popkunst, blieben gefragt bis heute. Allein von seinem grössten Hit «Ain’t No Sunshine» gibt es inzwischen über 350 aufgenommene Versionen. Am erfolgreichsten waren jene von Michael Jackson, Tom Jones und der Lighthouse Family für den Film Notting Hill. Unzählbar sind aber auch die Samples, die in Filmen und im Hip-Hop bis heute verwendet werden. Doch Bill Withers blieb zufrieden in der Versenkung und konnte von seinem zu Hause in den Hügeln von Los Angeles verfolgen, wie sich sein Vermögen vermehrte.

Auf Augenhöhe mit James Brown und Marvin Gaye

Seine Songs waren längst unsterblich, als er 2015 als alter Mann für sein Lebenswerk in die "Rock and Roll Hall Of Fame" aufgenommen wurde. Niemand hätte ihn erkannt, niemand hätte geahnt, dass dieser weisshaarige Mann mit Bart in den frühen 70iger-Jahren zu den grössten amerikanischen Stars gehörte. Auf Augenhöhe mit Soulgrössen wie James Brown, Marvin Gaye und Stevie Wonder.

Bill Withers ist 1938 in der Kohlegrubenstadt Slab Fork in West Virginia geboren und wuchs ohne Vater in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit 17 wurde er für die US Navy rekrutiert und blieb neun Jahre. "Weil ich dort solche Mengen essen konnte wie nie zuvor". Dort konnte er sich auch in einer Sprechtherapie das Stottern abgewöhnen. Nach der Militärzeit arbeitete er als Milchmann und Mechaniker und versuchte zwei Jahre lang ohne Erfolg mit selbst finanzierten Demobändern im Musikgeschäft Tritt zu fassen. Um seine Stimmbänder zu schonen, soll er bei der Arbeit eine Maske getragen haben.

Das änderte sich erst, als er Booker T Jones traf und vor 50 Jahren mit hochkarätigen Musikern wie Stephen Stills und Donald "Duck" Dunn (Bass) ins Studio ging. Das Album "Just As I Am" war eine Sensation und katapultierte den damals schon 33-jährigen Spätberufenen an die Spitze der amerikanischen Charts. Noch erfolgreicher waren die Songs "Ain’t No Sunshine" und "Harlem", in denen Withers die gesamte Bandbreite seines Könnens als Interpret, Texter und Komponist zeigte. Im Vergleich zur hitzigen, verschwitzten Musik von James Brown wirkte Withers Soul entspannt und elegant. Mit eindringlicher, manchmal fast lakonischer Stimme erzählte er berührende, persönlich empfundene Geschichten in starken Bildern. Dabei war seine Melodik stark von Blue Notes geprägt. Er sei "kein Virtuose", sagte er einmal dem "Rolling Stone", aber immerhin habe er es geschafft, "Songs zu schreiben, mit denen die Menschen sich identifizieren konnten".

Der Nachfolger "Still Bill" mit den Songperlen "Use Me" und "Lean On Me" und war sogar noch erfolgreicher. Den Höhepunkt erreichte er 1972 mit dem Livealbum in der Carnegie Hall, wo Withers ganze kommunikative Kraft und Intensität deutlich wurde. 1975 wechselte er zum Riesen CBS/Columbia. Mit "Lovely Day" (1977) und "Just The Two Of Us" (1982 mit Grover Washington jr.) gelangen ihm nochmals zwei meisterhafte Songs, doch wurde die Dringlichkeit früherer Tage vermisst. Sozialkritische Töne machten einer oberflächlichen Unterhaltung Platz. Müde von all den Streitereien im Musikbusiness zog er schliesslich die Konsequenzen. «Die Unterhaltungsindustrie ist eine Plastik-Kinderstube voll von Puppen, die vorgeben, menschliche Wesen zu sein. Aber die Art wie diese Puppen ihre Macht missbrauchen und Menschen zerstören, ist nur mit einem Wort zu beschreiben: obszön», sagte er damals in starken Worten.

Lagert ein Song-Schatz in den Hügeln von Los Angeles?

Bill Withers hielt Wort und trat nur noch ganz selten auf. Trotzdem soll er weiter Songs geschrieben und in seinem Heimstudio aufgenommen haben, bis ins hohe Alter. Er spürte aber kein Bedürfnis zu einer Veröffentlichung. Vielleicht lagert in den Hügeln von Los Angeles ein ungehobener Schatz.

Am 30. März ist Bill Withers im Alter von 81 Jahren in Los Angeles an den Folgen einer Herzkrankheit gestorben.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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