Beach Boys
Die Beach Boys kehren zum 50. an den Strand zurück

Mit einem bemerkenswert altmodischen Album zelebrieren die Musiker ihr 50-Jahr-Jubiläum. «That’s Why God Made the Radio» heisst das Album. Das Geburtswerk erscheint allerdings mit einem Jahr Verspätung.

hanspeter Künzler
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Touren auf ihrer viermonatigen Jubiläumstournee durch 66 Städte: Beach Boys.

Touren auf ihrer viermonatigen Jubiläumstournee durch 66 Städte: Beach Boys.

Keystone

Eigentlich müsste ein neues Album der Beach Boys von ähnlichen Fanfarenstössen begleitet sein wie ein Neuwerk von den Rolling Stones oder den verbliebenen Beatles (mit George Martin als Produzent). Dass dies wohl eher nicht geschieht, stellt bloss ein weiteres Kapitel dar in einem Familiendrama, das geprägt ist von Triumph, Tragik, Genialität, Dummheit und Neid.

«That’s Why God Made the Radio» heisst das neue Beach-Boys-Album, es erscheint zur Feier des 50. Geburtstages der Band – allerdings mit einem Jahr Verspätung – und begleitet eine ambitiöse Jubiläumstournee, die innert vier Monaten über 66 Städte führt. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die in fortgeschrittenem Alter durch die Lande touren, ist es auch nicht unbedingt eine Frechheit, die heutige Formation unter dem traditionsreichen Namen «Beach Boys» auftreten zu lassen. Vier der fünf Mitglieder – Brian Wilson, Al Jardine, Mike Love und David Marks – sind vom ersten Tag an dabei.

Marks, ein Nachbarsbub der Wilsons in Hawthorne, Kalifornien, wurde allerdings von Vater Wilson schon im Herbst 1963 aus der Band geekelt. 1997 kehrte er zurück, um den krebskranken Carl Wilson zu ersetzen. Der fünfte heutige Beach Boy, Bruce Johnston, ist immerhin auch schon seit 1965 mit von der Partie; er war es, der damals extra nach London flog, um John Lennon und Paul McCartney das taufrische Album «Pet Sounds» vorzuspielen.

Stets grosse Neuerer

Dennoch sträubt man sich, die heutigen Beach Boys «Beach Boys» zu nennen. Denn es fehlen nicht nur Brians verstorbene Brüder Carl und Dennis, die so viel zu den Gesangsharmonien und dem Charakter der Band beitrugen, sondern in gewissem Sinn auch Brian, dessen wohlpublizierten psychischen Probleme seine Möglichkeiten leider arg eingeschränkt haben.

Die Beach Boys waren grosse Neuerer. Sie brachten die millimetergenauen Gesangsharmonien von pfadfinderhaft sauberen Gruppen wie The Four Freshmen zusammen mit dem Rhythm&Blues eines Chuck Berry und dem exotischen Surf-Sound von Dick Dale und zerrten die aussenseiterhafte Kombination in den poppigen Mainstream. Es war dies ein nahrhafter Boden, der eine Generation von Musikern inspirierte. Brian Wilson blieb nach einem Nervenzusammenbruch im Studio und tüftelte am filigranen Kammerpop, der mit «Pet Sounds» und den «Smile»-Sessions zur Vollendung fand. Infolge Krankheit und Drogen war seine Beteiligung bei der Gruppe danach sporadisch.

Seine Kollegen jagten sich gegenseitig die Girlfriends ab, fällten desaströse geschäftliche Entschlüsse, feierten Partys mit Charles Manson, um sich via intensiver Hippie-Phase (Höhepunkt: das Album «Holland») in Richtung Nostalgie-Circuit zu bewegen. Dabei herrschte über Dekaden hinweg Krieg zwischen diversen Bandmitgliedern. So versuchte Mike Love erst vor ein paar Jahren vergeblich, den Firmennamen «Beach Boys» gerichtlich an sich zu reissen. Noch im letzten November erklärte der seit längerer Zeit nur noch solo tätig gewesene Brian, er und Love seien weiterhin nicht bereit, miteinander zu reden. Brian hatte, so sagte er, ein neues Album in Arbeit. Nicht ein Monat später kam die Nachricht, dass er sich mit den restlichen Beach Boys im Studio befinde.

Plaudernder Grossvater

Die Resultate auf dem ersten neuen Beach-Boys-Album seit sechzehn Jahren klingen verblüffend altmodisch und organisch – und das ist keineswegs bös gemeint. Am Surf-Sound von «Fun, Fun, Fun» und «California Girls» orientieren sich die zwölf neuen Lieder höchstens bezüglich Texten, in denen es nie regnet und die guten alten Tage ewig dauern («Some said it couldn’t last/all we’re saying is we’re still having a blast»). Der Klang orientiert sich eher an den getragenen Harmoniegesängen von «In My Room» oder der federleichten Beschwingtheit von «Kokomo», wobei die Stimmen erstaunlich frisch wirken. Der Gesamteffekt ist mit dem des Grossvaters zu vergleichen, der am lauen Sommerabend in der Gartenlaube über die alten Tage plaudert. Man hört ihm ganz gern zu, während die Sonne langsam über den Horizont hinausrutscht.

Beach Boys, «That’s Why God Made the Radio» (EMI)

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