Schwefelgrünes Licht, ein Haufen Frotteepantoffeln – hingeschleudert im Volkszorn – und mittendrin der Tod. Das muss die Hölle sein. Oder zumindest der Weltuntergang. Ist es aber nicht. Sehr zum Leidwesen des Todes, der über dräuenden Bassklängen gerade die sich weigernde Erde beschwört, doch bitte unterzugehen. Aber irgendwie scheint nichts nach Plan zu laufen.

Dabei hat alles so gut angefangen für Nekrotzar in Breughelland, das an Bilder des flämischen Malers angelehnt ist – und wo ohnehin schon alles im Argen liegt: besoffen die einen, sado-maso die anderen und der Fürst ein Würstchen. Da hätte man als Tod leichtes Spiel gehabt. Eigentlich.

Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Davon handelt «Le Grand Macabre», dieser grandiose Opernwitz von György Ligeti. Und wo ein Witz ist, da ist auch Menschliches, allzu Menschliches. Das wusste der Komponist, als er 1978 in seiner Oper die Weltgeschichte zum Kalauer machte – und unter anderem die Gestapo zu Gepopo.

Auf exakt dieser Achse unschuldigen Spiels ist die Inszenierung von Tatjana Gürbaca angesiedelt. Bei ihr tragen die Figuren kindliche Züge – und dazu Pudelmützen, die direkt Breughels Wimmelbildern entstammen könnten (Kostüme: Carl-Christian Andersen), sowie auch mal einen pinken Homedress mit Orchideen-Print im Schritt, wie es ihn damals noch nicht gab – hätte er aber existiert, Breughels Personal hätte bestimmt einen angehabt.

An diesem Abend trägt ihn allerdings die Regisseurin selbst. Denn wo bei Ligeti Weltuntergang draufsteht, ist auch Weltuntergang drin. Jedenfalls in Opern-Währung gerechnet, in der eine vergrippte Protagonistin (Judith Schmid) am Vortag der Premiere durchaus als Weltuntergang zählt.

Das Opernhaus hat es zwar geschafft, als musikalischen Ersatz Sarah Alexandra Hudarew aus Guadeloupe einzufliegen. Spielen musste aber eine Darstellerin, die die Inszenierung kennt. Bloss, wer? So kam es, dass die 45-jährige Regisseurin an der Premiere mitsamt ihren Sängern auf der Bühne steht. Ach was, steht! Trippelt, tänzelt, sadismelt (sofern das die korrekte Verbform für schnuckligen Sadismus ist), dass es ein Vergnügen ist. Offenbar ein Vergnügen auch für die Sänger, die mit vollem Einsatz mit dabei sind. Allen voran Leigh Melrose. Als Nekrotzar hätte er den Abend auch alleine geschmissen, so umwerfend gibt und singt er seinen Part: mal ganz à la Freddie Mercury, mal sonor im tiefen Baritonregister.

Aus Ernst wird Spiel

Doch das ganze Ensemble sorgt dafür, dass für einmal nicht aus Spiel Ernst wird. Sondern umgekehrt: aus Ernst Spiel. Allerdings ist es ein Spiel voller schillernder Andeutungen. Ähnlich jenen in der Musik. Diese streift die Hits der Musikgeschichte von «Königin der Nacht» bis Cancan und wirkt dabei erst noch als Stimmungsmacher. Denn Dirigent Tito Ceccherini lässt gemeinsam mit der Philharmonia Zürich die hier eingesetzten Autohupen auch mal swingen und fasst die oft repetitiven Klänge in grosse Bögen. Genauso schön gelingt das dem kantablen Liebespaar Amando (Sinéad O’Kelly) und Amanda (Alina Adamski). Auch die eingesprungene Sarah Alexandra Hudarew als Mescalina vereint Sopranglanz mit stimmlicher Präsenz. Und doch scheinen es die Gesangspartien in sich zu haben.

Vielleicht deshalb verlegt sich Alexander Kaimbacher als sympathischer Piet auf durchgehendes Fortissimo. Oder Eir Inderhaug, David Hansen und Jens Larsen auf schiere Spielfreude, hinter der der Aspekt der Musik ein wenig verblasst. Möglich, dass Ligeti genau das beabsichtigt. Nicht zufällig hat der Komponist sein Werk «Anti-Anti-Oper» genannt. Und als solche vermag sie in Zürich einen Abend lang die grossen Menschheitsfragen souverän durch den Kakao zu ziehen.

Noch bis 2. März; siehe www.opernhaus.ch