Lemmy Kilmister

Der ewige Outlaw: Lemmy lebte den Rock′n′Roll bis zum Schluss

Ian «Lemmy» Kilmister – Gründer, Sänger und Bassist der Heavy-Metal-Band Motörhead – ist 70-jährig gestorben.P. Bonet/Noor

Ian «Lemmy» Kilmister – Gründer, Sänger und Bassist der Heavy-Metal-Band Motörhead – ist 70-jährig gestorben.P. Bonet/Noor

Motörhead-Sänger Ian «Lemmy» Kilmister ist zwei Tage nach seinem 70. Geburtstag an Krebs gestorben. Der Mann mit der Totengräberstimme verkörperte den Geist des Rock′n′Roll wie kaum ein anderer.

Monströse Warzen, weisse Cowboystiefel, eisernes Wehrmachtskreuz – das waren die Markenzeichen des Schönsten aller Scheusale Ian Kilmister, besser bekannt als Lemmy. Gesundheitliche Probleme hatte der Sänger und Bassist von Motörhead schon länger, doch er lebte bis zuletzt wilder und antibürgerlicher als die meisten seiner rockenden Kollegen.

Geboren wurde Ian Fraser Kilmister an Heiligabend 1945 im britischen Stock-on-Trent als Sohn eines Feldkaplans der Royal Air Force und einer Bibliothekarin. Mit 16 infizierte ihn der Rock-’n’-Roll-Virus und Lemmy zog allein nach Manchester, wo er in verschiedenen Bands spielte. 1969 arbeitete er in London als Roadie für Gitarrengott Jimi Hendrix.

«Jimi hat mir gezeigt, wie man auf der Bühne den wilden Mann rauslässt und sich nach der Show wie ein perfekter Gentleman benimmt», sagte er zu jener Zeit. Ein einziges Mal durfte der Roadie Kilmister während einer Probe mit der Jimi Hendrix Experience jammen. Damals spielte er noch nicht Bass. «Ich war leider nur ein scheiss-mittelmässiger Gitarrist. Gut, dass es von der Session keinen Mitschnitt gibt», erzählte Lemmy noch in diesem Jahr.

Gründung vergessen

1970 stieg er als Bassist bei der legendären Space-Rock-Band Hawkwind ein und nahm mit ihr unter anderem den Hit «Silver Machine» auf. Bis zuletzt spielte er vorwiegend auf einem Rickenbacker-Bass, den er selbst «Rickenbastard» nannte und wie eine E-Gitarre einsetzte. 1975 wurde er gefeuert, nachdem er während einer Tournee vom kanadischen Zoll wegen Drogenbesitzes festgenommen worden war. Sein letzter Song für Hawkwind hiess «Motörhead».

An das genaue Datum der Gründung seiner Band Motörhead im Sommer 1975 konnte sich Kilmister nicht mehr erinnern. Vieles von damals ist im Drogennebel verschwunden. Sicher ist, dass diese Band von Anfang an als Bindeglied zwischen Punk und Heavy Metal fungierte. Aber die Vergangenheit spielte für Lemmy keine Rolle. Lemmy lebte immer im Hier und Jetzt. Das Morgen interessierte ihn nicht. Umso wichtiger war ihm, dass Motörhead wie ein Tritt in den Hintern wirkte.

Für die Metallica-Coverversion «Whiplash» erhielt Motörhead 2005 einen Grammy Award in der Kategorie «Best Metal Performance». 2013 folgte der prestigeträchtige «Golden Gods»-Award des Metal Hammer. Es waren späte Ehren für eine lange und intensive Karriere. «In der ersten Hälfte meiner Karriere habe ich so gut wie nichts verdient», sagte der röchelnde Rockstar, der lange in Los Angeles lebte – ohne Greencard. «Aber Geld ist mir egal. Ich würde heute auch dann noch Musik machen, wenn ich arm geblieben wäre wie eine Kirchenmaus.»

Motörhead - Ace Of Spades

Motörhead - Ace Of Spades

Die Themen des Mannes mit der Totengräberstimme waren eisenhart, weil Lemmy über einen Humor verfügte, der so schwarz ist wie der Dreck unter seinen Nägeln. «Ich kann nur über extrem gute oder extrem böse Dinge schreiben. Die Leute wollen doch immer nur Katastrophen. Also sollen sie sie auch kriegen», sagte er.

Vom musikalischen Standpunkt betrachtet war Motörhead eine Kampfansage an die Superstar-Welle. Die hitzigen, ungestümen 4-Minuten-Attacken waren fettiger als das Frühstück eines Strassenarbeiters. Lemmy wehrte sich gegen den Vorwurf, seine Musik klinge wie eine ständige Variation seiner Hymne «Ace Of Spades». «Ich lese immer: Unsere Songs klingen alle gleich! Das ist lächerlich. Wir bauen immer Überraschungen ein, nur merkt das meist kein Schwein.»

Die Sex Pistols, Nirvana und sogar Metallica haben sich von Motörhead beeinflussen lassen. Dave Grohls Metal-Projekt Probot mit Lemmy als Gastsänger war eine Liebeserklärung des Foo-Fighters-Frontmanns an seinen persönlichen Helden. «Lemmy ist einer der intelligentesten Menschen, die mir jemals begegnet sind. Super lustig, aber er hat auch todernste Seiten. Zum Beispiel, wenn man mit ihm über Geschichte diskutiert», sagte Dave Grohl.

In den letzten Jahren, vom Rock-’n’-Roll-Leben gezeichnet, wirkte Lemmy bei Konzerten oft schlaff und musste von den Kollegen Phil Campbell und Micky Dee angetrieben werden. Konzerte wurden gar abgesagt. Aus gesundheitlichen Gründen verzichtete er aufs Rauchen und trank Wodka-Orange statt Whisky-Cola. Lemmy lebte den Rock ’n’ Roll bis zuletzt und tourte wie eh und je sieben Monate im Jahr. Die Bühne war sein Leben. Am 8./9. Februar hätte er in der Arena Genf und in der St. Jakobshalle Basel spielen sollen.

Auf seiner Homepage steht nun Ian «Lemmy» Kilmister 1945–2015 «Born to lose, lived to win». Geboren, um zu verlieren. Gelebt, um zu gewinnen.

Motörhead - Rock Out

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