Musikförderung

«Der Aargau hat bei der Pop- und Rockförderung eine Pionierrolle»

Jürg Morgenegg vor seinem neuen Arbeitsort, dem Kanal K in Aarau. Fabio Baranzini

Jürg Morgenegg vor seinem neuen Arbeitsort, dem Kanal K in Aarau. Fabio Baranzini

Jürg Morgenegg gilt quasi als Vater der Pop- und Rockförderung im Aargau. Nach 16 Jahren im Aargauer Kuratorium zieht er Bilanz.

Wann hat das Aargauer Kuratorium mit der Förderung von Pop und Rock begonnen?

Jürg Morgenegg: Im Jahr 2000 mit meiner Anstellung. Ich wurde damals als Buchhalter der Geschäftsstelle angestellt. Zugleich wollte man etwas für Pop und Rock tun und betraute mich mit der Aufgabe.

Gab es zuvor gar keine Popförderung?

Nein. Aber der Druck aus der wachsenden Szene wuchs. Es wurden Gesuche gestellt, das Kuratorium konnte sie aber nicht berücksichtigen, weil es gar kein Gefäss dafür gab. Ausschlaggebend waren der damalige Geschäftsführer Hans Joerg Zumsteg und die Präsidentin Dorette Kaufmann, die zur Einsicht gelangten, dass alle Sparten gefördert werden sollten.

Wie war denn damals das Ansehen von Pop und Rock?

Die Sparte wurde zur Kenntnis genommen, was schon mal ein Fortschritt war. Aber die Musiker und Bands wurden nicht so richtig ernst genommen und mit kleinen Beiträgen abgespeist. Das Kuratorium ist für die Förderung des professionellen Kunstschaffens zuständig, Pop und Rock aber betrachtete man eher als Genre von Hobbymusikern. Die etablierten Kunstsparten erhielten grössere Beiträge und wollten daran auch nichts ändern.

Was war Ihre Aufgabe?

Man setzte Pop und Rock damals noch mit Jugendkultur gleich und wollte auf diese Weise etwas für die Jungen leisten. Deshalb wollte man jemanden wie mich, der noch jung war und sich in dieser Szene bewegte. Die Absicht war durchaus gut.

Sie waren damals noch selbst Musiker. Wurden Sie selbst auch gefördert?

Ja, ich war Mitglied der Band HNO. Zusammen mit Hendrix/Cousins und Lunazone waren wir 1999 die Ersten, die vom Kuratorium mit einem CD-Produktionsbeitrag unterstützt wurden.

Weshalb machen Sie keine Musik mehr?

Mich hat die Business-Seite der Musik immer schon interessiert. Ich habe also mein «Hobby» zum Beruf gemacht.

Es hat sicher auch Widerstände gegen die Popförderung gegeben?

Ja, die gab es. Das Kuratorium hat jedoch eine gute Debatten- und Streitkultur. Auch heute wird noch hart, aber fair diskutiert. Der Stellenwert von Pop ist aktuell aber viel besser. Für die Gleichstellung der Sparten musste der Fachbereich teilweise hart kämpfen.

Was waren die Argumente? Wieso sollen Pop und Rock gefördert werden?

Pop, Rock und Jazz sind Kunstformen wie jede andere Sparte auch. Kunst und Kultur sind ein Grundbedürfnis der Menschen und sollen deshalb gefördert werden. Also auch Pop und Rock.

Was sagen Sie zum Argument, Pop als kommerziell ausgerichtete Sparte soll nicht gefördert werden?

Das ist ein weitverbreiteter Irrtum, den man aber tatsächlich bis heute hört. Kommerziell heisst, dass deine Arbeit gewinnorientiert ist. Ich kenne aber keinen Musiker, der Songs schreibt, um letztlich einen Gewinn zu erwirtschaften. Die meisten sind froh, wenn überhaupt ihre Auslagen gedeckt sind. Ich bin sogar der Meinung, dass es nichts Kommerzielleres gibt, als in einem Staatsorchester zu spielen, wo sogar die Proben bezahlt sind. In Pop, Rock und Jazz ist das undenkbar.

Wieso hat sich der Stellenwert von Pop verbessert?

Die Jazz- und Popschulen haben viel dazu beigetragen. Das hat zum Umdenken geführt und das Ansehen der Musiker gestärkt. Gleichzeitig muss man auch sagen, dass diese Schulen das allgemeine Niveau der Schweizer Pop- und Rockmusik gehoben haben. Wichtig war dabei, dass sich vor allem die Jazzschulen stilistisch geöffnet haben. Das kann auch für das Kuratorium gesagt werden, die Berührungsängste sind heute weitgehend weg.

Im Aargau gibt es aber keine solche Schule. Ein Nachteil?

Der Campus in Basel ist eine tolle Sache. Im Rahmen der Fachhochschule Nordwestschweiz ist der Aargau dort angeschlossen. Doch eine solche Schule im Aargau wäre natürlich schon nützlich. Denn sie würde eine Szene schaffen und beleben.

Aktuell gibt es sehr aktive, initiative und kreative Aargauer Bands und Musiker, die auch landesweit für Aufsehen sorgen. Eine eigentliche Szene gibt es aber nur in Baden.

Das ist so. The «hot shit» in Sachen Aargauer Pop und Rock passiert zurzeit in Baden. Es zeigt auch den Wert von Treffpunkten, wie es sie in Baden gibt. Früher das Merkker, heute das Werkk und das Royal. Sie schaffen einen inneren Zusammenhalt, ein Gemeinschaftsgefühl. Bands wie Al Pride, OneSentence.Supervisor, Pamplona Grup, The Pedestrians und Yokko helfen einander, tauschen Musiker aus und befruchten sich gegenseitig. Das ist wirklich mustergültig. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade diese Bands für Aufsehen sorgen.

Wie wird Pop am besten gefördert?

Die Kulturförderung soll sich nicht selbst inszenieren. Sie ist für den Kunstschaffenden da. Die beste Kulturförderung ist deshalb jene, die sich an den Bedürfnissen der Kunstschaffenden orientiert. Ob sie direkt die Personen oder die Strukturen unterstützt, ist dabei nebensächlich. Wichtig ist, dass es beides gibt. Also die Werkbeiträge für die Künstler und die Produktionsbeiträge, von denen auch das Umfeld profitiert.

Wie ist die aargauische Popförderung im kantonalen Vergleich?

Sehr gut. Die Städte Basel und Zürich fördern das Popschaffen seit einiger Zeit sehr vorbildlich. Auf kantonaler Ebene hat der Aargau aber sicher eine Pionier- und Vorreiterrolle. Ich kenne jedenfalls keine anderen Kantone, die Musik-Produktionsbeiträge von bis zu 15 000 Franken sprechen.

Jetzt haben Sie gekündigt und hören nach 16 Jahren beim Kuratorium auf. Haben Sie alles erreicht? Aufgabe erfüllt?

Es gäbe da schon noch einiges. Zum Beispiel ein Kompetenzzentrum Rock im KiFF in Aarau, zusammen mit Bandräumen, Konzertsälen und einer Agentur an einem Ort ist eine schöne Vision. Auch substanziellere Beiträge für die Musikschaffenden wären schön.

Sie werden Geschäftsführer von Kanal K. Was reizt Sie an dieser neuen Aufgabe?

Ich freue mich auf ein motiviertes Team. Die Aufgabe ist jetzt besonders reizvoll, weil die Medienlandschaft neu definiert wird. In diesem Umbruch hat Kanal K als Ausbildungs- und Mitmachradio eine gute Chance, ein zeitgemässes, alternatives Lokalradio zu sein.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1