Hirzenberg Festival
Das heikle Spiel mit Idylle und Natur

Das Zofinger Hirzenberg Festival bietet diese Tage drei unterschiedliche Programme. Den Beginn machten zwei unterschiedliche Klavierduos. Leider im Stadtsaal anstelle des Hirzenberg-Gartens.

Christian Berzins
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Antoine Francoise und Robin Green im Stadtsaal Zofingen.Yolanda Senn Ammann

Antoine Francoise und Robin Green im Stadtsaal Zofingen.Yolanda Senn Ammann

Was bleibt, wenn einem der stimmungsvollsten Freiluft-Klassikfestivals der Schweiz das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht? Beim Zofinger Hirzenberg Festival ist das immer noch sehr viel. Denn, da mögen andere Aargauer idyllenkritische Festivalintendanten noch so sehr von ihrem eigenen wohldurchdachten Programm schwärmen, auch in Zofingen steht primär mal ein tolles Programm. Danach folgt der Zauber im Hirzenberg mitsamt Grillenzirpen und Sommerduft.

Gartenluft im Stadtsaal

Diesen Gartenzauber gabs für einmal wegen des schlechten Wetters nicht. Immerhin: Die Präsidentin des Vereins Kulturraum Hirzenberg, Yolanda Senn, hatte viel getan, um einen Hauch Hirzenberg in den nüchternen Stadtsaal zu zaubern. Aber trotz Kerzen, Blumen, Wein, Speisen und bezauberndem Licht blieb hier für einmal die Konzentration ganz auf die Musik – jedenfalls solange unser Sitz-Nachbar die Werke und die Künstler nicht provinzdumm grunzend und plappernd kommentierte.

Der Anfang des Programms war zum Glück auch schon sein Tiefpunkt. Das junge Klavierduo (Antoine Francoise und Robin Green) wagte sich an eine eigene Bearbeitung von Ludwig van Beethovens 6. Sinfonie, der «Pastorale». Auf einem wackeren Flügel gings hinein in Beethovens feinfühlige Naturhymne, doch mehr als ein fragmentiertes Skelett war davon in dieser VierHand-Fassung nicht zu erkennen.

Das Gerüst war von den Briten hübsch in Watte gepackt, zu oft aber waren die Klangwege allzu einfach. Und im Detail fehlte es an pianistischen Fähigkeiten. So waren denn die zauberhaften Motive ohne Weite, der berüchtigte Wachtelschlag charmelos, da überzeichnet, das tobende und zuckende Gewitter geriet zum fetten Platzregen.

Spannender und pianistisch ausgereifter wurde ihr Spiel bei den vier Stücken von György Kurtag: zwei eigenen und zwei Bach-Bearbeitungen. Hier war plötzlich ein Beben zu spüren und weiterführende Ideen zu erkennen.

Wie spiele ich «Natur»?

Aussergewöhnliche Klavierkunst war erst nach der kleinen Stehpause beim zweiten Klavierduo zu erleben. Die Schweizer Adrienne Soós und Ivo Haag zeigten, wie viel es braucht, um die Natur musikalisch einzufangen: So, dass das Klavierspiel nicht überidyllisch oder gar kitschig wird.

Jedes der drei ausgewählten Klavierstücke aus Schumanns op. 85 hatte einen eigenen Charakter, denn da wurden duftende Stimmungen evoziert, mit Effekten gespielt – nicht plump mit dem Finger darauf gezeigt.

«Am Springbrunnen» plätscherte das Wasser frisch, aber auch eine Spur unheimlich. Und in Claude Debussys Klavierfassung von «La Mer» hörte man, dass majestätisches Wellenspiel ziemlich modern sein kann, wenn zwei Pianisten Feinheiten einer Partitur erkennen können. Wie man schliesslich Dieter Ammanns vor 19 Jahren geschriebenes Werk «Regard sur les traditions» bewältigte, war famos. Da stand derselbe Flügel wie zu Beginn des Abends, aber plötzlich war er voller Klang – prächtig!

Ammann, künstlerischer Leiter des Festivals, führte selbst in seine Komposition ein und versuchte auch die Musiker zum Reden zu bringen. Der Abend wurde lang und länger – und doch wäre es schade gewesen, auf eine sanftsüsse Schumann-Zugabe von Soós/
Haag zu verzichten, versöhnte sie doch für alle kleinen und grösseren Nebengeräusche.

Hirzenberg Festival: 16.8., 20 Uhr, Mercury Quartet, 20 Uhr. After-concert- band: Dieter Ammann Quartett. Bei Schlechtwetter im Stadtsaal. Infos: www.hirzenberg.ch

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