Rock
Bruce Springsteen will nicht mehr für Barack Obama Wahlkampf machen

Ist das der Mann, der die Wut im Bauch hat, manchmal auch den Blues? Mit entspanntem Lächeln tritt der schwarz gekleidete «Boss» auf die Bühne des Pariser Theaters Marigny. Bruce Springsteen stellt sein neues Album vor.

Stefan Brändle, Paris
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Ohne Allüren, nur mit seiner raumfüllenden Reibeisenstimme versehen, wirkt seine Einfachheit wohltuend nach dem übertriebenen Geheimprogramm, das die Sony-Leute für das «Weltevent» aufgezogen haben.

Gestaute Wut und Melancholie

Warum sein neuster Wurf so wutgeladen sei, will ein britischer Journalist danach von Springsteen wissen. Der antwortet gut gelaunt, es sei dem Rock’n’Roll noch immer bekommen, wenn der Musiker «pissed off» sei. Aber im Ernst, er sei «pretty angry», und «Wrecking Ball» – zu Deutsch Abrissbirne – sei eine Metapher für die heutigen USA, «wo die Leute aus ihren Häusern gejagt werden, wenn sie kein Geld mehr haben». Schon in seinen früheren Albums The River, Nebraska oder Born in the USA habe er es als seinen Job betrachtet, «die Entfernung zwischen amerikanischem Traum und amerikanischer Realität zu messen». «Halt’ dich an deine Wut», singt Springsteen denn auch im ersten Song «We take care of our own», der Singleauskopplung, die bereits als Hymne für die Occupy-Bewegung herumgereicht wird.

Es folgt das böse Gaunerstück «Easy Money», mit fidelen Folk-Einlagen und entsprechender Laune: «Ich hab eine Smith&Wesson 38 und ein Höllenfeuer in mir». Dann eine bittere Anklage über die Spekulanten auf dem «Bankerhügel». Im vierten Song «Jack of all trades» wird Springsteen noch deutlicher: «Der Banker wird fett, der Arbeiter wird dünn/ Das war schon immer so, und wird es auch wieder so sein.» Einer will «die Bastarde abknallen».

«Death to my hometown» beschliesst die erste Hälfte des Albums mit ebenso viel Punch und Anklage gegen die Aasgeier-Armee, die ohne Bomben und Kanonen «unsere Familien und Fabriken zerstört und uns die Häuser nimmt».

Auf seinem unbequemen Barhocker erzählt Springsteen, die erste Hälfte des Albums sei während der Wirtschaftskrise 2009 und 2010 entstanden. Seine Songs enthielten aber auch Hoffnungselemente, betont er: «We take care of our own» lasse sich lesen Aufruf, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Die Occupy-Bewegung bei Wall Street habe immerhin ermöglicht, dass in den USA wieder über Gleichheit und Gerechtigkeit debattiert werde – das sei in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr der Fall gewesen. Wegen George Bush sei er vor vier Jahren auch für Barack Obama aufgetreten, meint der Altrocker; in der neusten Kampagne werde er das aber nicht mehr tun: «Ich bin kein professioneller Wahlkämpfer.»

Neues Album und Tour

Das neue Album «Wrecking Ball» von Bruce Springsteen ist ab 2. März erhältlich. Am 9. Juli tritt der Boss live im Letzigrund Zürich auf.

Und dann gibt es auch noch die zweite, persönlichere Hälfte des Albums. «This depression» kommt von tief unten, und die Gastgitarre von Tom Morello (Rage against the Machine) ist so hirnzersetzend wie die Niedergeschlagenheit, die Springsteen um Hilfe schreien lässt. Der Rest des Albums ist E-Street Band pur, so auch das Liebeslied «You’ve got it», in dem Springsteen seine ganze Wortgewalt belegt. Weniger eingängig sind die Gospel- und Rap-Anleihen in «Rocky Ground» – aber vielleicht muss man sie sich mehrmals anhören, was in Paris nicht möglich war. Mit der Friedhofsballade «We are alive» findet Springsteen schliesslich ein augenzwinkerndes Ende, als sich die Gräber öffnen und «die Augen mit Himmel füllen».

Springsteen hält sich wacker auf dem hohen Sessel und reagiert amüsiert auf die Frage, ob seine neue Rolle als Protestsänger nicht eine Last sei. «Ich leide schrecklich darunter, wenn ich nachts in meinem grossen Haus einschlafe, das bringt mich noch ganz um», scherzt er selbstironisch.

Als sich die Journalisten bei Champagner und Amuse-gueules von der geballten Ladung Springsteen erholen, taucht der «Boss» aber nochmals an der Bar auf. Ohne Glas, ohne jede Anmassung, aber sehr offen erklärt er, warum die Tea Party in seinem Land eine so «verheerende Wirkung» habe.

Die Mutter trug die ganze Familie

Springsteen erzählt auch, wie er zur Politik gekommen sei. Das gehe bis auf seine Jugendzeit zurück, als seine irisch-italienischen Eltern hart geschuftet hätten. Sein Vater sei durch die Arbeitslosigkeit wie «entmannt» worden, seiner Mutter habe «alles auf ihren Schulter gelastet».

Und wie hält man sich vier Jahrzehnte in einem Geschäft, dem vor Whitney Houston schon ganz andere zum Opfer gefallen sind? «Man muss versuchen, den Schaden in Grenzen zu halten, wenn man unten ist», meint Springsteen, ohne zu überlegen. «Wenn der Schaden nicht zu gross ist, lassen sich die Dinge wieder einrenken.»