Klassik
Argovia-Philharmonic-Konzert: Wie mit einer Sprungfeder

Das zweite Abo-Konzert des Argovia Philharmonic trumpfte mit Pianist Matthias Kirschnereit auf. Keine extravaganten Experimente, sondern mitreissender original Mozart.

Vincent Abt
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Pianist Matthias Kirschnereit. Maike Helbig

Pianist Matthias Kirschnereit. Maike Helbig

Der Tüchtige wird belohnt. Das gilt insbesondere für die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer, welche die Einführung zum zweiten Abo-Konzert des Argovia Philharmonic besuchten. Pianist Matthias Kirschnereit gab sich unverhofft die Ehre und plauderte über Mendelssohn und Mozart. Gott sei Dank stellte Frau Dr. Verena Naegele, die die Veranstaltung «Hinter den Kulissen» souverän moderierte, die Gretchenfrage nach dem Interpretationsspielraum in der klassischen Musik. Was konkret Mozart betrifft, hatte der Mann vom Fach eine schöne Metapher parat: Es sei wie mit einem schillernden Fisch, der, sowie aus dem Wasser gezogen, matt erscheine. Will heissen, nur nicht zu viel hineininterpretieren.

Diese Devise berücksichtigend, zeichnete sich die Aufführung des Klavierkonzerts Nr. 27 in B-Dur vergangenen Sonntag nicht durch extravagante Experimente, sondern durch stilsicheren, mitreissenden original Mozart aus. Bei den Solokadenzen hielt sich Kirschnereit, der in der Pause bereitwillig Auskunft gab, an die vom Komponisten ausgeschriebenen Versionen. Einzig einige Aufgänge seien hie und da eigenmächtig verziert worden. Trotz der Gefahr des Vorwurfs, das könne im Nachhinein jeder behaupten – es waren unter anderen diese Stellen, welche der Musik, ähnlich der Kraft von Sprungfedern, energiegeladene Impulse gaben.

Felix Mendelssohns Ouvertüre «Ruy Blas» wurde ihrer Bezeichnung in funktionaler Hinsicht vollauf gerecht, insofern sie das Konzert eröffnete. Vom literarischen Gehalt gleichnamigen Theaterstücks (Victor Hugo) hielt Monsieur Bartholdy nicht viel, er fand es ungeheuerlich. Gleich zu Beginn bot sich dem Orchester unter Dirigent Rossen Milanov eine erste Gelegenheit sich zu beweisen. In der trockenen Akustik des Kongresshaus-Saals hätte man bei den zarten Unisono- und Pizzicato-Stellen der Streicher jede noch so kleine Ungenauigkeit unerbittlich gehört.

Tugend zur Exaktheit

Hätte – denn musiziert wurde exakt. Die Tugend zur Exaktheit trat stark im Bereich der Rhythmik zutage, was später vor allem auch der Brahms-Symphonie zugutekam. Während es in der Kunst als solcher kein Richtig oder Falsch gibt, gibt es das im Bezug auf den Notentext sehr wohl. Was etwa die Notenlänge betrifft, ist sie ja nichts anderes als ein abstrakter mathematischer Wert. Wunderbarerweise wird eine individuelle Auslegung damit aber nicht ausgeschlossen. So fand der bulgarische Maestro mit den ihm anvertrauten Musikern einen Weg, die Begleitung zum Seitenthema regelrecht funky zu gestalten.

Dass Rossen Milanov und das Orchester im Vorfeld volle Qualitätsarbeit geleistet haben, zeigte sich bei der Symphonie Nr. 2 von Brahms deutlich. In den ersten zwei schön melodiösen und ergo kantablen Sätzen hörte man mit grosser Klarheit, wie die musikalischen Gedanken von einer Instrumentengruppe zur nächsten hüpften. Und weil sich die ausführenden Künstler schliesslich auch irgendwie bewegen müssen, konnte man es zusätzlich sehen.

Apropos sehen: Herrn Milanovs Dirigierstil ist elegant, dem Auge gefällig, bar jeglichen übertriebenen Pathos, wenngleich mit dem nötigen Nachdruck, wo erforderlich, überwiegend aber beherrscht und beherrschend auch mit feinsten Nadelstichen.

Wie eine Parodie seiner selbst

Schön, kann man über Kunst disputieren. Die beiden letzten Sätze, welche der Johannes von der Feder liess, geben prächtigen Anlass dazu. Der dritte Satz ist im Stil folkloristischer Tanzmusik geschrieben. Als wäre das alleine nicht schon schlimm genug, kommt darin noch ein brachiales Marsch-Motiv vor. Dr. Naegele sieht darin ein Stilmittel Brahms’, sich von Mendelssohn abzugrenzen. Schon möglich, aber dazu hätte es durchaus weniger plumpe Massnahmen gegeben.

Der letzte Satz wurde in der Einführungsveranstaltung als jubelnder, stürmischer Satz beschrieben, in dessen Schlusssteigerung es, Zitat, «volle Pulle» zu- und hergeht. Das stimmt. Von grossen Kunstwerken jedoch heisst es, sie seien zeitlos. Dieses Stück hingegen klingt in der heutigen Zeit wie eine Parodie seiner selbst. Der Umkehrschluss liegt auf der Hand, es ist kein besonders gelungener Satz. Der mit musikalischem Feingefühl gesegneten Clara Schumann war bereits das Schluss-Furioso der ersten Symphonie des Guten zu viel. Das wird mit der Zweiten nicht besser. Au contraire. Aufgrund dessen und der offensichtlichen Argumentationsgrundlage (die ständigen Wiederholungen, Oktaven-Verdoppelungen und Fortissimos stehen Schwarz auf Weiss in der Partitur) scheinen die Vorteile in der Causa Naegele versus Schumann aufseiten letzterer zu liegen.

Viel wichtiger ist aber Folgendes: Dank der bereits angesprochenen rhythmischen Agilität des Argovia Philharmonic gelang Rossen Milanov insgesamt eine Interpretation, die auch für den aktuellen Zeitgeschmack konsumerabel ist. Ist nicht gerade das eine der grössten Leistungen, die ein klassisches Orchester heutzutage vollbringen kann?

Argovia Philharmonic. 2. Abo-Konzert: Formschön. Erneut am 24. 11., 19.30, Trafo Halle Baden.

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