«Los jetzt!» Der grosse Mittagstisch in den Studios wird abgeräumt, rund ein Dutzend Leute strecken sich, trinken die letzten Schlucke Kaffee und gehen nach hinten in den Proberaum. Unter ihnen Sus Zwick, Muda Mathis, Fränzi Madö- rin und Michèle Fuchs, die momenta- ne Besetzung der Reines Prochaines, der – das kann man ruhig so sagen – berühmtesten Frauenband Basels wenn nicht gar der Schweiz. Wer Einwände hat, der kann sie auch die älteste Frauen- band des Landes nennen, denn die Reines machen seit 30 Jahren aktiv Musik.

Ein Jubiläum, das gefeiert werden soll, auch wenn es streng genommen knapp zwei Jahre zurückliegt, wie der findige Journalist am Mittagstisch bemerkt. Fränzi Madörin winkt ab: «Die Idee zur Revue haben wir im Jubiläumsjahr entwickelt». Mehr gibts gar nicht zu diskutieren, die Probe steht an! «Let’s sing Arbeiterin» heisst die Revue, zu der Les Reines Prochaines befreundete Künstlerinnen und Künstler eingeladen haben.

Sus Zwick steht am Mikrofon, David Kerman gibt am Schlagzeug den Takt vor. «We are sitting on a train trough a post-comunistic country» singt der Chor. Der Zug durch die Ruinen der verblassten Utopien fährt von Moskau über Peking bis Havanna. Die schräge Reisetruppe tippelt singend präzis choreografiertes Ringelreihen, nimmt auf Küchenhockern Platz, schwenkt Fahnen, die keine Staaten, sondern kunterbunten Haushalt markieren.

Neben den vier Königinnen tanzen Sibylle Hauert, Dororthea Schürch und Chris Regn, allesamt Wegbegleiterinnen der Reines. Aber da singen auch Regisseur Marcel Schwald, der Requi- siteur Chris Hunter und der Grafiker Lukas Acton. So ist das hier im Reich dieser Königinnen: Hinter der Bühne ist auch auf der Bühne. Wer abwäscht, steht auch im Rampenlicht. Das ist kein Konzept, keine Strategie, sondern war ganz ein- fach schon immer so. Wer mitmacht, soll mitmachen. Seit über 30 Jahren.

Küchenkonzert in der Gärtnerei

Begonnen hat das Künstlerinnenkollektiv ganz klassisch. Regina Florida Schmid, Teresa Alonso und Muda Mathis lernen sich in der Kunstgewerbeschule kennen, es sind die Achtzigerjahre, die Zeit der Stadtgärtnerei, der Jugendrevolten. Junge Menschen, die aktivistisch sind, sich Freiraum erkämpfen wollen. Die vier Frauen treten zum ersten Mal im Januar in der Alten Stadtgärtnerei auf, als Reines des Couteaux, im Gegenprogramm zu einer Männerband. Schweizer Frauenbands gibt es damals kaum, in Zürich zwei, drei, in Basel gehören die Reines zu den ersten.

Das Konzert ist mehr eine Performance als ein Songprogramm, ein «Küchengeschnetzel»: Auf der Bühne steht ein Küchentisch, daneben zwei Bügelbretter, eins mit Kochplatte, eins mit Synthesizer. Im Hintergrund hängt ein Monitor. Die drei Künstlerinnen hacken und schneiden, machen Musik mit den Küchengeräten und dem Synthesizer und singen vom Köchin-Sein. Am Ende essen alle gemeinsam die Suppe. Aktivistischer Postpunk mit feministischem Einschlag, hätte es die «Basler Zeitung» genannt, wäre sie vor Ort gewesen. Die Reines nennen es Kollektiv, und bald mit neuem Namen: Reines Prochaines, die nächsten Königinnen. Der Name klingt wie ein Versprechen: Wir werden die nächsten Königinnen sein. Aber auch: Uns gibt es für immer. Ist ja klar, dass wir nie tatsächlich Königinnen werden. Wir bleiben immer kurz davor. Die nächsten Köni- ginnen sind hier, um zu bleiben.

Es folgt – für Schweizer Post-PunkVerhältnisse – eine Bilderbuchkarriere: Die Reines Prochaines sind in ganz Europa unterwegs, in sich immer wieder ändernden Konstellationen. Pipilotti Rist kommt und geht, Barbara Naegelin und Gabi Streiff auch. Ohne grossen Knatsch oder Tratsch, man ist schliess- lich keine Retorten-Boyband. Die Reines sind ein organisches Kollektiv, Frauen kommen für Projekte dazu, und wenn anderes ansteht, gehen sie wieder.

Schenkel zu

So musizieren sich die Reines Prochaines durch die Konzertlokale und Museen bis ins Schweizer Fernsehen, wo der nervöse Moderator Muda Mathis bittet, doch bitte nicht so breitbeinig dazusitzen, sonst könne er sich nicht mehr konzentrieren. Mathis grinst.

Die Reines singen von durchtrainierten Herren mit dürren Hoden und welker Haut. Und verkörpern das Gegenteil: Starke, laute Frauen voller Kraft und Humor. Jedes Programm hat eine sorgfältig erdachte Story. Mal sind die Reines Präsidentinnen, mal Heldinnen, mal Verdächtige in einem Mordfall, mal Angestellte in der Butterabteilung eines Nahrungsmittelherstellers. Sie singen: «We change the usual into something special, we change the rules and the edge of facts.» Sie wollen die Welt nicht nacherzählen, und schon gar nicht erklären. Sie wollen sie erfinden. «Geht weiter als erlaubt!», schreiben sie in ihrem Manifest, «Zögern ist blöd.»

Wahres für Gutes

Doch wer denkt, die Reines stehen nur in Kostümen auf der Bühne und machen dazu etwas aktivistischen Radau, irrt. Hinter der wilden Spontaneität steckt harte Arbeit, hinter den lauten Parolen intelligente Kommentare zur Gegenwart. «Wenn du etwas Gutes willst», steht ebenfalls im Manifest, «musst du etwas Wahres geben.»

Diesem Leitspruch bleiben die Königinnen auch nach 30 Jahren treu. In der «diskursiven Revue», dem Geburtstagsgeschenk der Reines, geht es um das Bild der Arbeiterin und des Arbeiters, vermittelt über einen Reigen von Songs: 14 Lieder sind für diese Tour des Femmes angekündigt, darunter die Lawinenballade, der Hungerchoral, die Analysendisco oder der Emanzipationsrumba. Bilder der kapitalistischen und kommunistischen Propaganda werden auf das Familienalbum und helle Zukunftsaussich- ten treffen. Die Reines beginnen dort, wo die Arbeiterbewegung noch nicht von der strammen Organisationskultur der Sozialisten domestiziert war. Die Arbeiterinnen sangen und tanzten, während die Männer redeten und schossen. Von diesen anarchischen Anfängen schlägt «Let’s sing Arbeiterin» den Bogen zur zweiten Frauenbewegung der Sechzigerjahre, zum Verschwinden der Arbeiterklasse im westlichen Neokapitalismus bis zum entsolidarisierten Prekariat unserer Tage.

Den anarchischen Geist der Achtzigerjahre haben sich die Königinnen bewahrt. Sie sind die Expertinnen, wenn es darum geht, Systeme und Hierarchien mit fröhlichem Dilettantismus zu unterlaufen. So lustig, schräg und absurd die Form, so ernst ist ihnen der Inhalt. Auch bei dieser Produktion: «Wir stecken doch immer noch im Sumpf des Kapitalismus», sagt Muda Mathis, als die Probe vorbei ist. «Natürlich müssen wir versuchen, das System zu ändern.» Die Königinnen der Selbstermächtigung sind auch nach 30 Jahren noch auf Forschungsreise in Sachen Freiheit.

Let’s Sing, Arbeiterin! Eine diskursive Revue von Les Reines Prochaines & Freund*innen, 23. bis 27. Januar, Kaserne Basel. Weitere CH-Daten folgen.