Interview

AC/DC-Gitarrist Angus Young: «Wie es nach Axl weitergeht, wissen wir nicht»

Angus Young letztes Jahr im Letzigrund

Angus Young letztes Jahr im Letzigrund

AC/DC-Gitarrist Angus Young (61) und Bassist Cliff Williams (66) sprechen vor dem einzigen Auftritt in der Schweiz mit der «Nordwestschweiz» über Schicksalsschläge, Zukunftspläne und Aushilfs-Leadsänger Axl Rose.

AC/DC mit Axl Rose auf dem «Highway to Hell» – das konnten sich eingeschworene Fans der Aussie-Rocker bis vor kurzem beim besten Willen nicht vorstellen. Doch der exzentrische Guns-N’-Roses-Shouter kann durchaus überzeugen als Ersatzmann des von Taubheit bedrohten Brian Johnson – und erinnert sogar ein bisschen an dessen legendären Vorgänger Bon Scott.

War es naheliegend, Axl Rose zu fragen, als Sie einen Ersatzmann für Brian Johnson suchten?

Angus Young: Eigentlich nicht. Als wir von Brians schweren Hörproblemen erfuhren, wussten wir zuerst nicht, wie es weitergehen sollte. Aber dann erzählte uns jemand, mit dem wir seit Jahren zusammenarbeiten, dass Axl Rose uns gerne dabei helfen würde, diese Tour zu Ende zu bringen.

Also hat Axl Rose Sie angesprochen?

Young: Ja. Er war sehr enthusiastisch, was uns betrifft, und stand praktisch in den Startlöchern.

Was befähigt ihn, bei AC/DC zu singen?

Young: Nun, er hat vor allem eine enorme stimmliche Bandbreite. Guns N’Roses haben bei ihren Konzerten immer auch ein paar Songs von uns gespielt. Von daher wusste ich, dass Axl dazu in der Lage ist.

Cliff Williams: Er singt diese Songs wirklich sehr gut. Seine Stimme passt einfach zu uns.

Bei Ihrer ersten gemeinsamen Show in Los Angeles musste Axl Rose aufgrund einer Verletzung im Rollstuhl sitzen. Wie war das?

Young: Axl hatte sich am Fuss verletzt, als er mit Guns N’Roses eine Clubshow spielte. Aber als er sich bei uns vorstellte, stand er noch aufrecht! Axl ist ein extrem disziplinierter Mensch, er kam direkt nach seiner Operation zu den Proben.

Williams: Obwohl er im Rollstuhl sass, hat er sich den Arsch abgesungen. Beeindruckend! Aber es geht ihm von Show zu Show besser, er kann inzwischen wieder laufen.

Haben Sie dank Axl Rose jetzt mehr Optionen? Sie spielen bei dieser Tour ja auch Songs, die Sie seit Jahrzehnten nicht mehr angefasst haben.

Williams: «Touch Too Much», «If You Want Blood» oder «Rock ’n’ Roll Damnation» waren allesamt Vorschläge von Axl. Es ist toll, in den eigenen Backkatalog einzutauchen. Erfrischend sowohl für uns als auch für das Publikum.

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Haben Sie auch schon daran gedacht, etwas von Guns N’Roses zu spielen, etwa «Sweet Child O’ Mine»?

Young: Also, diesen Vorschlag hat Axl noch nicht gemacht. (Lacht.)

Machen Sie gerade eine Verjüngungskur durch?

Young: Das liegt an den besonderen Umständen. Sogar Axl sagt, dass es eigentlich nichts zu feiern gibt, denn Brian war ein grossartiger und wichtiger Teil dieser Band. Nichtsdestotrotz findet Axl es aufregend, diese Songs zu singen gemeinsam mit den Leuten, die sie geschrieben haben. Etliche der Stücke, die wir jetzt spielen, mussten wir gemeinsam erst wieder erlernen. (Lacht.)

War das schwer?

Young: Zum Teil war es für alle Beteiligten eine Herausforderung. Jetzt hoffe ich, dass wir unseren eigenen Songs gerecht werden.

Ist das ein neuer Anfang für AC/DC oder lediglich eine Interimslösung?

Williams: Axl Rose ist für uns eine tolle Möglichkeit, diese Tour zu Ende zu bringen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber dieser Kerl ist und bleibt herausragend.

Young: Yeah.

Und wie geht es Brian Johnson?

Williams: Es geht ihm gut. Er arbeitet intensiv an seinem Gehör gemeinsam mit einem Spezialisten, der in seiner Stadt lebt. Brian muss jetzt sein Gehör schützen und alles dafür tun, es zu verbessern.

Hat er Sie bei Ihren Shows mit Axl besucht?

Williams: Nein, er ist zurzeit nicht in Europa. Natürlich ist er jederzeit willkommen.

Was werden Sie tun, wenn die Ärzte ihm davon abraten, jemals wieder aufzutreten?

Young: Axl machen diese Shows riesigen Spass, aber wie es danach mit AC/DC weitergeht, wissen wir nicht. Diese Tour mit Axl zu Ende zu bringen, war für uns die beste Option.

Haben Sie jemals in Betracht gezogen, ganz aufzuhören?

Young: Aufhören? Diese Entscheidung würde mir persönlich extrem schwerfallen. Die Sache mit meinem Bruder Malcolm (erkrankte 2014 an Demenz a.d.R.) war schon sehr bitter für mich. Und dann kam auch noch diese unangenehme Geschichte mit Phil (der einstige AC/DC-Schlagzeuger wurde 2015 wegen Drogen-Besitzes zu acht Monaten Hausarrest und einem Entzug verurteilt a.d.R.) dazu, damit hatte niemand gerechnet. Das waren wahnsinnig grosse Herausforderungen für die Band. Wir wollten aber immer weitermachen und nach vorne schauen.

Rente ist im Rock-’n’-Roll-Geschäft keine Option?

Young: Keine Ahnung. Man macht es halt, solange man sich dabei gut fühlt. Du weisst ja nicht, was morgen passiert. Ich spiele jedenfalls weiter und Cliff auch.

Williams: Und es ist grossartig!

Woher nehmen Sie bei all den Schicksalsschlägen, die die Band in letzter Zeit trafen, die Kraft zum Weitermachen?

Williams: Ich schlafe viel.

Young: (Meckerndes Lachen.)

In den letzten Monaten hat die Musikwelt etliche grosse Stars verloren: Lemmy, David Bowie, Prince. Wie möchten Sie eines Tages abtreten?

Young: Wenn ich eines Tages goodbye sage, dann tue ich das hoffentlich mit einem guten Gefühl. Ich möchte einen schönen Abgang haben. Die Vorstellung, von einem Bus überfahren zu werden, finde ich schrecklich. Das macht bestimmt keinen Spass.

Ist AC/DC Ihr Schicksal?

Young: Also, meines auf jeden Fall. Ich bin ja der Letzte von der Originalbesetzung. Aber auch Cliff hat einen grossen Batzen seines bisherigen Lebens mit AC/DC verbracht. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich mit 61 noch in einer Schuluniform rumlaufen würde. Aber hier bin ich. Und sie passt immer noch!

Können wir irgendwann auf ein neues Album von AC/DC hoffen?

Young: Keine Ahnung. Das hängt von vielen Faktoren ab. Wenn wirklich alles gut läuft, dann hoffe ich ja.

Schreiben Sie bereits neues Material?

Young: Wenn ich auf Tour eine gute Idee habe, schreibe ich sie natürlich auf. In Amerika zum Beispiel sind mir ein paar schöne Sachen eingefallen.

Neigen Sie dazu, jede neue Idee automatisch mit Ihren grössten Erfolgen zu vergleichen?

Young: Nein, damit würde ich mich bloss einschränken. Als Erstes denke ich immer: Ist das ein guter Song? Das ist das einzige Kriterium. Aber manchmal denke ich: «Das ist eine gute Idee, aber es geht noch besser.» Auf diese Weise fordere ich mich selber heraus.

Wer beeinflusst Sie heute?

Young: Ich höre heute immer noch dieselben Sachen, die ich bereits in jungen Jahren gehört habe. Dank des Internets finde ich über diese Musik immer mehr heraus. Das ist klasse. Taylor Swift ist für einen Rockmusiker nicht besonders spannend.

Williams: Aber sie sieht sehr gut aus!

Warum spielen Sie Ihre letzte Show mit Axl Rose eigentlich ausgerechnet in Deutschland?

Williams: Wir sind glücklich, dass wir diese Möglichkeit haben, weil Axl ja noch andere Pläne hat.

Wer ist eigentlich Ihre Lieblingsband aus Deutschland?

Young: Lieblingsband? Da muss ich einen Moment drüber nachdenken. Wahrscheinlich sind es die Scorpions. Ich kenne Klaus (Meine, die Red.) sehr gut. Die Scorpions gibt es ja auch schon eine ganze Weile. Sie haben Geschichte geschrieben und sind immer noch sehr populär. Das muss man sagen.

Hatten die Scorpions einen Einfluss auf AC/DC?

Young: Dafür sind wir zu verschieden, sie spielen ja eher Rock und Metal. Sie sind für uns vielleicht kein Einfluss gewesen, aber sie haben trotzdem sehr viel auf die Beine gestellt. Ich bin ein grosser Fan von dieser Art von Rockmusik. Je mehr es davon gibt, desto besser.

AC/DC live: 29.5.2016, Bern, Stade de Suisse, ab 19 Uhr.

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