Hätte man am Samstagabend im Dietiker Pfarreizentrum St. Agatha die Augen geschlossen – man hätte annehmen dürfen, in Italien zu sein. «Buon giorno!» und «come stai?» klang es durch die Flure. Fast war man irritiert, als zwischendurch ein Fetzen Schweizerdeutsch das Ohr erreichte.

Nur konsequent, dass auch die Begrüssung zum Weihnachtskonzert «Christmas at the Opera» auf Italienisch erfolgte. Marco Raimondi stellte seine eigens aus Italien angereiste Musikformation vor: 60 Mitglieder des «Ensemble e Coro Sinfonico Amadeus», ein Chor und Teile eines Symphonieorchesters. Alle waren erst wenige Stunden vor Konzertbeginn in Dietikon eingetroffen. Organisiert wurde der Anlass vom «Circolo Culturale Sandro Pertini», der bekannt dafür ist, italienische Operntalente nach Dietikon zu holen.

Raimondi, der die Truppe dirigierte, wirkte mit seiner feurigen und fesselnden Art ganz so, wie man sich einen Maestro vorstellt. Auf die Übersetzungsversuche eines herbeigerufenen Kollegen hätte man deswegen verzichten können. Man war von Raimondi eingenommen, auch wenn man ihn nicht verstand.

Es wurde ohne Reserve geweint

Freilich war nicht nur die italienische Sprache in Dietikon an diesem Abend omnipräsent, auch das italienische Lebensgefühl verschaffte sich hier Ausdruck.
Dass Italiener um grosse Gefühle nicht verlegen sind, zeigte sich zum Auftakt mit Donizettis «Una furtiva lagrima». Auch wenn die Arie so heisst: Wirklich verstohlen war die Träne nicht, die hier vergossen wurde. Vielmehr wurde ganz ohne Reserve geweint. Vorgetragen wurde die Arie von Kim Hyuk Soo, der das Stück mit einer gewaltigen und schlicht hinreissenden Stimme zum Besten gab. Das Publikum, das den Saal bis zum letzten Platz füllte, dankte es ihm mit lauten Bravorufen.

Die Anzahl der Opernbegeisterten ist wohl eher im Rückgang begriffen. Und so kündete Raimondi als Konzession an den Zeitgeschmack einen Popsong an. Etwas bescheiden stand er neben den Arien von Verdi und Donizetti da, wie ein Schosshund neben einer ausgewachsenen italienischen Dogge. Immerhin versuchte auch «You raise me up» die grossen Gefühle zu beschwören und wurde von Laura Landonio überzeugend gesungen.

Zurück in die traditionelle Opernwelt führte Barbara Suzanne Post, die «Mercè, dilette amiche» von Verdi vortrug. In ihrem prächtigen weinroten Ballkleid markierte sie eine unübersehbare Präsenz auf der Bühne. Und diese Stimme! Raumfüllend wäre sie auch ohne Mikrofon gewesen, und ihre Abstecher in die höchsten Tonlagen versetzten in Erstaunen.

Gewaltiger Applaus, der nicht enden wollte

Als darauf wieder Kim Hyuk Soo die Bühne betrat, empfing ihn ein vorfreudiger Jubelsturm. Kräftig hob er an und liess sich auch von einem lauten, just dann abgehenden Klingelton nicht aus der Ruhe bringen. Mit «Nessun dorma» sang er eine der bekanntesten Opern-Arien.
Manche mögen sich an Luciano Pavarotti erinnern, wie er sie mit seiner hellen und vibrierenden Stimme zum Besten gab und sich danach den Schweiss von der Stirne tupfte.

Kim Hyuk Soo mochte sich daran ein Vorbild genommen haben, so voller Schmalz trug er sie vor und mit einer fast ebenso grossen Wirkung auf das Publikum. Viele Zuhörerinnen und Zuhörer erhoben sich aus den Stühlen, der Applaus war gewaltig und wollte nicht enden. Zum Gelingen des Stückes hatte freilich auch der Chor beigetragen, der sich am Samstagabend immer wieder dramatisch hervortat.

Was ihn und die Solisten so überzeugend gemacht hatte, verriet Raimondi am Schluss: Nur technisches Können genüge nicht, Herzblut brauche diese Musik! Und an Herzblut hatten es die Italiener nicht fehlen lassen.