Musik
Neue Platte von Stefanie Stauffacher: Lara Stoll steigt in den Keller

Lara Stoll hat soeben den Salzburger Stier für ihr Werk als Slam-Poetin bekommen. Nun veröffentlicht sie als Stefanie Stauffacher mit Lukas Marty eine ziemlich wilde und ziemliche tolle Platte.

Michael Graber
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Lukas Marty und Lara Stoll. Und eine Katze.

Lukas Marty und Lara Stoll. Und eine Katze.

Bild: Jonas Frehner

Stefanie Stauffacher klingt nach Keller. Die Beats hallen in Gedanken von kahlen Wänden zurück. Das Strobo flackert. Die Nebelmaschinenschwaden vermischen sich mit Zigarettenrauch. Es ist etwas zu eng und etwas zu heiss und viel zu laut. Es ist der Soundtrack einer Nacht, nach der man irgendwann aus dem Keller stolpert und ganz verwundert in den Tag blinzelt.

Stefanie Stauffacher sind Lukas Marty und Lara Stoll. Beide sind in der Ostschweiz aufgewachsen und irgendwann in Zürich gelandet. Marty bastelt die Beats. Einen Punk-Eurodance-Electro-New-Wave-Rave. «Psytrance und Rollschuhdisco» nennen sie es selber im Pressetext. Irgendwie treffend. Dazu zu tanzen ist unmöglich, dazu nicht zu tanzen aber auch. Die Beats preschen gerade nach vorne, sie sind repetitiv und wummern sich langsam ins Ohr.

Der Kopf hat Hausverbot

Stoll singt, rappt und spricht darüber. Die Slam-Poetin textet eine Mischung aus lautmalerischen Dadatexten und mit Sinnfetzen versetzten Nachdenkstücken. «Schön arbeiten/immer schön/schön bespielen/schöne Beispiele/nicht vergessen/heimlich kommen/Kreise malen/Ich jage dich, ich schlafe nicht/Aus tiefstem Schlunde strahle ich/schön ist's hier/schau wie ich tu/ Magentarot.» Und während die Worte noch durch die Gehirnwindungen schleichen und ergründet werden wollen, dropt Stoll (33) noch rasch einen «Mambo No. 5» hinterher. Der Kopf hat Hausverbot im Keller.

Noch deutlicher wird dies in «Fenster». Einem 80er-Disco-Kracher, gefüttert mit bestem Johann-Schneider-Ammann-Memorial-Schulfranzösisch. «La fenêtre est ouverte/peut-être que tu fermes la fenêtre/et peut-être que tu ne comprends pas.» Verstanden? Pardon: Avez-vous compris?

Zwischen «Minipic» und «Mini-Line»

Es bleibt aber nicht immer derart rätselhaft. In «Höhli» rattern Stoll und Marty sich durch die Rastlosigkeit eines jungen Leben in einer Stadt. Lauter kleine Blitzlichter, die vom Verschwinden in die Nacht und der Flucht aus dieser erzählen. Ein «Minipic» trifft hier auf eine «Mini-Line», Häppchen hier, Häppchen da, weil «sterbe cha me au no morn». Stets mit grossen Träumen ausgestattet: «Vielleicht isch es Zit für mich für es bitzli vo de Wält, je noch dem halt wis so us de Gasse bellt.»

Schlicht hinreissend ist das Cover von «Campari Soda». Auf Grounding-Geschwindigkeit runtergebremst und trotzdem immer in der Schwebe. Wenn Lara Stoll über verzerrte Orgelklänge den Ventilator «lisslig summen» lässt, entwickelt das einen dunklen Sog und treibt weit weg. Fasten your Seatbelt. Keine Turbulenzen, aber mitfliegende Sorgen. Immer weiter driftet der Beat und das Flugzeug verschwindet im gedanklichen «Wulchemeer». Es ist befreit vom Pauschalreisen-Fernweh und am Schluss muss man für «es isch als würds mi nüme gäh» gar nicht mehr abheben.

Nicht überall auf «Stefanie» funktioniert die Melange. «Plasma» wabert recht zähflüssig und «Lemon Juice» hat gewisses Nervpotenzial. Meistens finden Stoll und Marty den Ausweg aus der Sackgasse des zu viel Wollens. «Balthasar» ist eine Hommage an Balthasar Glättli, der von Stefanie Stauffacher für die edelste aller Aufgaben auserkoren wurde. Er muss die World saven. «Stay tuned/AKW/Palmöl/Internet/Stay tuned», singt Stoll an den Präsidenten der Grünen. Am Anfang mehr fragend, am Schluss flehend-schreiend: «Balthasar! Save! The! World!»

Stoll gegen Loco Escrito

Lara Stoll hat sich erst kürzlich an den Swiss Music Awards über die Austauschbarkeit von Hits lustig gemacht, da alle nach demselben Muster gebaut seien. Eben auch jener, der in der Kategorie «Best Song» gewonnen hat, für den sie die Laudatio hielt. Der Ausgezeichnete Loco Escrito fands weniger witzig und reagierte angesäuert. «20 Minuten» liess seine Leser darüber abstimmen, was sie zum «SMA-Beef» meinen. Zur Auswahl standen unter anderem «Dude, sowas von gar nicht» und «lol what».

Nun hat es nicht einen einzigen Hit auf der Platte von Stefanie Stauffacher, der am selben Ort wie ein Loco-Escrito-Song gespielt werden könnte. Marty und Stoll suchen solche Nummern nicht. Loco Escrito will in die geschniegelten Clubs voller selbstverliebter Selbstoptimierer*innen, Stoll und Marty in den Keller. Bei Loco kostet der Red-Bull-Vodka 25 Franken, bei Stauffacher gibt es zu warmes Bier für drei Stutz. Im Zweifel für den Keller. Prost.

Stefanie Stauffacher: Stefanie (Blaublau Records), ab Freitag

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