Musik
Best of April: Die Alben des Monats

Was für ein Meisterwerk! Der 80-jährige Saxofon-Koloss Pharoah Sanders hat uns mit dem Electronica-Musiker Floating Points und dem London Symphony Orchestra am meisten begeistert. Jazziges auf Grossbritannien und der Schweiz komplettieren die Bestenliste des Monats April.

Stefan Künzli
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Saxofon-Legende Pharoah Sanders.

Saxofon-Legende Pharoah Sanders.

Paul Charbit / Gamma-Rapho

1. Pharoah Sanders, Floating Points & The London Symphony Orchestra: Promises

«John Coltrane war der Vater, Pharoah Sanders der Sohn und ich der Heilige Geist». Albert Ayler, der dies formulierte, ist längst im Jazzhimmel, Coltrane sowieso, doch Pharoah Sanders, der 80-jährige Methusalem des Spiritual Jazz, ist lebendiger denn je. Eine neue Generation von Musikern hat den Giganten wiederentdeckt und führt sein Erbe weiter. Auch Sanders selbst ist wieder da, nachdem er sich in den letzten Jahren rar gemacht hat. Der Grund für seine Rückkehr heisst Sam Shepherd. Ein 34-jähriger britischer Electronica-Musiker, der noch vor wenigen Jahren als DJ unter dem Namen Floating Points Londoner Clubs beschallte. Sanders hörte sein Debüt «Elaenia» und wollte ihn unbedingt kennenlernen. Nach fünfjähriger Arbeit liegt nun das 46-minütige Opus vor. Leitmotiv ist ein harfenähnliches, wiederkehrendes Arpeggio, das London Symphony Orchestra liefert die Grundierung, und Sanders erkundet mit seinem Horn sacht und behutsam Zeit und Raum. Er, der einst mit brachialem Ton Mauern zum Einstürzen brachte, spielt hier erstaunlich zerbrechlich, transparent und sparsam. Eine Musik, die durch ihre Einfachheit und schlichte Schönheit besticht und eine grosse emotionale Wirkung erzeugt. Eine neue zeitgemässe Version spiritueller Musik auf musikalischer Sinnsuche in düsterer Zeit.

2. Nubiyan Twist: Freedom Fables

Genregrenzen existieren in der aktuellen Londoner Jazzszene nicht. Es zählt der Groove, das Verwischen aller groovebasierten Genres aus Afrika und Amerika in London. Das gilt auch für Nubiyan Twist. Auf bläserlastigem Afro Beat aufbauend, hat das famose Kollektiv nun das brodelndste Gebräu der Saison gemischt und sich gleichzeitig eine Reihe der vielversprechendsten englischen Sängerinnen für Gastauftritte geangelt. Merken muss man sich vor allem den Namen Cherise.

3. Zurich Jazz Orchestra: Dedications & Steffen Schorn

Das Zurich Jazzorchester (ZJO) gehört seit Jahren zu den europäischen Spitzenorchestern. In den sechs Jahren unter der Leitung des deutschen Steffen Schorn hat es noch an Profil gewonnen. Umso glücklicher ist man in Zürich, dass Schorn als Composer in Residence erhalten bleibt. In dieser Funktion legt er nach «Three Pictures» sein zweites Werk mit der Zürcher Grossformation vor. Schorn liebt es, die klanglichen Möglichkeiten einer Grossformation auszureizen, vor allem in den tiefen Registern. Insofern hat er noch einen Zacken zugelegt. So lernen wir die faszinierenden und selten gespielten Instrumente wie die Contra Alto Clarinette, die Bass Trompete oder die Tubax kennen. «Dedications» ist aber auch etwas grooviger und wuchtiger als der Vorgänger, vernachlässigt die zarten, raffinierten Passagen aber nicht.

Übrigens: Wenn im November der renommierte amerikanische Bandleader und Komponist Ed Partyka die musikalische Leitung übernimmt, bleibt Schorn dem ZJO als Composer in Resicence erhalten. Für März 2022 ist mit «To My Beloved Ones» schon die nächste Scheibe geplant.

4. Kali Trio: Loom

Mit dem Trio Heinz Herbert und Schnellertollermeier bildet das Kali Trio zurzeit den innovativen Dreiklang des einheimischen Musikschaffens im Bereich von Minimal, Jazz, Post-Rock und Elektronik. Das mag auch mit der Soundästhetik zu tun haben, die beim Kali Trio neu geschärft wurde. Passend erscheint das Album auf dem Label des «Zen Funk»- und «Ritual Groove Music»-Pianisten und Komponisten Nik Bärtsch. Die Minimal-Ästhetik mit ihren repetitiven Elementen und langen Bögen ist im Umfeld der elektronischen und der zeitgenössischen Musik seit einigen Jahren angesagt. Hier wird nicht «l’art pour l’art» zelebriert oder atmosphärisch weichgespült. Die Tracks erzeugen Spannung und ziehen rein. In repetitiven Zyklen nehmen sie Gestalt an, genährt von sich verzahnenden Rhythmusfiguren und durchwoben von berückenden Klangbildern. Die Tracks sind dicht gestrickt und entfalten einen Sog. In der Horizontale entwickelt sich die Groove-Spur, manchmal fast wie ein Clubtrack, während sich in der Vertikale die Figuren und Themen der drei Instrumente vermischen; aufgeheizt mit einem betörenden Soundwerk aus Noise und Effekten, das diesem Album zusätzlich etwas Besonderes verleiht.

5. Irène Schweizer Hamid Drake: Celebration

Bis um Mitternacht mussten Irène Schweizer und ihr Duo-Partner, der amerikanische Schlagzeuger Hamid Drake, warten, bis sie endlich ihr Konzert bestreiten konnten. Der aufgestaute Ärger entlud sich in einem rasanten Startfurioso. Die Anspannung löste sich und das Konzert am Jazzfestival in Nickelsdorf entwickelte sich zu einer wunderbaren Lektion in Sachen Interplay. Leichtfüssig, geistreich, intensiv und feurig. Am 2. Juni wird die Grande Dame des Schweizer Jazz 80 Jahre alt. Es ist dieses «unbändige Gefühl der Freiheit», das sie immer wieder betont, das sie vital hält.

6. Alfa Mist: Bring Backs

Der britische Pianist Alfa Mist stammt zwar auch aus London, genauer aus dem Osten von London, doch seine Version des Jazz treibt nicht wie jene der hippen Kolleginnen und Kollegen aus dem Süden der Stadt. Sie pulsiert entspannt und ist in der Besetzung mit zwei Bassklarinetten von atmosphärischem und melancholischem Gestus. Doch mit gefälliger Lounge-Plätscherei hat Alfa Mists Musik nichts zu tun. Die Spannung entsteht im Wettstreit ums Tempo: Die feurige Trompete von Johnny Woodham zieht an, will ausbrechen und davon galoppieren. Alfa Mists weiches Elektro-Piano beruhigt ihn und holt ihn auf den Boden zurück. Keep it cool! Alfa Mist kreiert eine neue Form des Cool Jazz.