Bester Buchthriller des Jahres
Mord im Angesicht der Atom-Apokalypse

Der beste Buchthriller dieses Jahres thematisiert eine der dramatischsten Situationen des Kalten Krieges.

Arno Renggli
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Die Sprengkraft der «Zar-Bombe» (je nach Quelle bezeichnet als RDS-220 oder AN-602) blieb zum Glück bis heute einmalig.

Die Sprengkraft der «Zar-Bombe» (je nach Quelle bezeichnet als RDS-220 oder AN-602) blieb zum Glück bis heute einmalig.

Ullstein

Am 30. Oktober 1961 wurde die mächtigste Bombe der Menschheitsgeschichte aus einem russischen Spezialflugzeug über einem Testgelände im Polarmeer abgeworfen. Die Detonation der als RDS-220 bezeichneten Wasserstoffbombe erfolgte in einer Höhe von 4000 Metern und war gewaltig. Die Pilzwolke stieg auf eine Höhe von 64'000 Metern und erreichte eine Höchstbreite von 95 Kilometern.

Die Schockwellen zerstörten Fensterscheiben bis nach Norwegen und Finnland, in 900 Kilometern Entfernung, wurden von Erdbebensensoren in den USA und Japan registriert.

Der Chefkonstrukteur der Bombe, der später als Regimekritiker berühmt gewordene Andrej Sacharow, schätzte die Sprengkraft auf 56 Millionen Tonnen TNT, etwa das 3800-Fache der Hiroshima-Atombombe. Die ganze Welt war schockiert davon – auch Sacharow selber. Dabei hatte er noch im Vorfeld eine neue Ummantelung der Bombe, die aus Uran bestand und die Sprengkraft noch erhöhen sollte, wieder demontieren und durch einen konventionellen Bleimantel ersetzen lassen.

Zu sehr fürchtete er eine unkontrollierbare Detonation, die gar den Fortbestand der Menschheit gefährden konnte. Nach RDS-220 weigerte sich Sacharow, je wieder am Bau einer Bombe mitzuwirken, und setzte sich für ein Verbot von Atomtests in der Atmosphäre ein.

Spannend und beklemmend kafkaesk

Owen Matthews: Black Sun. Bastei Lübbe, 430 S.

Owen Matthews: Black Sun. Bastei Lübbe, 430 S.

Bastei Lübbe

Diesen Hintergrund verwendet der englische Autor Owen Matthews für seinen Thriller «Black Sun»: KGB-Agent Wassin wird in die geheime Stadt Arsamas-16 geschickt, um den angeblichen Selbstmord eines jungen Physikers aufzuklären. Arsamas-16 liegt abgeschottet in den Wäldern Zentralasiens und beherbergt alle Physiker, Ingenieure und Techniker, die an der Entwicklung der gewaltigsten Wasserstoffbombe arbeiten, sowie deren Familien.

Das Eintreffen von Wassin kommt höchst ungelegen, denn in neun Tagen soll die Bombe erstmals gezündet werden. Niemand will reden, die KGB-Kräfte vor Ort behindern Wassins Nachforschungen. Denn das Bombenprojekt darf durch nichts aufgehalten werden, selbst wenn der Suizid in Wirklichkeit Mord wäre.

Eine besondere Knacknuss ist der Chefkonstrukteur der Bombe: Yuri Adamov (eine literarische Entsprechung von Sacharow). Was dem jungen Physiker, der mit ihm an der Bombe gearbeitet hat, widerfahren ist, scheint ihn nicht zu interessieren. Umso verdächtiger ist er. Und da ist noch Adamovs junge Frau, die ebenso faszinierende wie mysteriöse Mascha, in deren Bann Ermittler Wassin zunehmend gerät. Was hatte sie mit dem Toten zu tun?

Nicht nur des historischen Hintergrunds wegen packt dieser Thriller. Da ist auch das kafkaeske Setting, in welches Wassin hineingerät: eine künstliche, surreal wirkende Stadt mitten in der Einöde, die den Bewohnern jeden Luxus bietet und sie zugleich mit einer steten nuklearen Gefahr leben lässt. Beides wird mit einer geisterhaften Gleichmut quittiert.

Ebenfalls an Kafka erinnert die Verwaltungsmaschinerie an, die sich Wassin nicht nur in der Stadt in den Weg stellt, sondern auch sein bisheriges Leben beeinflusst hat. Auch er hat seine privaten Leichen im Keller, die ihn angreifbar machen und zunehmend seine Entscheidungen beeinflussen. Diese werden immer schwieriger, nicht nur wegen Mascha.

Denn ein moralisches Dilemma kristallisiert sich heraus: Ist Mord gerechtfertigt, um eine Gefahr für die gesamte Menschheit zu reduzieren? Kann der Protagonist aus dem Schatten des Systems heraustreten? Tun, was er für richtig hält?

Auch der Krimiplot hält die Spannung bis zum Schluss hoch. Und während der ganzen Lektüre steht man unter dem Eindruck, wie nahe die Menschheit im Kalten Krieg an ihrer eigenen Auslöschung stand. Man hofft, dass diese zerstörerische Kraft heute besser unter Kontrolle ist.