Michel Houellebecq
Was taugt der neue Roman «Vernichten»? Der Titel klingt martialisch, aber der französische Starautor gibt sich erstaunlich milde

Am Schluss von «Vernichten» kündigt Michel Houellebecq an aufzuhören. Sein neuer Roman liest sich stellenweise wie ein Vermächtnis. Und eine Hauptfigur darin hofft auf einen Wirtschaftskrieg. Alles ernst gemeint?

Julian Schütt
Drucken
Teilen
Michel Houellebecq gibt sich im neuen Roman lieber nachdenklich, statt politische Bocksprünge vorzuführen.

Michel Houellebecq gibt sich im neuen Roman lieber nachdenklich, statt politische Bocksprünge vorzuführen.

Bild: Philippe Matsas/Flammarion

«Ich bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt; für mich ist es Zeit aufzuhören.» Dieser Satz Michel Houellebecqs steht in der Danksagung am Ende des neuen Romans «Vernichten». Wer Mühe mit der Lektüre oder dem Autor hat, wird aufatmen und sagen: Endlich hört er auf!

Hat man den Roman aber beglückt gelesen, ist man danach selbst wie vernichtet. Im einzigen Interview in «Le Monde», das Houellebecq vor der Veröffentlichung gab, hat er die Aussage zum Glück wieder relativiert. Er werde weiterschreiben, solange es geht. Und um es klarzumachen: Houellebecq ist auch mit 65 Jahren literarisch überhaupt nicht am Ende, auch wenn sich «Vernichten» stellenweise wie ein letztes Buch liest.

Im Anhang des Buches äussert Houellebecq einen anderen bemerkenswerten Satz. Angesichts des Lebens, das er als schwerer Raucher führe, sei er prädestiniert, an einem Krebs im Hals- oder Mundbereich zu erkranken.

An seiner Statt bekommt Paul Raison, Hauptfigur des neuen Romans und ebenfalls Raucher, diese Diagnose, und zwar schon mit 50 Jahren. Houellebecq leuchtet diese Krankheitsgeschichte und den Gang zu den Spezialisten so präzis und hingebungsvoll aus, als hätte er sie selbst durchgemacht.

Auch andere Schicksalsschläge Pauls, zum Beispiel ein Hirnschlag seines Vaters, erzählt Houellebecq geduldig, ohne sich um wichtige Details zu drücken. Im Gespräch mit dem stummen Vater, mit dem Paul sich kaum je über Intimes austauschen konnte, solange der Vater gesund war, rutscht ihm plötzlich heraus, wie sehr er es bereue, keine Kinder zu haben. Bei den Krankenbesuchen im Elternhaus kommt dann seine eigene Kindheit wieder hoch. Paul sinniert und träumt überhaupt viel. Diese irrwitzigen Traumprotokolle sind Glanzstücke des Romans.

Ist das wirklich Houellebecq?

Wo wir schon bei den schönsten Sequenzen sind: Dazu gehört auch, wie Paul und seine Frau Prudence trotz der schweren Zeit, die sie durchmachen, ihre gemeinsame Liebe wiederentdecken. Zuvor haben sie allerlei Kriege gegeneinander geführt, vor allem auch einen Ernährungskrieg, nachdem sich Prudence zur Veganerin entwickelte. Nach so viel Familien-, Ehe-, Krankheits- und Traumgeschichten fragen wir uns allerdings: Ist das wirklich Houellebecq? Ist das alles nicht zu mild, zu unspektakulär für ihn?

Es ist eine Seite seines Erzähltalents. Er versteht es meisterhaft, unsere Ängste, unsere Einsamkeit, unsere Verlorenheit, unsere Sehnsüchte zu erfassen. Aber er bleibt da nicht stehen, sondern hat mehr drauf. Er liebt es vor allem, in seinen Romanen politische und philosophische Sprengsätze zu zünden, auch wenn der Schuss manchmal hintenraus geht.

Michel Houellebecq: Vernichten. Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilcek, Dumont, Köln 2022, 621 Seiten.

Michel Houellebecq:
Vernichten. Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilcek, Dumont, Köln 2022, 621 Seiten.

Bild: zvg

Den Sprung vom individuell-intimen gesellschaftlichen Kammerspiel auf die Weltbühne schafft Houellebecq in «Vernichten» über seine Hauptfigur Paul. Dieser ist Finanzspezialist im Stab des französischen Wirtschaftsministers Bruno Juge. Darüber hinaus ist Paul der Sohn einer ehemaligen Koryphäe des Nachrichtendienstes. Über Bruno Juge, die zweite Hauptfigur im Buch, erhalten wir Zugang zur grossen französischen Politik, während mit den Verbindungen Pauls zum Geheimdienstmilieu die Türen zum Politthriller-Genre weit offen stehen. Beides nützt Houellebecq hemmungslos aus.

Frankreich steht kurz vor der Präsidentschaftswahl, aber nicht jener von 2022, sondern von 2027. Bruno Juge kandidiert nicht, obwohl Frankreich dank ihm wieder zur fünftstärksten Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist, und er verspricht seinem Land ein neues glorioses Wirtschaftswunder, auch wenn die Mittelklasse sich immer mehr in Luft auflöst und nur Arme und Reiche zurückbleiben.

Der aktuelle Wirtschaftsminister fühlt sich flattiert

In Umfragen würdigen die Wahlberechtigten Bruno Juge zwar als kompetentesten und tatkräftigsten Politiker, aber seine «menschlichen» Werte, was die «Herzlichkeit» oder «Volksnähe» betrifft, sind unterirdisch schlecht. Mit anderen Worten: Juge wird geschätzt, nicht geliebt. So bleibt er der starke Mann im Hintergrund und überlässt das Rampenlicht einem harmlos vulgären TV-Star, der nun gegen den Kandidaten des Rassemblement National antritt und dank Bruno Juge, so viel darf vorweggenommen werden, die Präsidentschaftswahl klar gewinnt.

Pikant daran ist, dass Bruno Juge Züge des aktuellen französischen Wirtschaftsministers Bruno Le Maire aufweist, mit dem Houellebecq befreundet ist. In der Danksagung erwähnt er ihn zwar nicht, dafür betont nun Le Maire in den Medien überschwänglich, wie toll Houellebecqs neuer Roman sei, es sei gar sein bester. Darüber lässt sich streiten, doch es ist gewiss sein massvollster, sein reifster.

Seinen Bruno Juge, einen protektionistischen Wirtschaftspatrioten, lässt Houellebecq Dinge äussern, über die man in französischen Politkreisen aber gewiss nicht nur amüsiert sein wird. So sagt Bruno einmal zu später Stunde, das sicherste Mittel, um eine Nation zusammenzuschweissen und die Beliebtheit des Staatsoberhaupts zu steigern, sei ein Krieg, in Ermangelung eines militärischen Konflikts nun eben ein Wirtschaftskrieg. Der Präsident sei mit einem Unternehmer vergleichbar, der ebenfalls die Interessen seiner Firma gegenüber den Interessen konkurrierender Unternehmen wahren müsse.

Wie gerufen kommt da mitten im Wahlkampf eine Serie mysteriöser Terroranschläge, die man lange keinem Lager zuordnen kann. Im Internet kursiert ein Video, das schrecklich realistisch zeigt, wie der Wirtschaftsminister guillotiniert wird. Dann werden wirkliche Containerschiffe von Tornados versenkt und alles auf Videos dokumentiert.

Plötzlich schlägt ein Torpedo auch in einem Flüchtlingsschiff mit schätzungsweise 500 Insassen ein. Islamisten kommen als Täter nicht in Frage, eher Ökofaschisten. Der von Houellebecq erstaunlich clever geschilderte französische Geheimdienst kann die verwendeten Symbole der Terroristen bald entschlüsseln, nicht zuletzt dank der Vorarbeit von Pauls Vater, der den Tätern auf die Spur kam, bevor ihn der Hirnschlag lähmte.

Wo bleibt der Provokateur Houellebecq?

Der ganze Terror-Strang treibt den Plot flott voran, und eine These, die der Roman verkündet, bewahrheitet sich: «Die Angriffsmöglichkeiten entwickelten sich viel schneller als die Verteidigungsmöglichkeiten; die Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit würde immer schwieriger werden.»

Es entsteht ein Klima der Angst und Unsicherheit, das dem Wirtschaftsminister Bruno Juge nicht ungelegen kommt, denn die Anschläge seien für Frankreich «eher nützlich». Man kann Krieg gegen die Terroristen führen. Als Paul zweifelt, ob Gewalt Wirkung zeigt, insistiert Bruno: «Gewalt ist der Motor der Geschichte…»

Kaum sexuelle Eskapaden

Der Roman wirft uns manche steilen Thesen und Gedankenbrocken hin, über die sich streiten lässt. Aber wo bleibt Houellebecq der Provokateur? Er setzt in «Vernichten» zwar zum einen oder anderen politischen Bocksprung an, aber ohne Hingabe. Seine Hauptfiguren Paul, Prudence und Bruno Juge gehören, anders als kolportiert, nicht dem Rassemblement National an, bekämpfen vielmehr die Rechtsextremen.

Nicht einmal sexuelle Eskapaden, die sich in früheren Büchern sogar über mehrere Seiten ziehen, gönnt uns Houellebecq diesmal, nur ein paar nüchtern gestaltete Blowjobs, wobei in einem Fall immerhin ein bisschen ­Frivolität aufblitzt, weil sich die von Paul bestellte Escort-Dame dummerweise als eine seiner Nichten entpuppt.

Die mutigste und glaubwürdigste Provokation ist vielleicht, dass Michel Houellebecq in «Vernichten» auch seine bewährte Provokationslust vernichtet oder sie jedenfalls kaum zur Geltung kommen lässt. Und doch ist ihm ein zu reichhaltigen Reflexionen und zu Widersprüchen anregender, fast möchte man sagen: menschenfreundlicher Roman gelungen, und das Ambiente und die Figuren sind so plastisch gestaltet, als kämen sie aus dem 3D-Drucker.

Michel Houellebecq: Vernichten. Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilcek, Dumont, Köln 2022, 621 Seiten.

Aktuelle Nachrichten