#MeToo
Missbrauchsvorwürfe an den Bühnen Bern: Neue Untersuchung eröffnet

#MeToo an den Bühnen Bern? Ein Probenleiter soll Tänzerinnen sexuell belästigt haben. Nun hat das Theater zu den Vorwürfen Stellung genommen.

Daniele Muscionico und Julia Stephan
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In der Ballettsparte der Bühnen Bern soll es zu missbräuchlichem Verhalten gekommen sein.

In der Ballettsparte der Bühnen Bern soll es zu missbräuchlichem Verhalten gekommen sein.

Bild: Gregory Batardon

Die Missbrauchsvorwürfe an den Bühnen Bern sorgen für internationale Aufmerksamkeit. Mit einer eilig anberaumten Pressekonferenz reagierte das Theater gestern auf einen Bericht der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», in dem ehemalige Mitglieder des Tanzensembles Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen einen Probeleiter er­heben. Die Tänzerinnen klagen in der «Zeit» über anzügliche Kommentare und unangemessene Berührungen durch ihren Vorgesetzten. Tänzerinnen, die auf die Avancen nicht reagierten, hätten berufliche Nachteile zu gewärtigen gehabt. Die Rede ist von Massagen ohne Einverständnis, von unangemessenen Berührungen bei Proben und von verbalen Anzüglichkeiten wie Aufforderungen zum Sex.

Tatsächlich alles im grünen Bereich?

Konfrontiert mit den Recherchen, zeigte sich Intendant Florian Scholz vor den Medien «bestürzt». Die Vorfälle sollen sich 2020/21 zugetragen haben. Es seien im Frühjahr 2021 Beschwerdebriefe an die Direktion verfasst worden, die eine interne Untersuchung zur Folge gehabt hätten. Auch eine externe juristische Abklärung wurde angeordnet; der Bericht attestierte dem Beschuldigten verbalen Missbrauch, aber keine körperlichen Übergriffe. Der Probenleiter wurde im Frühling 2021 vorübergehend dispensiert.

Aufgrund der Rechtslage habe man ihn nach der Sommerpause 2021 wieder beschäftigt und eine Nichtverlängerung des Vertrags bei erneutem Fehlverhalten angedroht. Als die Probezeit unverdächtig zu Ende gegangen sei, wurde der Beschuldigte mit seiner alten Funktion betraut. Die Ergebnisse der ­externen Untersuchung haben keinen Anlass gegeben, sich anders zu verhalten, argumentierte Scholz. Bis gestern Donnerstag schien demnach alles im ­grünen Bereich.

Probenleiter von Bern Ballett bleibt trotz Belästigungsvorwürfen

Video: Adrian Reusser / Keystone-SDA

Interne Untersuchung, personelle Konsequenz

Umso konsternierter gab sich Florian Scholz zur Presse. Sowohl der Intendant als auch die Tanzdirektorin Isabelle Bischof beteuerten, von erneuten Vorwürfen keine Kenntnisse gehabt zu haben. Florian Scholz dazu:

«Eine sichere Arbeitssituation stellt für alle Mitarbeitenden des Hauses oberste Priorität dar.»

Man habe nach Erscheinen des Artikels Rücksprache mit dem Tanzensemble genommen und den Eindruck gewonnen, dass der Angeschuldigte das Vertrauen der Mitarbeitenden geniesse. Nichtsdestotrotz wird theaterintern erneut eine Untersuchung eröffnet. Erhärten sich die Gerüchte, würden umgehend personelle Konsequenzen gezogen, beteuerte Florian Scholz. Wann genau erste Ergebnisse folgen, blieb offen.

Der Berner Fall ist nicht der erste seiner Art. Erst im Juni 2022 hatte die «Zeit» Missbräuche an der Tanzakademie Zürich aufgedeckt. Die körperliche Unversehrtheit der Ballettschülerinnen und Ballettschüler sei wegen rigoroser Proben gefährdet gewesen. Einzelne Absolventinnen und Absolventen seien in die Magersucht getrieben worden. Die damaligen Leiter der Schule, Oliver Matz und Steffi Scherzer, mussten ihre Posten inzwischen räumen. Auch das Béjart Ballet in Lausanne war wegen Mobbingvorwürfen in die Kritik geraten. Auch hier hatte das Verhalten personelle Konsequenzen.