Kolumne

«Max liest»: Leben wir in einem goldenen Zeitalter?

Max Rüdlinger Bild: CH Media

Max Rüdlinger Bild: CH Media

Unser Autor Max Rüdlinger denkt diese Woche über eine überraschende Feststellung des Autors Yuval Noah Harari nach.

Seit nunmehr 70 Jahren tummle ich mich auf diesem Planeten. Dabei bin ich nie in einen grossen Krisenstrudel geraten. Ich meine äussere Krisen, innere hatte ich zwei oder drei. Zwar lief die Menschheit in dieser Periode erstmals in Gefahr, sich selbst auszulöschen, und erlebte Kriege und Völkermorde. Trotzdem, so führt Yuval Noah Harari in seinem Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit» aus, waren diese Jahrzehnte die friedlichste Epoche in der Geschichte der Menschheit. Eine sehr erstaunliche Feststellung, man hat eher den Eindruck, in einer nicht gerade friedfertigen Zeit zu leben. Lebt unsereins in einem goldenen Zeitalter und merkt es nicht?

2003 veröffentlichte Manuel Eisner, Professor für Vergleichende und Entwicklungskriminologie, eine Studie, in der er auswies, dass die Gewalt in Europa seit dem Mittelalter massiv abgenommen hat. Der Experimentalpsychologe Steven Pinker weitet dies im Buch «Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit» bis ins Altertum und zu den Jäger-und-Sammler-Kulturen aus, wo er einen noch höheren Gewaltlevel als im Mittelalter ausmachte.

Die Befunde sind umso überraschender, als unsere Zeit grössere wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Umwälzungen erlebte als jede andere vor ihr. Ich führe als Beispiel nur den Zusammenbruch des Sowjetimperiums an, der friedlich verlief, auch wenn auf dem Balkan, im Kaukasus und in Zentralasien Bürgerkriege ausbrachen. Harari schreibt:

Als die Sowjetunion 1991 unterging, hatte es keine Invasion oder Rebellion gegeben. Die Sowjets verfügten über Millionen Soldaten, Panzer, Flugzeuge und genug Atomwaffen, um die ganze Menschheit auszulöschen. Die Rote Armee und die Streitkräfte des Warschauer Paktes hielten sich still. Hätte Gorbatschow den Befehl gegeben, hätte die Rote Armee jederzeit das Feuer auf die Massen eröffnen können.

Unsereins ist also bis dato ungeschoren davongekommen. Kürzlich hat mir ein Freund die Autobiografie des DDR-Schriftstellers Erich Loest gegeben: «Durch die Erde ein Riss» (Leipzig 1981). Ihn hat die Historie gleich zweimal am Schlafittchen gepackt. Zuerst ist er als Hitlerjunge am Kriegsende noch an die Front geworfen worden. Aus dieser bösen Erfahrung erwuchs ihm der Drang, alles richtig zu machen, was mit dem Elan der ersten Aufbaujahre der DDR zusammenfiel. Er war ein überzeugter Sozialist, der aber meinte, mit moralischem Rigorismus eine Wendung zur Demokratisierung hin fordern zu können. Dafür musste er bitter büssen.

Als «faschistischer Provokateur» wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und schmorte sieben Jahre im Zuchthaus Bautzen II wegen «konterrevolutionärer Gruppenbildung». Mit den besten Absichten sieben Jahre im Kerker, das kann einem schaudern. Wie froh muss man da sein, in der biederen Schweiz von keinen historischen Verwerfungen erfasst worden zu sein.

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