Rabenväter gibt es nicht: Daniel Fuchs liest Elena Ferrante

Leda liegt mit einer Stichwunde im Krankenhaus und hat etwas Grausames getan. Damit ist der Spannungsbogen dieser thrillerhaften Geschichte über eine 48-jährige Akademikerin in Elena Ferrantes «Frau im Dunkeln» geöffnet.

Das letzte Buch über eine Frau – und von einer Frau drückte mir vor ein paar Jahren meine Mutter in die Hände. Thema: Die Versklavung einer des Schwachsinns diagnostizierten jungen Frau in den 1950er-Jahren in der Schweiz. Die Lektüre des Sachbuchs erschütterte mich, aber ein Frauenthema im engeren Sinn behandelte es nicht. Doch was heisst das schon, ein Frauenthema? Meine engste Weggefährtin ist eine Frau und Mutter. Warum sollte ich mich nicht mit Themen befassen, die sie betreffen könnten?

In «Frau im Dunkeln» geht es exakt um solche Themen. Doch hier kommt der Verlag ins Spiel. Bei Elena Ferrante hat er entschieden, mit dem Cover explizit ein Publikum an zu sprechen, welches sich eher mit der Art von Buchumschlägen assoziiert, mit denen typischerweise Frauenbücher präsentiert werden. Doch mehr dazu später.

Als Leser von «Frau im Dunkeln» bin ich sofort gepackt, erfahre vieles über das Leben einer Neapolitanerin, die im Schoss einer Grossfamilie aufwuchs, sich von ihr emanzipierte, eine Familie gründete, das Glück aber nicht in ihren beiden Töchtern fand, sondern an der Universität und in der Literatur.

Doch das Muttersein mit all seinen Schattenseiten kommt in ihr hoch, als sie, die vornehme Grossstädterin, in Süditalien allein ihre Sommerferien verbringt – und eine junge Neapolitanerin mit ihrer Tochter beobachtet. Mehr noch, sie eigentlich stalkt und der Tochter der fremden Touristin schliesslich das Liebste wegnimmt.

Wie liest sich das als Mann? Ich erfahre viel über die Zerrissenheit einer Mutter, die ihre Töchter liebt und gleichzeitig abstossend findet. Zur Rabenmutter wird, in Abgründe blickt.

Bin ich etwa ein Mann im Dunkeln und weiss gar nicht, auf welches Pferd ich setzen soll? Auf den Beruf, der an Bedeutung verliert, wenn du deinen Teil der Kinderbetreuung übernimmst. Oder auf das Kind, auf die Familie, der du – ob du willst oder nicht – das andere unterordnest. Warum ist das Wort Rabenmutter eigentlich viel geläufiger als Rabenvater?

Die Lektüre packt mich, weil sie so gar nicht sanft erzählt ist, sondern ungeschminkt, direkt, brutal. Und sie macht mich nachdenklich. Ich befasse mich mit Themen wie: Was bedeutet die Liebe zu einem Kind, wie verändert sie sich im Laufe des Lebens?

In unserer Zeit sind das alles andere als Frauenthemen. Wäre nur nicht die alles andere als Männer ansprechende Aufmachung des Buchs.

Ich habe es als E-Book auf mein Smartphone geladen. Aus Bequemlichkeit und aus dem Grund, rascher mit der Lektüre beginnen zu können. Als ich im voll besetzten Zug das E-Book-App starte und aufs in Hellblau und grossen Buchstaben gehaltene Cover blicke, bin ich froh, das Buch nicht physisch in der Hand zu halten. Ich hätte das Gefühl, den Leuten um mich herum etwas erklären zu müssen.

Egalitarist, nicht Feminist: Simon Maurer liest Jessa Crispin

Sind Sie Feministin? Das ist der erste Satz, dem Leserinnen und Leser in Jessa Crispins feministischem Manifest begegnen. Als ich ihn lese, halte ich ein: Obwohl ich die Gleichstellung der Geschlechter überzeugt mittrage, springt mir kein lautes Ja aus der Brust.

Denn irgendwie fühle ich mich nicht wohl dabei, mich selbst zum aktiven Unterstützer jener Ideologie auszurufen, welche per Definition das ausschliessliche Weiterkommen des anderen Geschlechts zum Ziel hat. Mein Typus – jung, weiss, männlich – ist ausserdem eines der Lieblingsfeindbilder radikaler Feministinnen, ich entschliesse mich deshalb, die Frage unbeantwortet zu überspringen.

Buchautorin Jessa Crispin ist keine gewöhnliche Feministin, das merkt man als Leser gleich. Grundsätzliche Solidarität mit ihren Geschlechtsgenossinnen lehnt die Amerikanerin ab, vom Establishment-Feminismus des 21. Jahrhunderts hält sie nicht viel. Gnadenlos kritisiert sie die Entwertung des Feminismus­begriffs, die in den letzten Jahren stattgefunden habe.

Feminismus ist laut Crispin eine Worthülse geworden. Modelabels verdienen Geld mit überteuerten Kleidern, die nur wegen der Aufschrift «Feminist» gekauft werden. Weisse Frauen aus Ober- und Mittelschicht sowie Pop- und Filmstars benutzen ihn für das Vorwärtstreiben der eigenen Karriere. Die wirklich hilfsbedürf­tigen Frauen aus der Unterschicht stehen schon lange nicht mehr im Zentrum der modernen Ideologie.

Crispin fordert nichts weniger als eine gerechtere Welt für alle Unterdrückten – nicht nur für Frauen. Das ist nur mit einem radikalen Systemwechsel möglich. Um einen solchen zu erreichen, muss der Feminismus laut Crispin das Patriarchat und den Kapitalismus gleichzeitig angreifen. Denn die beiden Ungetüme sind miteinander eng verknüpft, das eine kann nicht ohne das andere eliminiert werden.

Das Bekämpfen der Unterdrückung von Randgruppen unterstütze ich, doch will ich meine Hilfe nicht an ein passendes Geschlecht binden. Denn der elternlose Asylantenjunge benötigt die Unterstützung der Gesellschaft mindestens so sehr, wenn nicht noch mehr, wie die aufstrebende Bankmanagerin, der ein Verwaltungsratsmandat verweigert wurde.

Erbarmungslos realistisch: Niklaus Salzmann liest Zadie Smith

«Meine Mutter war Feministin», schreibt die Ich-Erzählerin in Kapitel Eins von «Swing Time». Es ist eine Feststellung ganz ohne Wertung. Ebenso nüchtern geschrieben, wie die Tatsache, dass der Vater die Tochter zum Ballettunterricht bringt und ihr Gummibänder an die Schläppchen näht, während sich die Mutter ihrer eigenen politischen Karriere widmet.

Die wichtigsten Rollen in diesem Buch sind allesamt weiblich besetzt: die Ich-Erzählerin mit frappanter Ähnlichkeit zur Autorin. Ihre Mutter. Ihre Kindheitsfreundin. Der Popstar, deutlich angelehnt an Madonna.

Doch Zadie Smith definiert diese Charaktere nicht durch Geschlechterrollen. Vielmehr zeigt sie vielschichtige Menschen auf, jede mit ihrer eigenen Denkweise, geprägt vom sozialen Umfeld, von wirtschaftlichen Verhältnissen, von der Hautfarbe und ja, auch vom Geschlecht, aber dieses ist nur einer von vielen Faktoren. Das ergibt sehr real wirkende Figuren von hoher Glaubwürdigkeit.

Umso stärker wirkt es, wenn sie dann doch plötzlich Sexismus begegnen. Denn es fühlt sich beim Lesen nicht an, als hätte mich die Autorin gezielt auf solche Themen hinweisen wollen – vielmehr zeigt sie glaubhaft auf, wie jede Frau in ihrem Leben mit Sexismus konfrontiert wird.

Frappant wird dies bei einer kleinen Formulierung, welche die Erzählerin bei einem Rückblick auf ihre Kindheit braucht: Ihr sei klar geworden, dass sie «vergleichsweise grosses Glück hatte», schreibt sie. Dies im Vergleich zu vielen ihrer Freundinnen, die als Kinder missbraucht wurden.

Umgekehrt ausgedrückt: Als Mädchen braucht es Glück, um nicht sexuell missbraucht zu werden.

Dasselbe liesse sich auch mit Zahlen aus Umfragen verdeutlichen oder in einem Essay schreiben. Aber durch das Verpacken in einen Roman gelingt es der Autorin, bei mir – dem männlichen Leser – Betroffenheit zu wecken. Und damit kommt sie den realen Problemen auf gewisse Weise näher als mit puren Fakten.

Weibliche Macht ist anders: Christoph Bopp liest Mary Beard

Von Mary Beard hatte ich gehört, bevor ich etwas von ihr gelesen hatte. Sie hatte 2001 eine – so sah man es damals – respektlose Äusserung zu den Anschlägen vom 11. September gemacht. So in der Art: «So, wie sich die Amerikaner in der Welt aufführen, musste so etwas einmal kommen.» Heute fühlt sich das nicht mehr so im Sinne von «selber schuld» an. Damals schon.

Dann las ich den Tausend-Seiten-Wälzer «SPQR» (es waren zwar nur knapp 700, das hat aber nichts mit Antifeminismus zu tun), diese unkonventionelle Geschichte des Römischen Reiches. Ein Satz ist bemerkenswert: «Das ist ein gefährlicher Mythos, dass wir bessere Historiker seien als unsere Vorgänger.» Wir schauen einfach nur anders hin, fährt sie fort. Und da fällt dann die Wendung: «. . . von Gender-Identität bis zur Nahrungsversorgung».
Keine Angst, Mary Beard hat die römische Geschichte nicht feminisiert. Das wäre auch nicht möglich, weil Frauen im Altertum generell nichts zu sagen hatten. Und zwar in einem Masse nichts, dass es auch die feministischsten Althistorikerinnen nicht mehr ändern können. Aber die versierte Kennerin des Altertums hat für zwei Vorträge, die in einem Bändchen mit dem Titel «Frauen und Macht» erschienen sind, natürlich ihre Beispiele aus dem Bereich der Klassischen Altertumswissenschaften gewählt.

Angefangen bei Penelope, die, während sie treu auf die Rückkehr ihres Gatten Odysseus wartet, von ihrem Sohn Telemachos recht barsch darauf hingewiesen wird, dass Frauen zu schweigen hätten, sobald es öffentlich werde. Bis zur Säulenheiligen der römischen Geschichte, Lucretia, deren Vergewaltigung durch einen Prinzen das Ende der Monarchie in Rom und den Start der Republik zur Folge hatte. Sie darf sich schnell zu Wort melden, um ihren Peiniger anzuzeigen, bevor sie Suizid begeht.

«Die westliche Kultur hat nicht alles den Griechen und Römern zu verdanken, weder in Bezug auf das Halten von Reden noch auf irgendetwas sonst (Gott sei Dank nicht; niemand von uns würde gern in einer griechisch-römischen Welt leben).» Das schreibt Mary Beard, bevor sie einen Gedanken äussert, der die Lektüre auch für den Mann lohnt, der das Altertum à fond zu kennen meint: Die westliche Kultur, das zeigt die Geschichte, entwickelte grosse Geschicklichkeit, Frauen von der Macht fernzuhalten. Wir hören zwar hin und wieder von Königinnen, aber um sie herum reden und handeln meist nur Männer. Frauen und Macht, gibt es das überhaupt? Die Frage ist falsch, sagt Mary Beard: Vielleicht müsste man «Macht» anders definieren, nicht a priori als etwas Männliches, wie es jetzt Usus ist. «Frauen lassen sich nicht einfach in Strukturen einpassen, die von Männern mit männlichen Vorzeichen kodiert sind. Es geht darum, die Strukturen zu ändern. Das bedeutet, dass man die Macht neu denken muss. Man muss sie vom öffentlichen Prestige abkoppeln.» Schluss mit Charisma, überhaupt die Macht als etwas zu denken, das mann «hat». «Man muss über die Macht als etwas Gemeinschaftliches nachdenken, nicht nur die Macht von Führern sehen, sondern auch die Macht derer, die ihnen folgen.»

Von Gender und Geschlecht: Christian Mensch liest Siri Hustvedt

Sie sei Schriftstellerin und Feministin, schreibt Siri Hustvedt im Vorwort ihres neuen Essaybandes. Allerdings sei es heutzutage schwierig, von einer feministischen Theorie zu sprechen. Diese sei nicht «ein Bollwerk des Konsens». Weil es ganz verschiedene Arten gebe, sei es sicherer, von «Feminismen» auszugehen. Der Feminismus der Siri Hustvedt ist wohl nicht einer der gängigsten – aber vielleicht nicht zuletzt deshalb auch für mich als Mann einer der interessanteren.

Hustvedt, geboren 1955, amerikanische Autorin mit norwegischen Wurzeln und Ehefrau des Romanautors Paul Auster, ist eine Forscherin. Zunächst zur Literatur- und Kulturwissenschafterin ausgebildet, wandte sie sich über die Psychologie und Neurologie zunehmend auch den Naturwissenschaften zu. Gerade naturwissenschaftliches Wissen sei mittlerweile aber derart fragmentiert, dass es selbst zwischen Fachleuten verwandter Bereiche zu «ernsthaften Verständigungslücken» komme, meint Hustvedt. An diesem Brückenschlag zwischen den Disziplinen ist sie interessiert. Dabei geht sie stets von einem subjektiven Standpunkt aus: von sich, Siri Hustvedt, Schriftstellerin und Feministin.

Der neue Essayband heisst «Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen». Der titelgebende Beitrag entstand im Rahmen der Ausstellung «Frauen. Pablo Picasso, Max Beckmann, Willem de Kooning» (Pinakothek der Moderne). War es die Absicht der Ausstellungsmacher, die Maler als Bewunderer ihrer Musen darzustellen, so analysiert Hustvedt nüchtern die Mechanismen der männerdominierten Kunstwelt. Weshalb nur, fragt sie rhetorisch, sind von Picassos Frauen stets nur die Vornamen «Fernande», «Olga», «Marie-Thérèse», «Dora», «Gertrude» bekannt, auch wenn Dora Maar eine wichtige surrealistische Malerin, Gertrude Stein eine bedeutende Autorin war?

Hustvedt klagt die Marginalisierung der Frauen nicht an, sie beschreibt diese wirkungsmächtig.
Wem der Essays bekannt vorkommt, der liegt richtig. Vor vier Jahren erschien Hustvedts Roman «Die gleissende Welt», der sich auf komplexe und auch verkopfte Weise der Rolle der Frauen in der Kunstwelt annimmt. Der erste Satz des Buches ist Programm: «Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien, schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiss, dass sie hinter dem grossen Werk oder dem grossen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann.»

Der Roman handelt von der Künstlerin Henriette «Harry» Burden und ihrem Experiment, die Kunstwelt in ihrer Frauenfeindlichkeit zu demaskieren. Burden, in der Society vor allem als Witwe eines New Yorker Galeristen geachtet, sucht drei Strohmänner, die im eignen Namen Einzelausstellungen veranstalten, in Wirklichkeit aber Burdens Kunst ausstellen. War Burden als Künstlerin selbst nicht erfolgreich, unterstellt sie nun ihre Kunst einer männlichen Urheberschaft. Gilt nur die Kunst? Oder gilt die Künstlerin? Was ist die Kunst ohne Künstler, was die Künstlerin ohne Kunst?

Hustvedt fragt feministisch: Was ist die Frau? Was ist (gesellschaftlich konstruiertes) Gender, was ist (biologisches) Geschlecht? Fragen, die sich vice versa für den Mann genau gleich stellen.

Hustvedt hat zur gleichen Zeit am Roman und an den nun erschienenen Essays gearbeitet. Diese seien «Untersuchungen zur selektiven Wahrnehmung». Gesellschaftliche und kulturelle Prägungen steuerten diese Wahrnehmungen, meint sie. Prägungen konnotierten Eigenschaften, aber auch Disziplinen als weiblich oder als männlich. Hustvedt selbst möchte «jeder einengenden kategorialen Schublade widerstehen, die Inhalt und Form, Gefühl und Vernunft, Körper und Seele, Mann und Frau auseinanderdividiert». Und doch:
«Jedes Kind muss sich von seiner Mutter ablösen. Jungen können ihre Differenz benutzen, um aus ihrer Abhängigkeit herauszukommen, was Mädchen nicht können.»

Hustvedt nutzt ihren Feminismus als Differenz, um gesellschaftliche Abhängigkeiten zu entlarven und zu überwinden. Mit ihrer Methode ist sie äusserst erfolgreich. Ihren Mann Auster hat sie im informellen Intellektuellen-Ranking mittlerweile überflügelt. Kritiker – vor allem Kritikerinnen – fangen an zu mäkeln, sie habe nicht nur abgehoben, sondern werde allmählich auch überheblich. Ein neuer Roman mit autobiografischen Zügen aus ihrer Feder zeichnet sich ab: Eine Künstlerin wird derart erfolgreich, dass sie – die gesellschaftlichen Konventionen sprengend – aufgrund ihres Erfolgs vom eigenen Geschlecht abgestraft wird.

Als Mann mag man sich an der Destruktion der Schriftstellerin nicht beteiligen. Sonst droht einem leicht das «Bollwerk des Konsens», eine erklärte Feministin allenfalls durch andere Feministinnen, nicht aber durch einen Mann zu kritisieren.