Es waren einmal zwei Brüder, Uwe und der zwei Jahre jüngere Jens. Sie lebten mit ihren deutschen Eltern, den Krügers, im aargauischen Rothrist – gleich neben der Rivella-Fabrik. Die Brüder wuchsen mit Musik auf. «Wir hatten keinen Fernseher, stattdessen musizierten wir mit unseren Eltern und sangen deutsche Volkslieder», erzählt Jens. Es war eine glückliche, unbeschwerte Zeit in einer normalen Familie.

Doch das deutsche Liedgut kam in der Schweiz nicht sehr gut an, weshalb sie zu amerikanischen Folksongs wechselten. «Das war irgendwie neutraler, kam in der Schweiz besser an», sagt Jens. Uwe lernte Gitarre, Jens Banjo. In den frühen 70er-Jahren lernten sie über ihre Mutter einen Amerikaner aus Fribourg kennen. Er erkannte das Talent der Brüder und führte sie in die Geheimnisse und die Geschichte der «American Folk Music» ein, in die Volksmusik aus den Appalachen, Country Music und Bluegrass. Schon 1972 gaben die Jünglinge erste Auftritte.

«Harte Realität vergessen»

Doch dann schlug das Schicksal zu: Die Mutter starb. «Es war eine traurige Zeit und in der Schule hatte ich Mühe», sagt Jens. Da half die Musik. Die Brüder vertieften sich in die amerikanische Musik und verschlangen die Musik der Genre-Helden Doc Watson und Bill Monroe. «Es war für uns eine faszinierende, völlig neue Welt», sagt Uwe «und eine Welt, in der wir auch träumen und die harte Lebensrealität vergessen konnten.»

Die Brüder wurden besser und besser, spielten in der Schweiz in unzähligen Bands und gaben bis zu 240 Konzerte pro Jahr. Doch sie wollten ihre eigene Musik spielen und gründeten 1995 mit dem in der Schweiz lebenden amerikanischen Bass-Spieler Joel Landsberg das Trio der «Krüger Brothers». «Mit unserer Mischung aus Country und Bluegrass waren wir hier Exoten», sagt Jens. Doch im Ausland kamen die akustischen Lieder sofort an. Nur zwei Jahre später wurden sie erstmals an ein grosses Festival in den USA eingeladen, und 2002 entschlossen sie sich, mit ihren Familien nach North Carolina auszuwandern.

Nur wenigen Schweizer Musikern ist es gelungen, in den USA erfolgreich zu sein (siehe rechts). Umso schwerer ist es, sich in Amerika mit amerikanischer Musik wie Blues, Jazz oder Country durchzusetzen. Die Krüger Brothers aus Rothrist haben es geschafft. Sie gehören heute zur absoluten Spitze der Country- und Bluegrass-Szene. Wurden von Letterman in seine Show eingeladen, bespielen mit ihrer konzertanten Musik die grössten amerikanischen Hallen. Und Jens Krüger gilt als einer besten Banjospieler überhaupt. 2013 wurde er von der International Bluegrass Association zum besten Banjo-Spieler gewählt. Unglaublich, aber wahr.

Tipps von Johnny Cash

Auf ihrem Weg an die Spitze haben sie Koryphäen wie Bill Monroe, der Begründer des Bluegrass, Meister-Gitarrist Doc Watson und sogar Johnny Cash motiviert. «Finde deinen eigenen Weg, folge niemandem», sagte Cash. «Spiel Banjo und folge deiner Musik», sagte Bill Monroe. Sie haben das Erfolgsrezept beherzigt.

«In Europa muss man als Countrymusiker so amerikanisch wie möglich klingen und aussehen», sagt Jens Krüger, «in den USA selbst spielt das keine Rolle. Es zählt nur deine Musik». Country und Bluegrass ist in den USA eine lebendige Volksmusik. Wenn du kopierst und imitierst, dann hast du schon verloren.

Die Krüger Brothers haben deshalb ihre ganz persönliche Geschichte und Erfahrung in ihre Musik integriert und eine eigene, genreübergreifende Version von Country- und Bluegrass-Musik entwickelt. Am auffälligsten ist der Einfluss der klassischen Musik, in der Anwendung von komplexen Kompositionstechniken und in der Zusammenarbeit mit dem Streich-Ensemble Kontras Quartet oder mit Sinfonie-Orchestern im Appalachian Concerto.

In der Schweiz wäre so etwas undenkbar gewesen. «Wenn du hier ein Banjo auspackst, bist du Countrymusiker und spielst Country oder Bluegrass. In den USA darfst du alles. Alles ist möglich.»

«Wir sind angekommen», sagt Uwe Krüger, «nicht nur in einer kleinen Nische. Wir sind im Mainstream, bedienen ein Publikum von 70 Millionen Menschen und verkaufen oft viel mehr Tonträger als die Kollegen aus dem Pop-Genre.» Happy End: Das Märchen von Rothrist ist wahr geworden.