Schon den ganzen Tag habe ich mich ein bisschen komisch gefühlt. Nicht so richtig, mehr so ein bisschen losgelöst von der Realität, von den anderen. Im ureigenen Universum halt. Genau im richtigen Zustand eigentlich für eine Virtual-Reality-Erfahrung. Das VR Open Air von We Are Cinema hat in Luzern seine Zelte aufgeschlagen. «Bergluft» heisst der erste Programmblock à vier Kurzfilmen. Die kann ich jetzt brauchen.

Ich fahre also den üblichen Weg mit dem Velo vom Alpineum auf den Löwenplatz zu und schaue zuerst links. Nichts Aussergewöhnliches. Dann rechts. Tatsächlich, dort, wo üblicherweise die Falun-Gong-Aktivisten stehen, hat es schwarze und weisse Kunststoffstühle, eingerahmt von vier VR-Open­Air-Kino-Fähnli in jeder Ecke.

Gemeinsam im jeweils
eigenen Film

Für Journalisten gibt es keine Gratisvorstellung. «Wir sind ein Start-up», lautet die Erklärung. Wir zahlen die neunzehn Franken gern. Das gemischte Publikum, fünfzehn der zwanzig Drehstühle sind besetzt, bezieht die VR-Brille Pico G2 mit eingeschobenem Smartphone – «die neuste auf dem Markt», wird mir versichert – und einen HD-Kopfhörer. Die Brille erzeugt den Eindruck, in der virtuellen Realität «präsent» zu sein. Richtig scharf ist das Panoramabild leider selten. Die mit einer 360-Grad-Kamera gefilmten Bilder werden über eine spezielle Software zusammengefügt. Die Technologie ist teuer und in ständiger Entwicklung.

Ich tauche ein in die Rundum-VR-Bergwelt. Die Eiger- und die Mount-Everest-Besteigung sind toll. Die «Blick»-gesponserten Videos über die Air Zermatt und die Jungfraubahn gehen bestenfalls als Fernsehfilme durch. Bei Ersterem ist auch die Naht, die beide Bilder zu einem zusammenfügen soll, sichtbar. Als ich vom Mount Everest nach unten schaue, erfasst mich kurzzeitig die Höhenangst. Mir wird leicht schwindlig, und ich halte mich beidseitig an der Sitzfläche fest. Jetzt weiss ich, was mit VR- oder Simulatorkrankheit gemeint ist.

Gemeinsam ist doch jeder in seinem eigenen Film. VR-Kino ist ein Widerspruch in sich. Vor lauter Bewegung mit Kopf und Beinen sind meine Sinne komplett in Anspruch genommen, verpasse ich zuweilen den sprachlichen Inhalt. Irritierend sind die dazwischengeschobenen Werbefilme. Der Einstieg mit Helvetas ist verträglich, auch weil er qualitativ gut ist. FDP-Präsidentin Petra Gössi beim Wandern zusehen zu müssen, geht dann aber doch zu weit.

Ich gehe auch in die zweite Vorstellung an diesem Abend um 21 Uhr. Ich will es genau wissen. Gut fünf Minuten vorher treffe ich wieder auf dem Löwenplatz ein. Es ist noch niemand da. «Wegen mir allein müsst ihr nicht starten», sage ich. Aber nein, es hätten schon Leute ein Billett gekauft. Also kaufe ich auch eins.

Drei Männer, zwei junge Frauen, mit mir sind wir schliesslich zu acht – ein Päärli muss noch in der Bourbaki-Bar geholt werden. Nach ein bisschen Verwirrung – der angekündigte Filmblock «All Over The World» kann aus «technischen Gründen» nicht gezeigt werden – startet «The World, Improved» mit einem von Arte koproduzierten Film. Ich atme auf. Der preisgekrönte «The Real Thing» führt den Zuschauer in chinesische Nachbildungen von Paris, Venedig und Co. Das ist ungewöhnlich und gut gemacht. In «The Girl Icon» und im Unicef-Film «Ready To Live, Ready To ­Learn» geht es um das egalitäre Recht auf Bildung in Indien und Afghanistan. Ich fühle mich selber ein bisschen wie in der Schule, doch ist die immersive Kraft spürbar, wenn das Mädchen Bibi so unmittelbar vor der eigenen Nase auftaucht.

Wir können Dani Arnold nicht nachsteigen

Ich mache mich auf den Heimweg und fühle mich nicht minder seltsam als den ganzen Tag schon. Vielleicht war ich als Filmredaktorin auch einfach die falsche Person für diese Vir­tual-Reality-Erfahrung, denn mit Kino hatte das am Dienstagabend im VR Openair Cinema gebotene Programm nicht viel zu tun. Im Bereich Videospiele mag man schon weiter sein, im Kino ist die «Revolution im Konsum digitaler Inhalte» noch lange nicht angekommen. Und virtuelle Realität im eigentlichen Sinne ist es auch nicht, denn wir können uns im Film nicht bewegen, wie wir wollen; können Dani Arnold nicht nachsteigen auf den Eiger.

Da ist mir die herkömmliche, künstlerische Kinoerfahrung lieber, hat sich der Filmemacher doch etwas dabei überlegt, wo mein Blick hingehen soll, und doch kann er auf der zweidimensionalen Fläche herumwandern (ich finde auch 3D nur in seltenen Fällen wirklich gut). Aber neben Dokumentationen stehen auch Animationsfilme oder Genrefilme auf dem VR-Programm, und, wir wissen nun, die Qualität der Filme aus aller Welt ist extrem unterschiedlich. Heute Abend ist Horrornacht (ab 16 Jahren). Vielleicht gehe ich doch nochmals hin.

VR-Open-Air-Kino: bis Sonntag, Löwenplatz, Luzern; www.kinoluzern.ch, www.vropenair.com