Kultur

Luzerner Piano-Festival: Der Mann, der aufs Ganze geht

Igor Levit am Lucerne Festival.

Igor Levit am Lucerne Festival.

Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit hat ein weiteres seiner Grossprojekte abgeschlossen und Beethovens Klaviersonaten eingespielt. Jetzt kommt der 32-Jährige ans Luzerner Piano-Festival.

Als der achtjährige Igor Levit 1995 mit seinen Eltern vom russischen Nischni Nowgorod nach Deutschland auswandert, nimmt sich das Kind eines Bauingenieurs und einer Pianistin als Erstes vor, rasch und perfekt Deutsch zu lernen. Doch nicht nur das schafft er, auch sein musikalisches Talent zeigt sich früh. Und wie beim Sprachen­lernen geht er aufs Ganze: Er ist noch Student in Hannover, da fallen ihm die Variationen über das linke Kampflied «The People United Will Never Defeated» des Amerikaners Frederic Rzewski in die Hand. Er ist fasziniert, aber dem monumentalen Werk nicht gewachsen. Doch wieder einmal ist aufgeben keine Option. Und wieder einmal ist es das Grosse, das ihn lockt – wie auch jetzt wieder mit Ludwig van Beethovens 32 Klaviersonaten, die er auf neun CDs eingespielt hat. Mit Beethoven im Gepäck reist er nächste Woche auch nach Luzern ans Piano-Festival (siehe unten).

Eigenwillige Köpfe ziehen ihn an

Beethoven, Rzewski, Busoni, Liszt, Schostakowitsch: Es sind stets eigenwillige Köpfe, die diesen ebenso freundlichen wie eigensinnigen Menschen anziehen, der im Gespräch förmlich aus sich heraussprudelt. Als wir ihn 2016 nach einer Probe mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und Bernard Haitink treffen, erzählt er von einer Inszenierung von Bachs «Goldberg-Variationen» zusammen mit der Künstlerin Marina Abramović: Die Zuhörer mussten Handys und Uhren abgeben, in Liegestühlen Platz nehmen und zunächst einmal 30 Minuten warten, bis der Pianist mit seinem Ins­trument in ihrer Mitte angekommen war.

Die Zeit vergessen, wenn Igor Levit spielt, das kann man allerdings auch so, ohne Liegestuhl. Als er im vergangenen Jahr das Piano-Festival eröffnet, herrscht eine geradezu atem­lose Stille. Denn wie er sich da in Ferruccio Busonis verrückt komplizierte Transkription von Franz Liszts Fantasie und Fuge über den Choral «Ad nos, ad salutarem undam» versenkt, das hat etwas tief Meditatives. Man fühlt sich von etwas ergriffen, das jenseits des mit Sprache Fassbaren liegt.

Ein wacher, manchmal widerständiger Bürger

Nur auf den ersten Blick einen Widerspruch stellt die Tatsache dar, dass dieser Igor Levit in den sozialen Medien so mitteilsam ist wie sonst niemand in seiner Zunft. Denn es ist auch da, wie in der Musik, eine Mission, die ihn treibt. Sie hat auch einen Ausgangspunkt. 2010 hat ihm bei einem Abendessen ein Herr gesagt, es sei ja schön, dass er als Kind nach Deutschland gekommen sei. Und dann die tückische Frage nachgeschoben: «Aber Sie wissen schon, dass Menschen wie Sie in diesem Land nicht vorgesehen waren?» Menschen wie er – damit sind die Juden gemeint. «Das», sagt Levit vor wenigen Wochen bei einem öffentlichen Auftritt mit dem deutschen Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble, «hat in mir eine Wunde hinterlassen, bis heute.» Beide, Schäuble wie Levit, betonen, dass die Demokratie vor allem eines braucht: den wachen, notfalls auch widerständigen Bürger.

Ein wacher, manchmal auch widerständiger Bürger: Das ist auch Ludwig van Beethoven gewesen, und das spiegelt sich in seiner Musik. Beethoven ist aktiv, Beethoven ist spannungsgeladen – und deshalb auch ein ideales Terrain für diesen Pianisten. Doch geht man fehl in der Annahme, Levit werde sich nun mit einem gewissen Genuss auf den kämpferischen Beethoven werfen. Seine Einspielung besticht im Gegenteil durch wunderbare Ausgewogenheit. Unbeschwerte Spielfreude beherrscht manches Stück – etwa das Presto der Sonate op.10,2 oder das fein austarierte Prestissimo von op.10,1. Und zwischen kontrastreiche Kopfsätze und rasend schnelle Abschlüsse zaubert Levit in den langsamen Sätzen mit seinem klaren, auch von einer auf Transparenz setzenden Aufnahmetechnik unterstützten Spiel immer wieder Inseln seelentiefer Ruhe.

Schattierungen der menschlichen Seele

Zwei Beispiele unter vielen: das auf einem Staccato-Thema aufbauende Andante von op.14,2 und das zauberische «Adagio con molta espressione» von op.22. Auch dort schliesslich, wo – wie in der «Waldstein»- Sonate op.53 oder in der «Appassionata» op.57 – ein heftig erregter Beethoven das Feld beherrscht, bekommen unendlich viele feine Schattierungen ihren Raum. Es sind die Schattierungen der menschlichen Seele, die hier zum Klingen gebracht werden.

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