Kultur

Lucerne Festival lockt mit Kirchenglocken-Konzert

Techniker Gabriel Schneider (links) und Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor bringen einen Dämpfer an einer Glocke der Hofkirche an.

Techniker Gabriel Schneider (links) und Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor bringen einen Dämpfer an einer Glocke der Hofkirche an.

Peter Conradin Zumthor lädt am Lucerne Festival zu einer Klanginstallation in vier Stadtluzerner Kirchen ein.

Wenn in der Coronakrise fast nichts mehr bleibt, das gespielt und aufgeführt werden kann, bleiben immerhin die Kirchenglocken. So oder ähnlich hatte sich Intendant Michael Haefliger überlegt, als er das Lucerne Festival absagen musste, und im gleichen Atemzug wusste: Aber irgendetwas wollen wir dennoch machen!

Bei den anschliessenden Gesprächen erinnerte sich Mark Sattler, Dramaturg für zeitgenössische Projekte am Lucerne Festival, an das Glockenprojekt von Peter Conradin Zumthor, mit dem sich dieser vor vier Jahren beim Lucerne Festival beworben hatte. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nun kann Zumthors Idee der gedämpften Kirchenglocken in Luzern doch noch realisiert werden, und erst noch umfassender denn je: als Teil des «Life Is Live»-Festivals, des Mini-Formats des Lucerne Festivals.

Mit Gummi umwickelt

Glocken seien wohl die lautesten und grössten Schlaginstrumente, die es gibt, sagt Zumthor. Jeder Schlagzeuger sei fasziniert, wenn er die «chaotisch agierenden Polyrhythmen eines Geläuts» höre. «Das Geläut ist nie gleich. Da sind viel Unberechenbarkeit und Einmaligkeit im Spiel.» Dazu kommt: Als Schlagzeuger sei er sich gewohnt, zu überlegen, mit welchen Schlegeln und mit welchem Impuls er seine Metalle anschlage, sagt Zumthor zum Ursprung der Idee, mit Kirchenglocken zu arbeiten. «Als ich mal die Kirchenglocken von Chur hörte, habe ich mir überlegt, wie es wäre, wenn man die Glocken nicht mit Metall, sondern mit einem weichen Klöppel anschlagen würde.»

Daraus entstanden vor ein paar Jahren die ersten Projekte mit gedämpften Kirchenglocken in Chur, am Festival Rümlang und in Bern. Zumthor umwickelte die Metallklöppel der Glocken mit Schafsfellen und Filzschichten, um den Anschlag möglichst zu dämpfen. Das klappte nicht immer zufriedenstellend. Die Umwicklungen lösten sich auf, verschoben sich, das Resultat war unzuverlässig. Deshalb arbeitete Zumthor für die Luzerner Uraufführung mit dem Ingenieur und Erfinder Gabriel Schneider zusammen, Dozent für Innovation und Produkteentwicklung an der Zürcher Hochschule.

Schneider hatte die Idee, die 17 Glocken, die in vier Kirchen zum Einsatz kommen, mit Stücken von Gummischichtmatten und Motorradreifen einzuwickeln, weil diese Materialien widerstandsfähig sind. So tüftelten der Musiker und der Ingenieur während Tagen, bis der Industriegummi an den Klöppeln gut verankert war und auch soundmässig den gewünschten Dämpf-Effekt brachte. Wie das Glockenkonzert am Ende klingen wird, weiss niemand. Sowieso ist der Sound von gedämpften Kirchenglocken kaum beschreibbar. Es ist, als ob etwas sehr weit Entferntes ins Bewusstsein rücken würde, ein leise schwingender Sound, irgendwo zwischen Unterwasserwelten und Space-Fantasien – so anders ist der Klang.

Alte Motorradpneus dämpfen den Klang der Glocken.

Alte Motorradpneus dämpfen den Klang der Glocken.

Stadt-Geräuschteppich zwischen den Kirchen

Das Projekt erhält eine zusätzliche Sound-Dimension, weil der gedämpfte Klang der Glocken (con sordino) in einen kleinen Spaziergang durch die Stadt eingebettet wird. Auf dem Weg von der Jesuitenkirche zur Peterskapelle, zur Matthäuskirche und zur Hofkirche verlassen die Teilnehmenden immer wieder das Klangfeld einer Kirche und geraten in den Sound des Stadtlebens, bevor sie dann langsam wieder in das nächste Klangfeld des Glockenspiels eintauchen. Es kommt zu neuen Hörerlebnissen: Gerade durch die Fokussierung auf die gedämpften Glocken nimmt man automatisch auch den übrigen Geräuschteppich der Stadt anders wahr.

«Mit grosser Toleranz lassen wir die Geräusche des Lebens in einer Stadt zu und lassen sie im Sinne von John Cage zusammen mit dem Glockenklang zu Musik werden», sagt Zumthor. «Wir geben nichts dazu, sondern nehmen etwas weg. Es wird nicht lauter, sondern leiser. Wir lassen die gr̈össten Instrumente der Stadt, die den öffentlichen Raum seit Jahrhunderten prägen, con sordino e pianissimo klingen.»

Gerade dieses Wegnehmen habe eine frappante Wirkung und bewirke eine Veränderung unserer Wahrnehmung, sagt Mark Sattler. «Das Leiser-Machen scḧärft die Wahrnehmung; Gewohntes wird ungewohnt und verfremdet, es entfaltet einen neuen Reiz, eine neue Schönheit.» Als Schlagzeuger, der auch mit Metallen Sound macht, interessiert Zumthor vor allem der besondere Klangcharakter der Glocken. Das Schönste an Kirchenglocken sei für ihn der Ausklang. «Was nach dem Schlag in der Luft vibriert und verklingt, birgt einen geheimnisvollen Zauber in sich.»

Mit den weich eingepackten Klöppeln lässt sich das Erlebnis ausweiten. Die Glocken werden nicht mehr «geschlagen», sondern zum «Klingen» gebracht. Zumthor dazu: «Obertonreiche Klangbänder entfalten sich leise in der Stadt, mit einer wie von weit hergewehten Schönheit.»

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