Interview

Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger: «Wir haben ein ganz neues Festival aufgebaut»

Lucerne Festival im Sommer findet doch statt: Unter dem Motto «Life is Live» entwickelte sich das von Intendant Michael Haefliger angekündigte Mini-Ersatzfestival zu einer hochkarätigen langen Woche aus – mitsamt Festivalorchester, Megastars und Schweizer Akzenten.

Im März wollten Sie den Juni und einen allfälligen Rückgang der Infektionsrate abwarten, um über die Durchführung des Sommerfestivals zu entscheiden. Das ist jetzt der Fall, aber das Verbot von Grossveranstaltungen über 1000 Personen bis Ende August erzwang die Absage bereits im April. Fühlen Sie sich vom Bundesrat verschaukelt?

Michael Haefliger: Nein, überhaupt nicht. Die Schweiz ist zwar bisher glimpflich durch diese internationale Katastrophe gekommen. Aber deren weltweite Entwicklung zeigt, dass die Gefahr keineswegs gebannt ist und auch uns wieder treffen könnte. Ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Folgen, die uns alle enorm belasten werden. Alles in allem ist für mich klar, dass ich mir in absehbarer Zeit Konzerte in einem vollen KKL-Konzertsaal nicht vorstellen kann. Das könnten wir als Veranstalter nicht verantworten.

Andere Festivals wie jene in Salzburg führen reduzierte Corona-Versionen durch. Sie hätten noch zwei Monate Zeit, einen Teil des Sommerfestivals zu reaktivieren. War das keine Option?

Nein, das Programm für den Sommer kalkulierten wir mit einer Auslastung von etwa 90 Prozent. Die brauchen wir, weil wir im Vergleich etwa zu Salzburg viel weniger Subventionen erhalten. Ein solches, als Ganzes konzipiertes Programm auch nur in Teilen durchzuführen, wäre aus wirtschaftlichen Gründen also nicht möglich und machte auch künstlerisch keinen Sinn. Wir wissen zudem nicht, wie die aktuellen Voraussetzungen bei den Orchestern und Künstlern in den verschiedenen Ländern sind. Die Grenzen wurden jetzt zwar weitgehend geöffnet, aber auch da bestehen grosse Unterschiede und Ungewissheiten. Deshalb haben wir uns entschlossen, von Null auf ein ganz neues und kleineres Festival aufzubauen.

Michael Haefliger.

Michael Haefliger.

Auch in dieser verlängerten Festival-Woche «Life is Live» haben Sie mit 1000 Besuchern nicht die nötige Auslastung. Mit Megastars wie Martha Argerich oder Cecilia Bartoli und zwei Konzerten des Lucerne Festival Orchestra ist das aber auch kein Sparprogramm. Wie lässt sich das finanzieren?

Es gibt in dieser Corona-Zeit eine Art Solidarität in der Branche. Dazu gehören spezielle Konditionen, die wir mit Musikern oder dem KKL vereinbaren können. Zudem ist die Zusammenarbeit mit den Sponsoren erfreulich. Von einigen erhalten wir die vollen Beiträge, mit anderen haben wir spezielle Lösungen gefunden. Die Beiträge für Kurzarbeit und Ausfallentschädigungen von Bund und Kanton helfen weiter, den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Unser Beitrag ist, dass wir ein Zeichen setzen für eine schrittweise Rückkehr in die Normalität. Darauf vertrauen wir, und dieses Vertrauen möchten wir anderen weitergeben. Dafür war uns, neben den Konzerten im KKL, auch das Strassenfestival wichtig, das wir in der Stadt mit weniger Gruppen als üblich durchführen.

«Life is Live» steht für die Rückkehr ins gemeinsam erlebte Livekonzert. Inwiefern mussten Sie dennoch auf Corona-Bedingungen Rücksicht nehmen?

Eine zentraler Punkt ist die Berücksichtigung von Künstlern, die in der Schweiz leben. Herbert Blomstedt, der erstmals das Lucerne Festival Orchestra dirigieren wird, lebt in Luzern, Martha Argerich in Genf und Cecilia Bartoli in der Nähe von Zürich. Das ist auch eine schöne Gelegenheit, den international erfolgreichen Luzerner Tenor Mauro Peter mit einem Lied-Rezital erstmals am Festival auftreten zu lassen. Schweizerisch geprägt ist auch das Konzert der Lucerne Festival Alumni. Dafür werden ehemalige Academy-Teilnehmer aus der Schweiz eingeladen. Solistin ist die Saxofonistin Valentine Michaud, die in Lausanne wohnt: Sie gewann den diesjährigen Credit Suisse Young Artist Award und gibt auch ein Rezital mit klassischen Werken für Saxofon.

Im Alumni-Konzert erklingt eine Uraufführung zum Festivalthema «Life is Live». Wo liegt hier der Bezug zu Corona?

Das ist eine Auftragskomposition von Barblina Meierhans (38), einer der aufstrebenden Komponistinnen der jüngeren Generation in der Schweiz. Sie thematisiert das «Social Distancing» musikalisch, indem sie einem Ensemble einen Fernbläser gegenüberstellt. Dass mit Nadir Vassena und Oscar Bianchi ausschliesslich Musik von Komponisten aus unserem Land erklingt, ist ein weiterer Schweizer Aspekt.

Das Lucerne Festival Orchestra als internationales Flaggschiff des Festivals tritt mit nur 35 Musikern auf. Ist das eine Corona-bedingte B-Besetzung?

Nein, überhaupt nicht, eher das Gegenteil ist der Fall. Der Entscheid, die Besetzung zu reduzieren, war zwar durch die Corona-Bedingungen vorgegeben. Aber mit der Zahl von 35 Musikern orientieren wir uns an der Besetzung, die in etwa Beethoven zur Verfügung stand. Das geschah in Absprache mit Herbert Blomstedt, der in den beiden Konzerten Werke von Beethoven dirigiert. An zentralen Positionen des Orchesters wirken Musiker wie Gregory Ahss und Raphael Christ als Konzertmeister, Wolfram Christ bei den Bratschen, der Cellist Clemens Hagen, der Flötist Jacques Zoon oder der Trompeter Reinhold Friedrich mit. Sie dürften in dieser reduzierten Besetzung eine noch prägendere Rolle spielen. Das gilt auch für das Konzert mit Solisten des Lucerne Festival Orchestra, in dem Beethovens Septett erklingt.

Aus dem Rahmen fällt die Klanginstallation «Luzerner Glocken – con sordino». Wie kommt ein solches Projekt zu Stande?

Die Idee dazu kam mir im April in der Küche, weil mich die Frage umtrieb: Wenn wegen Corona rein gar nichts mehr gehen würde – mit welchem Instrument könnte man dennoch etwas machen? Da kamen mir die Glocken hoch oben in Kirchentürmen in den Sinn. Später entdeckte ich, dass der Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor verschiedentlich mit Glocken gearbeitet hat. Daraus entstand dann dieses Projekt. Die Glocken verschiedener Luzerner Kirchen werden in den drei Aufführungen so gedämpft, dass sie nicht mehr schlagen, sondern mit obortonreichen Klangbildern die Luft erfüllen.

Auf «Connected», der neuen Plattform für digitale Formate des Festivals, plaudern Sie in einer «Happy Hour» ausgelassen mit Musikern des Festival-Orchesters. Hat uns Corona in der Not kommunikativer gemacht – und kann man das in live-Anlässe hineintragen?

Gesprächsformate hatten wir immer schon am Festival. Jetzt im August sprechen die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Virologin Karin Mölling im NZZ-Podium über die «Die Zeit seit Corona». Aber online-Formate begünstigen, dass man spontan und locker miteinander kommuniziert. Das werden wir jetzt auch ständig um neue Beiträge erweitern. Aber ich sehe das eher als Ergänzung zu den live-Konzerten. Letztlich sind sie das, was die Menschen von uns erwarten.

In der «Happy Hour» fragen Sie, inwiefern Corona auch eine Chance für Veränderungen sein könnte. Was würden Sie selber antworten?

Eine grosse Veränderung war natürlich auch für mich, dass ich nicht mehr reisen konnte und mich nur noch im Radius von Luzern und Zürich bewegte – oder, wie viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aus dem Homeoffice heraus kommunizierte. Aber die vielleicht fundamentalste Erfahrung war die der Ruhe, die einem überall begegnete. Aber selbst wenn mir das Reisen nicht gefehlt hat und wir jetzt viele Besprechungen über Zoom geführt haben: Es wird auch in Zukunft unerlässlich sein, wichtige Partner und Künstler persönlich aufzusuchen und zu treffen. Auch da gilt wohl, wie für die Konzerte selber: Live-Begegnungen sind durch digitale Formate letztlich nicht zu ersetzen.

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