Literatur
«Gott liebt dich!»: Jonathan Franzen macht in seinem neusten Familienroman Gott zu einer Hauptfigur

Jonathan Franzen liefert mit «Crossroads» den Auftakt für ein furioses Roman-Projekt. Nichts weniger als den «Schlüssel zu allen Mythologien» sucht er darin.

Peter Henning
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Er hat es schon wieder getan: Der gefeierte amerikanische Autor Jonathan Franzen legt erneut einen Familien-Roman vor.

Er hat es schon wieder getan: Der gefeierte amerikanische Autor Jonathan Franzen legt erneut einen Familien-Roman vor.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Acht Personen stehen vordergründig im Zentrum von Jonathan Franzens neuem Roman «Crossroads»: Der Pfarrer Russ Hildebrandt, der in einem Vorort von St. Louis als Leiter einer gleichnamigen Jugendgruppe Dienst tut; seine mit einer dunklen Vergangenheit geschlagene Frau Marion, ihre vier Kinder Clem, Becky, Perry und Judson - sowie zwei weitere, die Familie lange wie hartnäckige Verfolger-Satelliten umkreisende Charaktere.

Der eigentliche Protagonist dieses atemberaubenden, weil mit geradezu Proust´scher Detailversessenheit ausgebreiteten Romans aber steht wie bei allen wahrhaft gläubigen Christen – und die Hildebrandts sind eben solche bis in die letzten Winkel ihrer Herzkammern – auch hier über allem und hört auf den Namen «Gott».

Machte man sich die Mühe, aufzulisten, wie oft sie ihn jeder für sich im Roman um Hilfe anrufen, weil er oder sie mal wieder kurz vom Weg der Tugendhaftigkeit abgekommen ist, so käme man wahrscheinlich auf eine ganze erstaunliche Zahl!

Franzen röntgt seine Figuren bis auf ihre Seele

Und das ist das eigentlich Neue an Franzens nunmehr sechster Familien-Exploration: Dass sie geradezu Thesenroman-haft an den Figuren die mythologische Frage durch dekliniert, wie man als Einzelner das Böse bekämpfen – und es dauerhaft aus dem eigenen Leben fern halten kann.

«Crossroads» ist der Auftakt zum dreiteiligen Roman-Projekt von Jonathan Franzen.

«Crossroads» ist der Auftakt zum dreiteiligen Roman-Projekt von Jonathan Franzen.

Rowohlt

«Ich bin einfach kein ausreichend guter Mensch», entfährt es einmal der jungen Witwe Frances, die nach dem jähen Tod ihres Mannes Trost bei Russ sucht – und darüber zu seiner ganz persönlichen erotischen Obsession wird. Und wenn Becky, Russ´ Tochter, an anderer Stelle freimütig erklärt, sie habe lange gebetet und Gott gesehen, so ist damit die Bruchstelle benannt, entlang der sich sämtliche Figuren bewegen, nämlich: jener schmale Grat zwischen Gut-und-Böse, über den zu balancieren ihr Schöpfer sie über 826 Seiten zwingt.

Lange gefiel Franzen sich darin, seine Figuren über die Zeiten und sozialen Milieus zu charakterisieren, in denen sie sich jeweils bewegten und an denen sie nicht selten litten. In «Crossroads» nun konzentriert er sich ganz auf ihr Innerstes. Mit dem Resultat, dass das manchmal nur Umrisshafte früherer Figuren ebenso verschwunden ist wie ihr miterzähltes Äussere. So hat man beim Lesen geradezu das Gefühl, jeder der Figuren wie anhand einer neuartigen Technik per Röntgenaufnahme in die Seele blicken zu können.

Der Familientherapeut unter Amerikas Erzählern

Franzen, 62, entrollt in «Crossroads» die im vorzeitlichen 1971 spielende Geschichte der Hildebrandts, deren Entwicklungen sich um die gleichnamige Jugendgruppe ranken. Und sie ist es auch, die zum Spiegel wird, in dem sich alles, was diese Familie auf ihrem Weg zu Gott umtreibt, gnadenlos offenbart. Denn natürlich frönt Franzen, dieser selbsternannte Familientherapeut unter Amerikas bedeutendsten Erzählern der Gegenwart, auch in «Crossroads» seiner Liebe zum Studium in Unordnung geratener Familien-Systeme.

Angefangen etwa bei Russ, der einst gemeinsam mit seinem längst wollüstig gehassten Gegenspieler Rick Ambrose die Jugendgruppe leitete – inzwischen aber eifersüchtig mitansehen muss, wie Rick von den ihm scharenweise zulaufenden Kids wie ein Popstar gefeiert wird. Er selbst hingegen muss sich mit ein paar bibelversessenen Strebern begnügen.

Dann ist da seine von ihm nicht mehr begehrte Frau Marion, deren dunkle Vergangenheit Franzen uns in langen Rückblenden erzählt. Und auch sie hungert nach Erlösung. Dass dann ausgerechnet der Selbstmordversuch ihres Sohnes Perry am Ende dazu führt, dass sie und Russ wieder zueinander finden, ist nur eine der furiosen Pointen, die Franzen seiner Leserschaft in diesem Roman beschert.

Denn sowohl Becky, die für die Erfüllung ihrer Liebessehnsüchte zu sündigen scheint als auch Clem, der sein Studium abbricht, um als «guter Amerikaner» nach Vietnam zu gehen, wo die Nation gerade ihr Waterloo erleben wird, finden zuletzt über Gottes Umwege zu ihrem wahren Innern. In grossen monolithischen Roman-in-Roman-Blöcken erleben wir so ihre wundersamen Transformationen – hin zu Gott und eben damit auch zu sich selbst.

Auch nach 17 Jahren hat er nicht genug von der Familie

«Wahrscheinlich wird eines Tages der Moment kommen, an dem ich nicht mehr über das innerste Wesen des Begriffs ‹Familie› werde nachdenken müssen», erklärt Franzen 2005. Siebzehn Jahre sind seither vergangen. Und nichts deutet darauf hin, dass dieser Tag zeitnah kommen wird, bildet «Crossroads» doch nur den Auftakt zu seiner auf drei Bände gross angelegten Reise auf der Suche nach dem «Schlüssel zu allen Mythologien», wie das Roman-Projekt als Ganzes untertitelt ist.

Ja, Franzen hat es wieder getan – und erneut einen Familienroman geschrieben; einen allerdings, wie man ihn seit Tolstois «Anna Karenina» oder Prousts «Recherche» so nicht mehr gelesen hat.

Jonathan Franzen, Crossroads. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 826 Seiten.

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