Interview

Leadgitarrist Angus Young nach der Wiedervereinigung: «AC/DC sind wie ein gutes, altes Paar Schuhe»

© Interview: Marko Lehtinen

Gehörverlust, Ausstieg und Tod: Mehrere Schicksalsschläge führten zum Zerfall der Rockband. Nun ist sie zurück mit einem neuen Album. Gitarrist Angus Young erzählt, wie es dazu kam.

Es ist nichts weniger als eine Wiedergeburt. Vor drei Jahren waren AC/DC klinisch tot. Ein Mitglied nach dem anderen hatte die Band verlassen – was sich wie die Chronologie eines Zerfalls liest: Zuerst hatte Bandgründer Malcolm Young wegen fortgeschrittener Demenz seine Riffs verlernt. Er wurde durch Stevie Young, seinen Cousin, ersetzt. Malcolm starb 2017.

Dann verlor Brian Johnson während der Tournee zum letzten Album «Rock or Bust» sein Gehör und Guns N’Roses-Sänger Axl Rose musste für die verbleibenden Konzerte einspringen. Schlagzeuger Phil Rudd geriet wegen Drogenproblemen und angeblicher Morddrohungen in die Fänge der Justiz und verlor seinen Platz in der Band.

Schliesslich gab Bassist Cliff Williams seinen Abschied. Kaum zu glauben, dass sie alle am Ende zu AC/DC zurückkehrten, um «Power Up» aufzunehmen – ein Sinnbild für die Unsterblichkeit dieser musikalischen Institution.

AC/DC sind wieder da. Aber Hand aufs Herz, dachten Sie in den letzten Jahren nie: Das war’s, die Band ist Geschichte?

Angus Young: Es war nicht einfach – vor allem, als wir Brian auf der Bühne ersetzten. Er war seit fast 40 Jahren dabei, plötzlich mussten wir ohne ihn auskommen. Aber ich wusste immer, dass es mit AC/DC in irgendeiner Form weitergehen würde. Also begann ich, nach der Tournee in meinem kleinen Studio an Ideen zu arbeiten. Es gab ein paar unveröffentlichte Riffs und Songs, die mein Bruder Malcolm, kurz bevor er starb, sehr mochte. Ich fand, dass nun eine gute Gelegenheit wäre, diese Songs für ein nächstes Album fertig zu schreiben – nicht zuletzt als Tribut an Malcolm.

Aber mit wem wollten Sie das Material aufnehmen? Es war ja niemand mehr da.

Brians Gehör machte schnell Fortschritte. Er hielt mich darüber auf dem Laufenden, also wusste ich, dass er vielleicht schon bald zurückkehren würde. Brian selbst brannte darauf. Und als ich genug Songs für das Album zusammenhatte, war er tatsächlich bereit – wie auch Phil, Cliff und Stevie. Irgendwie kam eines zum anderen, am Ende waren alle ziemlich unkompliziert.

Wie fühlte es sich an im Studio nach all den Turbulenzen der vergangenen Jahre?

AC/DC sind wie ein gutes, altes Paar Schuhe. Man schlüpft rein, und es passt. Man zieht die Schuhe immer wieder gerne an, auch wenn sie nicht mehr die neusten sind.

47 Jahre in denselben Schuhen!

Genau…

Im Vorfeld der Veröffentlichung kursierten hartnäckige Gerüchte, wonach Malcolms Gitarre auf dem Album zu hören sein würde – in Form von Skizzen, die er vor seinem Tod aufgenommen hatte, eingebettet in die neuen Aufnahmen. Was ist aus diesen Gitarren geworden?

Wir liessen Malcolms Gitarre weg, denn Versatzstücke seiner Riffs irgendwo einzubauen, wäre Malcolm nicht gerecht geworden. Er hätte das nie gewollt, ich auch nicht.

Also war das nur ein Gerücht?

Ja, wir hatten das nie vor.

Was hat es mit dem Albumtitel «Power Up» – zu Deutsch «Schalter an» – auf sich?

Ich finde, es ist ein typischer AC/DC-Titel. Er bringt auf den Punkt, worum es bei uns geht: Wir schalten die Verstärker an, stecken unsere Gitarren ein und legen los. Dann sind wir eins mit uns selbst.

Bei AC/DC ist vieles zu einem Trademark geworden: der Sound, das Logo, die Hörner, die berühmte Schuluniform. Ist es nicht seltsam, wenn Sie in der Garderobe in den Spiegel schauen und einen unterdessen 65-jährigen Mann in Schulkleidung sehen?

Nein, die Uniform ist ein Teil von mir. Ich habe sie in meinem Leben öfter getragen als irgendein anderes Kleidungsstück. Wenn ich die kurzen Hosen und die Kappe anziehe, werde ich zu dieser Bühnenfigur. Dann werde ich zum Angus, den alle kennen. Dann weiss ich: Jetzt geht’s auf die Bühne!

Angus Young bei seinem letzten Auftritt im Letzigrund in Zürich.

Angus Young bei seinem letzten Auftritt im Letzigrund in Zürich.

Normalerweise touren AC/DC mit einem neuen Album und der Schuluniform durch die Stadien der Welt. Wegen Corona könnte das nun schwierig werden.

AC/DC ist eine Liveband. Auf der Bühne zu stehen, ist ein ganz wichtiger Teil unserer Identität. Wir sind fünf Musiker, das sechste Mitglied ist unser Publikum. Aber im Moment können wir nicht mehr tun, als zu hoffen, dass das Virus möglichst bald wieder verschwindet. Bis dahin gilt, die Gesundheit geht vor. Das müssen wir alle akzeptieren.

Angenommen, die Stadionkonzerte fallen aus, sind kleinere Säle, vielleicht sogar Clubs eine Option– oder sind AC/DC zu gross dafür?

Es kommt darauf an, wie lange es so weitergeht. Falls wir die grossen Hallen und Stadien über einen längeren Zeitraum nicht bespielen können, müssen wir uns tatsächlich überlegen, welche Lösungen und Alternativen es gibt. Auf jeden Fall werden wir so schnell wie möglich wieder auftreten. Wer weiss, vielleicht werden wir am Ende ganz neue Wege gehen und zum Beispiel in Space-Kostümen spielen.

Dann werden AC/DC zu Kiss und Angus Young wird zu Paul Stanley.

Oh, ich weiss nicht… (lacht)

Sie waren der Band gegenüber immer sehr loyal. Sie spielten nie in einer Supergroup, nahmen nie Solo-Alben auf. Haben Sie manchmal das Bedürfnis, nach 47 Jahren bei AC/DC zur Abwechslung mal ein anderes Projekt zu verwirklichen, zum Beispiel ein Angus-Young-Akustik-Blues-Album?

Hm... Nicht wirklich. So wie bei AC/DC schreibe ich nun mal meine Songs und so spiele ich meine Gitarre. Auch wenn ich ein Solo-Album machen oder ein anderes Bandprojekt gründen würde, am Ende würde es genau wie AC/DC klingen.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Nein, ich werde so lange weitermachen, wie ich kann. Und wenn der Rest der Band mitzieht, wird es auch weitere AC/DC-Alben geben.

Kritik: Sie können auch Pop

Die Welt verändert sich, AC/DC tun es nicht. Sie sind eine musikalische Konstante, ein sicherer Hafen für ihre Fans in Zeiten grosser Unsicherheiten. So dürfte es die grosse Mehrheit freuen, dass sich die Australier auch auf ihrem 17. Studioalbum treu bleiben. Für «Power Up» gilt einmal mehr: Wo AC/DC draufsteht, ist AC/DC drin.Die erste Single «Shot In The Dark» nahm das vorweg, der Rest des Albums, etwa «Witch’s Spell» mit seinem Picking im Stil von «For Those About To Rock» – seit Jahren ein unverkennbares Markenzeichen der Band – oder das schleppende «Code Red» bestätigen es. Nicht wenige Songs klingen so, als hätte man sie schon einmal gehört. Die grosse Ausnahme ist das fast schon unverschämt poppige, aber erfrischend andersartige «Through The Mists Of Time».Die zwölf Songs wurden in sechs Wochen vom langjährigen Produzenten der Band, Brendan O’Brien, in Vancouver aufgenommen. Sie vereinen das klassische Angus-Young-Riffing mit zweideutig verspielten Texten und der Hemdsärmeligkeit von Brian Johnson. Der bluesige Hardrock groovt beharrlich im Midtempo-Bereich. Die Maschine läuft.Brian Johnson hat seine Stimme wiedergefundenAlles wie gehabt also. Auffälligkeiten gibt’s nur im marginalen Bereich. So ist «Power Up» vom Songwriting her einen Tick gleichförmiger als seine Vorgänger. Und Angus’ Soli sind tendenziell kürzer und sparsamer gestreut als auch schon. Das ist schade, denn sie sind das Sahnehäubchen eines jeden AC/DC-Albums. Wo sie durchgreift, bleibt Angus’ filigrane und energiegeladene Gitarre jedoch ein Segen. Grossartig! Und die zweite gute Nachricht: Brian Johnson scheint nicht nur sein Gehör wiedergefunden zu haben, sondern auch seine Stimme. Sie klingt so offen und unangestrengt wie auf keinem anderen Album seit seinem Einstand im Jahr 1980. In einigen Momenten singt der mittlerweile 73-Jährige sogar in seiner natürlichen Stimmlage, weit tiefer, als es die Hörerschaft von ihm gewohnt ist.Aber das sind Nuancen. «Power Up» ist insgesamt ein ebenso stereotypes wie solides AC/DC-Album– frei von Überraschungen und ganz nach dem Geschmack jener Fans, in deren Welt sich nie etwas verändern darf. Ein sicherer Hafen. Und das ist gut so. (leh.) AC/DC: Power Up (Sony). Erscheint am 13. November.

Die Welt verändert sich, AC/DC tun es nicht. Sie sind eine musikalische Konstante, ein sicherer Hafen für ihre Fans in Zeiten grosser Unsicherheiten. So dürfte es die grosse Mehrheit freuen, dass sich die Australier auch auf ihrem 17. Studioalbum treu bleiben. Für «Power Up» gilt einmal mehr: Wo AC/DC draufsteht, ist AC/DC drin.

Die erste Single «Shot In The Dark» nahm das vorweg, der Rest des Albums, etwa «Witch’s Spell» mit seinem Picking im Stil von «For Those About To Rock» – seit Jahren ein unverkennbares Markenzeichen der Band – oder das schleppende «Code Red» bestätigen es. Nicht wenige Songs klingen so, als hätte man sie schon einmal gehört. Die grosse Ausnahme ist das fast schon unverschämt poppige, aber erfrischend andersartige «Through The Mists Of Time».

Die zwölf Songs wurden in sechs Wochen vom langjährigen Produzenten der Band, Brendan O’Brien, in Vancouver aufgenommen. Sie vereinen das klassische Angus-Young-Riffing mit zweideutig verspielten Texten und der Hemdsärmeligkeit von Brian Johnson. Der bluesige Hardrock groovt beharrlich im Midtempo-Bereich. Die Maschine läuft.

Brian Johnson hat seine Stimme wiedergefunden
Alles wie gehabt also. Auffälligkeiten gibt’s nur im marginalen Bereich. So ist «Power Up» vom Songwriting her einen Tick gleichförmiger als seine Vorgänger. Und Angus’ Soli sind tendenziell kürzer und sparsamer gestreut als auch schon. Das ist schade, denn sie sind das Sahnehäubchen eines jeden AC/DC-Albums. Wo sie durchgreift, bleibt Angus’ filigrane und energiegeladene Gitarre jedoch ein Segen. Grossartig!

Und die zweite gute Nachricht: Brian Johnson scheint nicht nur sein Gehör wiedergefunden zu haben, sondern auch seine Stimme. Sie klingt so offen und unangestrengt wie auf keinem anderen Album seit seinem Einstand im Jahr 1980. In einigen Momenten singt der mittlerweile 73-Jährige sogar in seiner natürlichen Stimmlage, weit tiefer, als es die Hörerschaft von ihm gewohnt ist.

Aber das sind Nuancen. «Power Up» ist insgesamt ein ebenso stereotypes wie solides AC/DC-Album– frei von Überraschungen und ganz nach dem Geschmack jener Fans, in deren Welt sich nie etwas verändern darf. Ein sicherer Hafen. Und das ist gut so. (leh.) AC/DC: Power Up (Sony). Erscheint am 13. November.

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