Drei Jahre ist es her, dass Milena Moser ihre Wohnung und ihre Schreibstube in Aarau aufgegeben hat und in die USA gezogen ist, zum zweiten Mal und allein. Zu ihrem 50. Geburtstag hatte sie sich eine Reise in die USA geschenkt.

Die Scheidung lag hinter ihr, sie wollte das Glück finden und sich neu verlieben. Das tat sie auch, zunächst aber nicht in einen neuen Mann, sondern in ein Häuschen – in Santa Fe im Bundesstaat New Mexico. Würde Sie ihre Ansprüche zurückschrauben, hätte sie dort Zeit für das, was ihr am wichtigsten ist: Zeit zum Schreiben.

Nun, drei Jahre später, ist er da: Milena Mosers neuer Roman. Und, das kann man gleich sagen, «Land der Söhne» ist ein glänzend erzähltes Buch. Es spannt sich von den 1940er-Jahren bis in die heutige Zeit und erzählt eine Familiengeschichte über drei Generationen. Die grossen Themen klingen darin an: das Ringen um Freiheit, Selbstbestimmung und Identität. Und natürlich erzählt der Roman auch von Amerika.

Zwei Väter

Der Auftakt spielt in San Francisco, wo Milena Moser früher acht Jahre lang gelebt hat. Sofia ist zwölf. Während es für die anderen Mädchen ihrer Schule nur ein Thema gibt, nämlich Jungs, kleidet sie sich wie die erste weibliche Pilotin und interessiert sich für Roboter und fürs Fliegen. Sofia ist wie eine Prinzessin aufgewachsen, weil ihre Väter so lange auf sie hatten warten müssen. Väter? Genau: Sofia wurde mithilfe einer Leihmutter gezeugt.

Rührend und übervorsichtig kümmern sich Papa Giò und Papa Santi um ihre kostbare Tochter. Doch die Sicherheit, in der sie aufgewachsen ist, hat Risse bekommen. Da ist zum einen die sich ankündigende Pubertät. Und da ist der Tod von Papa Giòs Grossvater Big Lou, einem übermächtigen Hollywoodproduzenten.

Die Gewissheiten sind weg und das Mädchen hat vor allem eine grosse Angst: dass sich ihre Papas trennen könnten. Wie anders soll sie es deuten, dass Papa Santi Zeit für sich braucht und Papa Giò mit ihr alleine nach New Mexico fährt, in die Nähe von Santa Fe?

Dramaturgisch geschickt überblendet Milena Moser die Reise im Zug von Kalifornien in die Hochwüste mit zwei früheren Reisen. In den 1940er-Jahren ist der kleine Luigi mit seiner Mutter auf derselben Strecke unterwegs. Sie bringt ihn in die Española Outdoor School for Boys, wo er lernen soll, ein «richtiger Kerl» zu werden. Der charismatische Schulleiter Major Bartlett, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, kultiviert ein übersteigertes Männlichkeitsideal.

Männlichkeitskult: Die Ranch School for Boys in Los Alamos (1917–1941).

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Seine Jungs müssen sich von gehackter Leber ernähren, morgens gibt es Nacktturnen, die Männergemeinschaft wird hochgehalten und er pflegt eine ungesunde Nähe zu seinen Schützlingen. «Du musst dich von deiner Vergangenheit lösen, nur so kannst du ein Mann sein», prägt er Luigi ein, den er mit der typischen Einsilbigkeit amerikanischer Männernamen nur Lou nennt.

Unabhängig, selbstgenügsam und stark soll dieser werden. In den 1970er-Jahren wiederum fährt der kleine Giò mit seiner Mutter dieselbe Strecke. Die Mutter flüchte sich vor dem übermächtigen Patriarchen Big Lou, zu dem Luigi geworden ist, in ein neues Leben. In einer Hippiekommune gibt sie sich im Selbstverwirklichungsrausch ganz der freien Liebe und den Drogen hin.

Hippiehochburg: Yogi Bhajan (1929–2004) hat bei Española ein Ashram gegründet.

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Zwei Söhne

Milena Moser erzählt aus der Perspektive der Kinder und führt so deren Unfähigkeit, die Geschehnisse einzuordnen, vor. Hat die Mutter ihn abgeschoben, weil sie mit ihrem neuen Mann ein neues Leben anfangen will, fragt sich Luigi. Oder will sie nur das Werk seines Vaters fortsetzen, eines Tessiner Anwalts, der seinen Einsatz für Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg vermutlich mit dem Leben bezahlt hat?

Herzzerreissend ist die Verlorenheit beider Jungen – Luigi, der keine Wahl hat, jemand anderes als Major Bartlett als Vater anzuerkennen, um dessen Liebe kämpft und alle Zweifel gegen sich selbst kehrt. Und Giorgio, dessen Mutter ihm immer mehr abhandenkommt bis er zuletzt ganz auf sich allein gestellt im Pueblo bei den Indios eine vorübergehende Bleibe findet.

Indianerpueblos: Anders als in den Reservaten blieben die Sagen und andere Traditionen erhalten.

Indianerpueblos: Anders als in den Reservaten blieben die Sagen und andere Traditionen erhalten.

Wie Puzzleteile fügen sich die Erlebnisse aus den Kinderjahren zu einer Familiengeschichte, in der die Prägungen weitergegeben werden und das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit und der Schuld als Konstante wiederkehrt. Überrascht stellt man fest, man hat die Figuren in verschiedenen Lebensaltern kennen gelernt. Unmöglich, sie zu verurteilen, nachdem man sich mit ihren Nöten identifiziert hat und die Ambivalenz ihrer Handlungen kennt. Das ist souverän erzählt.

Doch wie löst man einen so breit gefächerten Roman auf, der auch das Licht, die Landschaft, die verschiedenen Gemeinschaften im US-amerikanischen Südwesten aufleben lässt? Vielleicht ein bisschen zu deutlich scheint am Schluss eine mögliche Botschaft auf: «Das, was uns passiert ist, hat nichts mit uns zu tun», betont Papa Giò.

Die beiden Papas haben sich der Vergangenheit gestellt. Ihr Blick zurück zeigt den Weg, den sie beide gegangen sind – und mit ihnen das Land. Nur ein einziges Mal kommt die Sprache auf die aktuelle Politik: «Wir verlieren alles, wofür wir gekämpft haben», sagt Papa Santi ganz zu Beginn. Davon handelt der Roman.

«Ich glaube, das Buch ist das Ergebnis der radikalen Veränderung und Vereinfachung meines Lebens», schreibt die heute 55-jährige Autorin per Mail, «die Geschichte brauchte den Platz und die Zeit, die ich vorher nicht hatte». Toll, hat sich Milena Moser Zeit und Platz genommen.

Milena Moser: «Land der Söhne», Nagel&Kimche, 420 Seiten. Buchtaufe: 5. 9., Kosmos, Zürich.