Kunst
Erfolg der Kryptokunst: Ist das echt oder kann das weg?

Die digitale Collage des Künstlers «Beeple» erzielte beim Auktionshaus Christie's einen Rekordpreis. Das verdankt sie auch einem Code, der sie zum Original macht.

Anna Raymann
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Bei Christie's versteigert: Die Collage «Everydays: The First 5000 Days» .

Bei Christie's versteigert: Die Collage «Everydays: The First 5000 Days» .

AP

«Nft», «Drop» und «Crypto Art» – was klingt wie eine Zeile aus dem Hiphop-Klassiker «MfG. mit freundlichen Grüssen» der Deutschen Band «Fanta 4», bestimmt aktuell die Schlagzeilen der Kunstwelt. Dabei geht es um digitale Kunstwerke, die plötzlich Rekordpreise auf Auktionen erzielen: So hat Mike «Beeple» Winkelmann mit einer Collage aus 5000 Einzelwerken beim renommierten Auktionshaus Christie’s 69 Millionen Dollar erreicht. Jetzt rangiert er damit hinter Jeff Koons und David Hockney auf Platz drei der bestbezahlten, lebenden Künstler weltweit.

Der Preis schockiert. Denn das Bild an sich findet hingegen nur wenig Beachtung. Die Einzelansichten aus der Collage «Everydays: The First 5000 Days» erinnern an Gamingwelten, hyperrealistisch, grell und explizit. Die Motive entstammen in ihrer überzeichnenden Ironie dem Geist des Internets und der Meme-Kultur. Sucht man Ähnlichkeiten in der Kunstgeschichte, findet man sie vielleicht bei Renaissance-Künstler Hieronymus Bosch, der etwa im «Garten der Lüste» ähnlich fantastisches Gewusel inszenierte. Täglich reagierte Beeple mit einem Bild auf aktuelle Ereignisse. Es sind statische und bewegte digitale Illustrationen, auch Renderings genannt. In den sozialen Medien werden sie losgelöst von jeglichem Kunstkontext und tausendfach geteilt. Der Wert steigt mit der Reichweite seiner Protagonisten.

Neue Sammler auf dem Parkett

Immense Preise sind auf dem Kunstmarkt nicht neu. Immer wieder übersteigen Künstler wie Damian Hirst oder der Street-Artist Banksy die Schätzungen. Hier ist Kunst nicht mehr langfristige Wertanlage, sondern viel mehr Spekulationsobjekt. Durch die Bezahlung in einer Kryptowährung wie Ether, die nicht von zentralen Banken reguliert ist, finden neue Händler, Sammlerinnen oder eben Spekulanten in den Markt, die eigene Regeln mit in diese Verkäufe bringen. Ihnen geht es mit einem Kauf nicht nur um den Besitz, sondern auch um den historischen Moment, Teil zu sein dieser aushebelnden Rekorde. In dieser Haltung wird die Transaktion Teil des Werks.

Kunst künstlich verknappt

Neu ist hingegen, dass digitale Werke in dieser Form für den Kunstmarkt relevant werden. Dass liegt einerseits daran, dass Krypto-Künstler ihre Arbeiten gerne «droppen»: Also in limitierter Auflage zu einer bestimmten Zeit (meist kurzfristig angekündigt) an einem bestimmten Ort (digitale Marktplätze wie «Nifty Gateway») anpreisen. Sie generieren so eine künstliche Verknappung eines Werks, das potenziell schier endlos im Internet vervielfacht werden könnte. Bereits mit dem Aufkommen der Videokunst fand man aber schon über limitierte Auflagen Wege, das reproduzierbare Werk zu monetarisieren.

Zum anderen liegt das neue entflammte Interesse wohl daran, dass die Blockchain-Technologie die Echtheit eines Bildes belegen kann. Nur: Was ist schon «echt» im Internet? Jedes Bild ist in Sekundenschnelle vervielfacht, kopiert, gespeichert. Welches das erste – das Original – war, erschliesst sich nicht mehr. Werke wie jenes von «Beeple» belegen über «NFTs» ihre Herkunft oder genauer: ihren Eigentümer. «NFT» steht für «non-fungible token» - nicht austauschbare Einheiten. Das Original macht sich also nicht wie in der Malerei an der Pinselführung einer Künstlerin fest, sondern an einer kleinen Zeile Code.

Das Original gibt es nicht

Kunst ist frei nach Walter Benjamin längst reproduzierbar geworden. Insbesondere die Netzkunst aus den 1990er Jahren lebte vom Prinzip des Teilens. Unter Schlagworten wie «Open Source» setzen sich Netzkünstlerinnen ein für eine demokratisierenden Zugänglichkeit und Öffnung. Sabine Himmelsbach, Leiterin des «Haus der elektronischen Künste» (HeK) in Basel bringt es auf den Punkt:

«Den Begriff des Originals gibt es in der Netz- und softwarebasierten Kunst nicht.»

Eine Technologie wie «NFT» ändert daran grundsätzlich nichts. Die Bilder können weiterhin im Netz geteilt und von allen Nutzerinnen der Plattformen angesehen werden. Nur gibt es über die Technologie einen bestätigten Eigentümer.

Sicherungskopien der Kunst

Eine besondere Herausforderung bei digitalen Kunstwerken ist die Haltbarkeit. Seien es Datenträger wie Disketten, CDs, und USB-Sticks oder eben die Daten selbst. Es gibt Aktualisierungen in Programmen, technische Fehler wie sie jeder kennt, dem selbst einmal bei der Arbeit der Computer abgestürzt ist. Dies gestaltet vor allem die Archivierung und Dokumentation, wie sie Aufgabe eines Museums ist, schwierig. Das bestätigt auch Sabine Himmelsbach:

«Bei softwarebasierter Kunst gilt der Ausspruch ‹Lots of Copies Keep Stuff Safe›.»

Die Kunst braucht eine Sicherungskopie, die gilt, wenn das Original nicht mehr funktioniert.

In einem Umfeld wie dem Internet, in dem Inhalte auf Reproduzierbarkeit, Wiederholung und auf Zitierungen basiert, läuft eine Technologie, die «Originale» kennzeichnet, gegen den Strom. Sie rüttelt somit an den grundlegenden Pfeilern der Netzkulturen. Den Erfolg, den die Künstler damit haben, nimmt die arrivierte Kunstwelt erstaunt auf und lässt sich von den neuen Spielern auf dem Parkett ein spektakuläres Stück vorführen. Ein neues Kapitel wurde mit dem Verkauf von «Beeples» Collage «Everydays: The First 5000 Days» aufgeschlagen. Wie so oft auf dem Kunstmarkt wird es aber vermutlich auch hier nach dem ersten Schock leiser weitergehen.

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