Kultur
So ein Konzert hat man im KKL noch selten gesehen: Ohne Berührungsängste springen Musiker zwischen Epochen und Stilen hin und her

Die Komposition «Mysteries of the Macabre» ist ein wilder Ritt durch die Stile und Epochen. Das Motto «Verrückt» wird buchstabengetreu umgesetzt.

Roman Kühne
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Eigentlich ist Reinhold Friedrich ein friedlicher Mensch. Knapp über 60 Jahre alt, Solotrompeter und Professor in Karlsruhe. Aber das ist vorbei. Schnaubend stampft er hinter dem Klavier hervor. Zischt seine Ehepartnerin und Pianistin an. Das lässt sich Eriko Takezawa aber nicht bieten, zahlt das Geschimpfe mit gleicher Münze heim. Ein scharfer Trompetenton unterbricht das Geschwätz. Eine Rassel verleiht der Rechthaberei Nachdruck. Die Trillerpfeife kreischt. Trompete und das Piano tanzen eine wilde Improvisation.

Die Solistinnen und Solisten überzeugten.

Die Solistinnen und Solisten überzeugten.

Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli

Es ist die Komposition «Mysteries of the Macabre» von György Ligeti, welche die zwei Musiker hier im Konzertsaal des KKL in Szene setzen. Und es ist vor allem ein Stück, ein zeitgenössisches Stück, welches sich wie nahtlos in diesen wundersamen, ja verrückten Mittwochabend mit den Solisten des Lucerne Festival Orchestras fügt.

Nicht das Programm des Intendanten

Da ist nichts zu finden, dass nicht aussergewöhnlich und spannend wäre. Dies beginnt schon am Anfang. Der Intendant Michael Haefliger begrüsst das Publikum und bemerkt ganz ernst, dies sei das einzig Positive, das es an diesem Abend zu vermelden gäbe. Denn «es wird gleich ein Programm gespielt, dass ich als langjähriger Intendant dieses Festivals nur bis zu einem gewissen Punkt verantworten kann.» Reinhold Friedrich lässt dich nicht auf sich sitzen: «Wann, Herr Intendant, waren Sie denn das letzte Mal auf einer Geisterbahn?» Um dann noch anzufügen, dass es für das Publikum «schwer würde, sehr, sehr schwer».

Und wirklich, das Gespielte – mehr ein Potpourri, denn ein Konzertprogramm, so Haefliger – hat es in sich. Das Konzert ist ein brandendes Karussell. Ein Gemälde irgendwo zwischen Hieronymus Bosch und Edvard Munch. Da ist einerseits die Stückwahl. Ohne irgendwelche Berührungsängste springen die Musiker zwischen Epochen und Stilen hin und her. Blechklänge und Schlagwerk winden sich im Auftaktstück «From the Steeples and the Mountains» von Charles Ives durch Dunkelheit und Moder. Eine lange Steigerung, bis am Schluss die Röhrenglocken das helle Licht verkünden. Ein Schlag, der nicht mehr zu enden scheint. Eine Minute, zwei Minuten – gefesselt horcht das Publikum in den Ton hinein.

Ansatzlos geht es in die «Sonate Nr. 2 für Violine mit Klavier- und Schlagzeugbegleitung» von George Antheil. Jazz, Walzer, Foxtrott – die Stile wirbeln, flocken und tanzen. Ringelreihen der gespenstischen Mitternachtsbrut. Dann «Mummum à 6». Entgegen dem geheimnisvollen Titel ist es keine konkrete Poesie der 1950er-Jahre, sondern Barockmusik von Philipp Jakob Rittler. Erbaulich, edel und gelöst. Barock folgt auf atonal. Hektisches Kreischen wird durch Besinnlichkeit abgelöst. Schlag auf Schlag wechseln die Kompositionen.

So funktioniert «Moderne»

Der «Wirrwarr» an Musik hätte wenig Wirkung ohne seine exzellenten Musiker. Das drehende und quirlige Zentrum bildet die Pianistin Eriko Takezawa. Im weissen Gewand ist sie schauspielerisch und musikalisch der Kraftort dieser Geisterfahrt. Alle lassen sich ein auf den Spuk. Sei es der Violinist Korbinian Altenberger im wilden «La Campanella» des Teufelsgeigers Niccoló Paganini oder der Posaunist Jörgen van Rijen und der Paukist Raymond Curfs in «Fratres» (Arvo Pärt) – mit Musikalität und Körpersprache schaffen Atmosphäre, öffnen wie selbstverständlich die modernen Klänge dem Publikum.

Ohne Theater oder Videoinstallationen zeigt dieser Abend Alternativen zum multimedialen Zugang einer Patricia Kopatchinskaja auf. Das letzte Stück scheint wie eine Zusammenfassung. Galina Ustwolskaja «Dona nobis pacem» verbindet die Orchesterpole Tuba (Thomas Keller) und Piccolo (Jacques Zoon) miteinander. Was als aggressiver Kampf beginnt, wendet sich immer mehr dem Konsens zu, bis am Schluss die Instrumente in gemeinsamer Andacht verharren. Musik ist hier nicht einfach ein abendliches Entspannungsprogramm, sondern fordert, reisst mit und packt. Erfrischend und grossartig. Dem Publikum gefällts.

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