Basler Co-Produktion
Schweizer Schriftsteller schreibt Operetten-Libretto: Drehwurm statt Ohrwurm

Der Basler Tenor Daniel Behle hat auf ein Libretto des Schweizer Schriftstellers Alain Claude Sulzer eine Operette komponiert: «Hopfen und Malz» wurde nun in Norddeutschland uraufgeführt.

Franziska Stürz
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«Hopfen und Malz» - Daniel Behle und Alain Claude Sulzer haben eine turbulente Operette mit viel Volkstümlichkeit geschrieben.

«Hopfen und Malz» - Daniel Behle und Alain Claude Sulzer haben eine turbulente Operette mit viel Volkstümlichkeit geschrieben.

Bild: Dirk Rückschloss

Welche Folgen die Corona-Pandemie auf das Kulturleben hat, lässt sich in vielerlei Hinsicht beobachten. Nun hat sie auch eine neue Operette hervorgebracht, und diese widmet sich intensiv dem Bier: Entstanden ist sie in Basel. Tenor und Komponist Daniel Behle hat laut Selbstbekundung dazu einen engeren Bezug als sein Co-Librettist Alain Claude Sulzer, der lieber Wein trinkt. Daher fungierte Sulzer mehr als ordnende, mässigende Instanz, um den überbordenden kreativen Fluss des Musikers und Texters Behle zu kanalisieren.

Zwischen Bierzelt-Schlager und romantischer Arie

Keine leichte Aufgabe, denn Behle hat, befeuert durch die sängerische Zwangspause während der Lockdowns, nach Herzenslust tongedichtet, gereimt und zitiert. Herausgekommen ist eine mit Anspielungen auf Opernsujets gespickte, verworrene Handlung rund um einen Bierbrauer-Wettbewerb an der holsteinischen Küste. Das schillernde Theaterwesen Operette kann so etwas vertragen, wenn der doppelte Boden, die Satire und der Witz in flottem Ping-Pong zusammenspielen. In diesem Fall ballert und holpert es jedoch an einigen Stellen noch gewaltig, beispielsweise wenn der auf Sündenbeichte scharfe Mönch von der «Knabenwahl» erzählt, oder Senta Berge besingt, weil ihr beim Segeln schlecht wird und es ihr im Norden zu flach ist.

Apropos flach, die bunte und relativ willkürlich erscheinende Aneinanderreihung der Nummern changiert musikalisch zwischen Bierzelt-Schlager, flotter Tanznummer und grosser romantischer Arie frei nach Franz Lehár, Richard Strauss und Richard Wagner. Da besingt der von Senta verschmähte Holländer im orangefarbenen Fussballtrikot seine «Wunde von Bernd» und schimpft sich einen «Tor,Tor,Tor», denn Senta singt lieber mit Klaus ein «Fanta-Duett», und die Ballade vom fahrenden Holländer- Wohnwagen bekommt auch ihren Platz.

Überdosis an musikalischen Einfällen

Schwierig wird es für die Erzgebirgische Philharmonie im kleinen Orchestergraben des Eduard von Winterstein Theaters mit seinen 300 Plätzen. GMD Jens Georg Bachmann tut sein Möglichstes, um Chorszenen, grosse opernhaften Arien, temporeiche Tanznummern und das teils bemüht gesprochene Wort auszubalancieren und klanglich den abrupten Kehrtwendungen und Gratwanderungen gerecht zu werden. Die Soli müssen trotzdem mikrofonisch verstärkt werden. Insgesamt merkt man dem Stück an, dass Behle es auch unter dem Einfluss seiner Tätigkeit als Bayreuth-Sänger mit grossem Orchesterklang und stimmgewaltigen Kollegen im Ohr komponiert hat.

Die schiere Masse an musikalischen Einfällen und mehr oder weniger hintersinniger Wortgewalt fährt das Stück selbst stellenweise platt. Dem Zuhörenden kann jedenfalls bereits zur Pause leicht schwindelig sein, und das Drehgefühl artet nach drei Stunden zum Delirium aus – ganz ohne Alkoholgenuss! Ein beschwingtes Schwipserl wäre netter gewesen, als die volle Dröhnung, aber zum Operetten-Glück gibt es ja die Möglichkeit, an Musik und Text beherzt zu streichen. Ein Haus mit Ballett-Ensemble hätte auch noch die Möglichkeit, mit einer guten Choreografie mehr Leichtigkeit statt Gummistiefel-Klamauk auf die Bühne zu bringen.

Diese Operette ist ein ausbaufähiger Erstling

Ein echter Handlungskern wäre ebenfalls noch herauszukristallisieren. Ist es die Geschichte von Letty Fisch, die ihren Mann Max zum Brau-Helden machen möchte und ihren verlorenen Sohn wiederfinden will, oder doch die zarte Liebesgeschichte zwischen Senta und Klaus, der für sie seinen Wanderfreund Ischias zurücklässt? Und warum soll es nicht einfach um dieses ominöse Freibier gehen, das nachts bei Vollmond in der Wolfsbucht gebraut werden muss um niemals zu versiegen? Dieses noch frische, naturtrübe Bier-Stück ist ein ausbaufähiger Erstling und verträgt eine erneute Filterung von dramaturgischer Seite. Wenn Regie und Besetzung mit allen Theaterwassern gewaschen sind, kann ein zweiter Gärprozess die Präsentation von «Hopfen und Malz» andernorts bestimmt noch süffiger machen.