Auszeichnung
Komponist Dieter Ammann gewinnt den AZ-Kulturpreis

Mit Dieter Ammann ist in der ehemaligen Druckerei des Badener Tagblattes in Baden einer der besten heutigen Schweizer Komponisten ausgezeichnet worden.

Christian Fluri
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AZ-Kulturpreis 2014
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AZ-Verleger Peter Wanner freut sich mit Dieter Ammann und Roland Brogli.
Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger bei seiner Laudatio.

AZ-Kulturpreis 2014

Chris Iseli

«Ich entschied mich für komplexe Klangkaskaden statt Hitparaden», sagte ein überglücklicher Dieter Ammann, der mit dem Kulturpreis der AZ Medien geehrt worden ist, in seinen Dankesworten.

Er dankte auch dafür, dass die Jury des Kulturpreises mit der Vergabe des Preises 2014 an einen heutigen Komponisten ein starkes Zeichen gesetzt hat. Hier werden anspruchsvollste Kunst, die sich auf der Höhe der Zeit bewegt, und unerhörte musikalische Gebiete erkundet.

 Dieter Ammann mit Frau Yolanda und den beiden Söhnen Lenardo (links) und Amando – der dritte Sohn Silvano lebt in Boston.
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 Preisträger Dieter Ammann freut sich zusammen mit dem Aargauer Landammann Roland Brogli.
 Jurymitglied Ludwig Hasler, Philosophin Katja Gentinetta, Grossratspräsident Thierry Burkart, Nationalrätin Corina Eichenberger und Axel Wüstmann, CEO der AZ Medien Gruppe (von links). Fotos: Sandra Ardizzone
 Komponist Wolfgang Rihm (rechts) mit Michael Kaufmann, Direktor der Hochschule Luzern.

Dieter Ammann mit Frau Yolanda und den beiden Söhnen Lenardo (links) und Amando – der dritte Sohn Silvano lebt in Boston.

Sandra Ardizzone

Die vielen geladenen Gäste aus Kultur, Wirtschaft und Politik wussten dieses Zeichen ebenfalls zu schätzen. Und der renommierte Komponist Wolfgang Rihm, ein Lehrer Ammanns, eines seiner Vorbilder, ehrte den Musikerfinder aus Zofingen wie den AZ-Kulturpreis mit seiner Anwesenheit. Ammann war vom Anlass tief gerührt.

Der berühmte Wolfgang Rihm besuchte die Feier

«Keine Sekunde Leerlauf, lebendig und im schönsten Sinne durchwachsen von Kraftlinien» – das sagte Wolfgang Rihm, der berühmteste deutsche Komponist, über Dieter Ammann. Bei Rihm belegte Ammann Masterkurse – und dieser besuchte überraschend die Preisfeier.

Der höchste Aargauer, Grossratspräsident Thierry Burkart, kannte Dieter Ammanns Werk bisher nicht. «Privat höre ich Hardrock und Heavy Metal», sagte Burkart. Landammann Roland Brogli hat einen anderen Musikgeschmack: «Ich höre gerne Klassik, zum Beispiel Bach, Händel oder Tschaikowski», sagte er. Brogli kennt, wie Landstatthalter Urs Hofmann, den Kulturraum Hirzenberg in Zofingen, wo die Ammanns wirken. Die Stadt, die das Ehepaar zu Ehrenbürgern gemacht hatte, war durch Stadtammann Hans-Ruedi Hottiger vertreten. Geboren ist Ammann in Aarau, von dort war Stadtpräsidentin Jolanda Urech angereist. Auf der Empore sass Christine Egerszegi – «die musikalischste Ständerätin», wie Jurypräsidentin Sabine Altorfer sagte. Neben ihr sass Grossrätin Marianne Binder, und mit Corina Eichenberger war auch eine Nationalrätin vertreten.

Prägend im Musikleben

Mit dem diesjährigen Preis wird ein Kunstschaffender ausgezeichnet, der, wie Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festivals, in seiner sehr schönen Laudatio betont hat, mit seinen 52 Jahren noch zu den jungen avancierten Komponisten gehört. Einer, der als Jazzmusiker, genialer Improvisator, als Gründer und Leiter des Hirzenberg Festivals in Zofingen, als leidenschaftlicher Pädagoge an der steten Entwicklung unseres Musiklebens mitwirkt – in prägender Weise. Ein Komponist, dessen Musik von einer enormen Dichte, einer Lebendigkeit, einer mal aufrüttelnden, mal in ihrer Schönheit ergreifenden Emotionalität ist. Ammann weiss auch den klassischen Ensembleformen stets Neues abzugewinnen. Das war zu hören in «Après le silence», seinem zehn Jahre alten Stück für Klaviertrio. Das Oliver Schnyder Trio mit dem Pianisten Schnyder, dem Geiger Andreas Janke und dem Cellisten Benjamin Nyffenegger schuf die Intensität der musikalischen Erzählung. Nicht nur der Titel «Nach der Stille» ist Poesie, diese Musik ist es, manchmal eine sperrige, dann wieder eine betörende.

Sabine Altorfer, Leiterin der Kulturredaktion der «Nordwestschweiz» und Jurypräsidentin, trifft es genau mit ihrer Aussage: «Wer sich in ein Konzert mit Ammann-Kompositionen wagt, wird gefordert, aber vor allem wird er belohnt und berührt.»

Das anspruchsvolle Neue

Peter Wanner, Verleger der AZ Medien und Preisspender, stellt gleichsam die Gretchenfrage – nicht mit Goethes «Faust», sondern mit einer Variation des Titels von Edward Albees berühmtem Stück «Wer hat Angst vor Neuer Musik?». Nur wer sie kenne, könne sie lieben – oder auch nicht. Und er sprach vom Neuen, das es in unserer Welt immer schwer hat. Wanner sieht in den Medien eine wichtige Vermittlerrolle. Diese Vermittlerrolle übernimmt auch der Kulturpreis: Damit sollen die oft gehörten Vorbehalte gegen Neue Musik abgebaut werden.

Landammann Roland Brogli sieht in seinem Dankeswort in Ammann den besten Beleg für Max Frischs Aussage «Kultur ist nicht, Kultur wird». Sie schaffe im Wissen um Traditionen Neues. Ammann ist einer, der in seiner reflektierenden Kompositionsweise Neues in komplexer, lebendiger Form schafft, das energetisch ist und spontan wirkt. Er stellt hohe Ansprüche nicht nur ans Publikum, sondern ebenso an die Musiker – und vor allem an sich selber.

Zwei Wünsche äusserte Ammann im Interview mit der «Nordwestschweiz». Den ersten, eine Oper zu schreiben, könnte ihm Michael Haefliger in einem neuen Luzerner Haus für Musiktheater erfüllen. Den zweiten, den Tennisstar Roger Federer zu treffen, erfüllt ihm die «Nordwestschweiz» morgen an den Swiss Indoors in Basel.

Laudatio von Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger

Lieber Ausser-Ordentlicher, beinahe Ausser-Irdischer und heute besonders geehrter und verehrter Dieter,

es ehrt und freut mich sehr (auch wenn es mich in den letzten Tagen eher belastet hat), dass ich heute anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der AZ Medien eine «Hymne mit Variationen» auf dich singen darf.

«Musik (ich meine Kunstmusik) muss meiner Meinung nach nicht ‹lustig, humorvoll› etc. sein, sondern möglichst mannigfaltig rezipierbar – auf verschiedene Arten erlebbar. Wenn man sie mit Adjektiven beschreiben müsste, würde ich eher sagen, sie soll packend, überraschend, einen anspringend, nicht mehr loslassend und – ja: nicht lustig, aber positiv (im Sinn von anregend, den Geist und die Sinne anregend) sein. Amen.» Das schrieb einer der interessantesten, spannendsten, fantasievollsten und innovativsten Komponisten unserer Zeit – Dieter Ammann. Einer der aus einer vermeintlich anderen Richtung kam, Welten verbunden hat und dadurch eine neue Welt geschaffen hat. Nämlich seine eigene, von anderen unabhängige; eine Welt abseits der klassischen «Mainstreams» der zeitgenössischen Musik.

Streng betrachtet, waren deine ersten musikalischen Gehversuche, lieber Dieter, nicht wirklich ernst zu nehmen und entsprachen nicht den klassischen Gepflogenheiten. Im elterlichen Haushalt im aargauischen Zofingen wurde – man höre und staune – nicht etwa zwölf Stunden am Tag Geige, Cello, Flöte oder Klavier geübt, Kontrapunkt und Tonsatz erprobt bzw. das Wunderkind entdeckt, sondern ganz einfach und voller Freude Musik gemacht. Nach Lust und Laune! So wie es halt gerade kam. In Trio-Formation zogst du mit deinem Vater, der von Haus aus Naturwissenschaftler, aber auch ein glänzender Stegreifpianist war, und deinem Bruder Hansjörg bereits im Alter von acht Jahren durch die Lande, und als ein erster musikalischer Höhepunkt gestaltete sich ein «Jekami-Abend» mit Evergreens und viel Improvisation im italienischen Riva del Sole. Dabei kamen bei beiden Brüdern die verschiedensten Instrumente zum Einsatz: Von der Trompete über Tasteninstrumente und Bassgitarre bis zur Melodica brachten sie alles zum Klingen, was ihnen in die Hände geriet.

Musik war kein zwanghaftes Üben und Lernen, sondern wurde spontan und unverkrampft als tägliche Freizeitbeschäftigung wahrgenommen. Nicht die Perfektion, sondern die Freude an der «Performance» und das Wecken von Emotionen beim Publikum standen im Vordergrund – dies wohlgemerkt ohne Noten, allein auf das Gehör sich verlassend. Meine Damen und Herren: So wurden und werden Jazztalente erzogen und gefördert, könnte man meinen. Keine Spur dagegen von klassischer Ernsthaftigkeit.

Das Studium von Klavier, Orgel und Gitarre an der Schule war für dich eine Beiläufigkeit, und für klassische Musik konntest du dich, lieber Dieter, in deinen Jugendjahren noch nicht recht erwärmen. Seien wir ehrlich: Zu «langweilig» erschien dir damals wohl das Absitzen zweistündiger Klassik-Rituale, was wahrscheinlich mehr an der Form als am Inhalt lag, vielleicht aber auch an deiner Ungeduld.

Kein Wunder also, dass dein Herz zu Beginn deiner vielseitigen Karriere für die Welt des Jazz und der Improvisation schlug. In den achtziger und frühen neunziger Jahren kam es zu spannenden Begegnungen mit herausragenden Künstlern wie Eddie Harris, und kein Geringerer als der wilde Rockstar Udo Lindenberg «jammte» mit dir im altehrwürdigen Hotel Elephant in Weimar, notabene als du als Franz-Liszt-Stipendiat in «der Wiege der deutschen Klassik» weiltest. Da wäre ich gerne dabei gewesen! Der Weg für einen grossen Schweizer Rockstar schien vorgezeichnet, eine grosse Komponistenlaufbahn war dagegen weit und breit nicht in Sicht.

Noch schlimmer kam es, als in den frühen neunziger Jahren sechs junge Musiker (darunter auch du!) unter dem Bandnamen DONKEY KONG’S MULTI SCREAM mit einer Musik von sich reden machten, die von Kritikern als eine «Synthese von punkiger Free Funk-Attitude mit experimenteller Improvisationsfreude» beschrieben wurde, als «kompromisslos», «Ganzkörpermusik», «Musik zum Ohrenschlackern» oder kurz als «härteste Versuchung, seit es europäischen Funk gibt.» Die Hoffnung der Schweiz auf einen neuen Ausnahmekomponisten war nun beinahe vollends zerstört. Die Klassikfahnen hingen auf Halbmast, und einmal mehr hätte man behaupten können: «Die Klassik steckt in der Krise» oder «Die Ausnahmetalente laufen uns davon»! Natürlich ist es hipper, mit einer coolen Band durch die Lande zu ziehen, als sich als ernsthaften Komponisten zu verkaufen und um Auftragswerke zu betteln. Das versteht doch jeder!

Dann aber kam die klassische Kehrtwende: ein Studium in Theorie und Komposition an der Musikakademie Basel bei Roland Moser und Detlev Müller-Siemens, intensive Kurse bei Witold Lutosławski, Wolfgang Rihm und Dieter Schnebel förderten das bislang versteckte Kompositionsgenie Dieter Ammann zutage. Bei einer Vernissage in Zofingen – und nicht etwa im klassischen Konzertsaal – bahnte sich dann dein erster wichtiger Auftrag an. Auftraggeber war der Maler Willy Müller-Brittnau, und es entstand ein Stück für erweitertes Streichorchester in cis-moll. Das Werk wurde niedergeschrieben, aber in Ermangelung eines Orchesters im legendären Krokus-Studio des einstigen Rockmusikers Jürg Naegeli auf dem Synthesizer aufgenommen.

Mit deiner Komponistenkarriere ging es jetzt vorwärts. Aber mit dem Niederschreiben der Noten hast du dir immer viel Zeit genommen. Ja, du giltst in der Branche tatsächlich als ein ausserordentlich „langsamer Komponist“, der den Uraufführungen nicht hinterherrennt, sondern sie mehr oder weniger auf sich zukommen lässt – was für die ehrgeizigen Festivalintendanten und ihre Dramaturgen nicht immer einfach ist. Doch gerade in deiner Langsamkeit liegt dein grosses Geheimnis, denn die Fähigkeit über einer Phrase, einem Rhythmus zu brüten, daran tagelang herumzustudieren, macht deine Musik so einzigartig. Dazu gehört auch das lange Warten auf die geniale Eingebung, auf die geistige Eruption, die sich nur aus der Langsamkeit entwickeln kann. Du nimmst das Tempo aus dem Arbeitsprozess und steigerst dadurch die emotionale Intensität. Genau diese spontanen Eingebungen sind es, die dein Komponieren immer wieder aufs Neue mit deiner grossen Improvisationskunst verbinden.

Enorm motivierend war für dich das grosse Lob deiner berühmten Komponistenkollegen Wolfgang Rihm und Pierre Boulez: «Keine Sekunde Leerlauf, alles lebendig und im schönsten Sinne durchwachsen von Kraftlinien, die auch dann kräftig bleiben und ununterbrochen, wenn sie in widersprüchliche Richtungen zielen. Deine kompositorische Integrationsfähigkeit lässt den Faden nie reissen und zwingt die Ambivalenzen in einen Strom, ohne dass sie verloren gehen! Energien, auch die gegenstrebigen, werden in deiner Musik ausgehalten, sie verschwinden nicht in Redundanzen. Alles ist so frisch!», bescheinigte dir Wolfgang Rihm. Und Pierre Boulez, der sich in seinem Schaffen eigentlich einer wesentlich abstrakteren Ästhetik verpflichtet hat, beschrieb deine Musik als die ideale Synthese zwischen scheinbar improvisierter Spontaneität und äusserst präziser Kompositionstechnik: Er nannte das eine «künstlerische, reflektierte Spontaneität». Einmal mehr hat der grosse Meister aus Paris die Sache – oder besser: den Ammann – auf den Punkt gebracht!

Es folgten Einladungen zu wichtigen Festivals wie Young Artists in Concert in Davos, den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker, den les muséiques in Basel, den Wittener Tagen für neue Kammermusik oder dem Menuhin Festival in Gstaad – und natürlich auch nach Luzern, zu LUCERNE FESTIVAL, wo du u. a. im Sommer 2010 als «composer-in-residence» das Programm geprägt hast. Die Jubiläumssaison des Argovia Philharmonic Orchestra 2012/13 hast du als «Composer of the Season» mit drei deiner Orchesterwerke begleitet. Ein besonderer Höhepunkt in deiner Karriere war sicherlich die Verleihung des Förderpreises der Ernst von Siemens Musikstiftung 2009 in München. Unter den Interpreten deiner Werke befinden sich neben renommierten Orchestern wie dem BBC Symphony Orchestra, dem Mariinsky Orchestra oder dem WDR Sinfonieorchester auch das Klangforum Wien, das Ensemble intercontemporain aus Paris, das Mondrian Ensemble und viele mehr; dies unter der Leitung von so bedeutenden Dirigenten wie Pierre Boulez, Douglas Bostock, Sylvain Cambreling, Pablo Heras-Casado, Valery Gergiev, Matthias Pintscher, Jürg Henneberger, Susanna Mälkki, Jonathan Nott, Sakari Oramo oder Peter Rundel.
 
Zwei Beispiele aus deinem Schaffen möchte ich heute Abend besonders erwähnen, da sie in deinem Werk eine zentrale Rolle einnehmen: dein Orchester-Triptychon Core –Turn – Boost aus den Jahren 2000–2010 und dein Violinkonzert unbalanced instability, das im April 2013 im Rahmen der Wittener Tage für neue Kammermusik uraufgeführt wurde. In unvergesslicher Erinnerung geblieben ist mir die Schweizer Erstaufführung dieses Konzerts bei LUCERNE FESTIVAL im August 2013, das in der Geigerin Carolin Widmann eine kongeniale Interpretin fand. In Ablehnung jeglicher Tradition beginnt das Werk mit 80 Takten Pizzicato und fordert die Solistin zu einem äusserst anspruchsvollen Solo-Parcours heraus, den man auch als einen Kraftakt bezeichnen kann, der nicht nur akustisch, sondern vor allem auch visuell zu erleben ist. Als «Neuvermessung der konzertanten Musik» bezeichnete der Musikwissenschaftler Stefan Drees dein Violinkonzert in seinem Einführungsessay und führte aus, dass deine «Musik all jene Stimmen Lügen straft, die behaupten, Musik liesse sich auf die klangliche Realisierung der notierten Partituren reduzieren. Solches Denken verkennt ein essenzielles Prinzip des Komponierens: die Erfindung von Klängen aus den gestischen Impulsen beteiligter Musiker heraus und damit die gedankliche Verankerung vorgeschriebener Aktionen in konkreten körperlichen Bezügen, den damit unauflöslich verbundenen energetischen Momenten und ihrer visuellen Seite.» Und gerade dem Aspekt des «Performativen», also dem Zwischenraum zwischen dem Geschriebenen und der Live-Interpretation, gewährst du, lieber Dieter, einen faszinierenden Spielraum. Der Solist bzw. die Solistin wird hier über die Bewegung selbst zum Gestalter und Improvisator – ganz im Zeichen der «Performance Art», in deren Zentrum der Künstler als «Performer» und auch als «Medium» steht.

In deinem Orchester-Triptychon Core –Turn – Boost, welches von 2000 bis 2010, in einem Zeitraum von zehn Jahren also, entstanden ist, verbindest du einmal mehr die Welten der Improvisation und der zeitgenössischen Komposition. Die Zusammenhänge in diesem Triptychon ergeben sich dadurch, dass der erste Teil Core Material aus dem Schlussteil Boost verwendet und sie mit Elementen, die aus Improvisationen des Koch-Schütz-Studer-Trios stammen, kompositorisch in eine fruchtbare Beziehung bringt. Deine von Wolfgang Rihm bereits konstatierte grosse Integrationsfähigkeit kommt auch hier voll zum Tragen, gelingt es dir doch, dieses so unterschiedliche Material derart eigenständig umzuformen, dass statt eines zu befürchtenden «Crossover»-Resultats ein Werk entsteht, das geprägt ist von deiner individuellen künstlerischen Handschrift. Das Orchester darf dabei glänzen, die Klangfarben werden ausgereizt, wobei die Instrumente auch eine durchaus traditionelle Funktion übernehmen, weit entfernt von zeitgenössischer Abstraktion. Die Musik wird durch eine starke innere Dramaturgie geführt und ist hochemotional: «himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt», wie du selbst gesagt hast. Zum Ruhepol in diesem Triptychon wird der zweite Teil, Turn, der beinahe dem langsamen Satz einer klassischen Sinfonie entspricht.

Geboren bist du, lieber Dieter, zwar in Aarau, doch dein ständiger Wohnort Zofingen ist auch heute noch dein «Nabel der Welt». Das ist ja gerade die «good news»: Du bist im Herzen eine durch und durch treue Seele. Dies wurde mir sogar von deiner Gattin Yolanda Senn bestätigt, die dir eine fabelhafte Partnerin und eine grosse Stütze ist. Besser gesagt: Ohne Yolanda wärst du manchmal ziemlich verloren, oder?

Gemeinsam mit Yolanda hast du eine wunderbare Familie mit drei Kindern gegründet, der du einem Musiker- und Nomadenleben gegenüber den klaren Vorzug gegeben hast. Das ist eigentlich erstaunlich, wenn man deinen bereits erwähnten Werdegang betrachtet. Bei näherem Nachfragen, wie es bei Ammanns zuhause denn so aussieht, stellt sich heraus, dass du offensichtlich ein richtiger «Stubenhocker» bist, dein Arbeitszimmer allen Hotelzimmern und deine Küche (bzw. natürlich diejenige deiner Frau) allen Restaurants der Welt vorziehst. Manchmal erscheint die Kontinuität deiner häuslichen Präsenz sogar fast schon belastend für dein familiäres Umfeld, vor allem wohl in den selbst verordneten Kompositionspausen, die du jeweils auskostest, bevor du mit dem nächsten Auftrag beginnst.

Es überrascht nicht, dass die Stadt Zofingen dir und Yolanda die Ehrenbürgerschaft verliehen hat, denn eine Ausnahmeerscheinung wie dich gibt es alle 500 Jahre einmal und die muss man an sich zu binden wissen! Ganz im Sinne deiner Verbundenheit mit Zofingen hast du vor rund zwölf Jahren mitgeholfen, den Verein Kulturraum Hirzenberg aufzubauen. Im Zentrum der Veranstaltungen steht jeweils das dreitägige Hirzenberg Festival, das von dir künstlerisch geführt wird – und das Publikum regelmässig verführt. Hier fliessen alle deine Talente zusammen, um sich dann gleich wieder zu verselbständigen. Dies unter aufmerksamer Begleitung von Yolanda, die sehr wohl weiss, wie man dich notfalls stoppen kann.

Aber nicht nur die Familie, sondern auch deine unglaubliche Liebe zum Unterrichten nimmt in deinem Leben eine besondere Rolle ein und ist eng mit deinem Komponieren verbunden. Mit der aufstrebenden, jungen Komponistengeneration über die Musik nachzudenken und auch neue Wege zu entdecken, den Beruf des Komponisten immer wieder neu zu erforschen: das bedeutet dir enorm viel, und dafür sind dir viele junge, hochbegabte Komponistinnen und Komponisten enorm dankbar – und natürlich auch die Hochschule Luzern – Musik. Dass sich deine Studenten aus Klassik wie Jazz, ja sogar aus der Volksmusik rekrutieren, zeigt wiederum die enorme stilistische und ästhetische Bandbreite, die du als Dozent abzudecken vermagst.

Auch Dieter Ammann hat Wunschträume, und einer unserer grössten gemeinsamen Wunschträume ist eine neue Oper: Du möchtest gerne deine erste Oper komponieren, wir in Luzern möchten gerne ein neues Haus für die Oper bauen. Wer weiss, vielleicht werden sich unsere Wege dereinst kreuzen – was wäre schöner! Die Verwirklichung deines zweiten Wunschtraums, Roger Federer zu begegnen, lässt leider noch auf sich warten. Wie du weisst, musste er sich für heute Abend leider entschuldigen, aber ein Doppel innerhalb des nächsten Jahres, nach dem Masters in Paris und kurz vor Wimbledon, sollte machbar sein.

Lieber Dieter, ich möchte dir von ganzem Herzen zu deiner grossen Ehrung gratulieren: Du hast sie mehr als verdient! Du bist ein bedeutender Visionär, ein einzigartiger, sich niemals anbiedernder Komponist und, nebenbei gesagt, auch ein toller Freund. Mit deinen 52 Jahren gehörst du noch zu den Jungen unter den Komponisten, und wir erwarten viel von dir! Nein, bitte keine Neunte Sinfonie, sondern mehr Boost und Turns mit so viel instability wie möglich, dafür aber von höchster Emotionalität und Intensität. Denn wie du selbst so schön gesagt hast: «Musik ist nicht klassisch, sondern emotional!»

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