Kommentar
Zum Rücktritt des Zürcher Operndirektors Michael Fichtenholz: Wegloben ist das falsche Signal

Der Fall des abtretenden Zürcher Operndirektors Michael Fichtenholz beweist, dass Kulturinstitutionen ihre Verantwortung bei Machtmissbrauch inzwischen besser wahrnehmen. Unverändert bleibt die Praxis, den Ruf der Täter gegen aussen zu schützen. Und das ist ein Problem.

Julia Stephan
Julia Stephan
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Die interne Mitteilung an die Mitarbeitenden des Opernhauses war unspektakulär, beinahe beiläufig: Operndirektor Michael Fichtenholz werde das Haus nach der laufenden Spielzeit auf eigenen Wunsch verlassen. «Wir bedauern sehr, dass Michael sich vom Opernhaus verabschiedet», heisst es in der Mitteilung. Und es wird ihm gedankt. Gedankt für seine «grossartige Arbeit am Opernhaus» und seine «kreativen Ideen in der schwierigen Zeit der Pandemie».

Ein zuvor gegen Fichtenholz eingeleitetes internes Verfahren blieb unerwähnt. Man hoffe auf Verständnis, dass «zum Schutz der Personen» keine weiteren Auskünfte erteilt werden können, so Opernhausintendant Andreas Homoki auf Anfrage unserer Zeitung, welche die Existenz einer Untersuchung gegen Fichtenholz letzte Woche publik gemacht hat.

In Kritik geraten: der amtierende Operndirektor des Opernhauses, Michael Fichtenholz.

In Kritik geraten: der amtierende Operndirektor des Opernhauses, Michael Fichtenholz.

Bild: Opernhaus Zürich

Auch wenn der Beweis eines direkten Zusammenhangs zwischen den gegen Fichtenholz erhobenen Vorwürfen des Machtmissbrauchs und dessen Rücktrittserklärung fehlt. Auch wenn über den Ausgang der Untersuchung durch eine externe Meldestelle Stillschweigen vereinbart wurde: Der Verdacht liegt nah, dass sich hier eine in der Kulturbranche geläufige Praxis einmal mehr wiederholt: Je höher Stellung, Ansehen und Starpotenzial, desto eher werden potenzielle Täter weggelobt statt weggewiesen.

Liegt es daran, dass Whistleblowing auf Opern- und Theaterbühnen in dramatischen Stoffen gern als schändlicher Verrat in Szene gesetzt wird, dass viele Mitarbeitende sich bei solchen Vorfällen lieber in Schweigen hüllen? Die Folgen der Verschwiegenheit sind für die Branche jedenfalls fatal. Täter müssen ihr Verhalten nicht entscheidend ändern, wenn sie die Karriereleiter weiter hochsteigen. Sie wechseln den Job samt ihren Gewohnheiten und treffen bei jedem neuen Engagement auf neue Opfer und alte Strukturen, die Machtmissbrauch begünstigen. Wer ihnen auf die Spur kommen möchte, wirbelt in den Kulturinstitutionen, die sie geleitet haben, jahrzehntealte Staubwolken an Gerüchten auf, die selten je die dicken Gemäuer der Institutionen verlassen haben.

Geniekult allein reicht nicht aus

Der soziale und psychische Schaden, der dadurch in Kauf genommen wird, ist gewaltig. Kulturschaffende leiden still, manchmal jahrzehntelang an den Folgen von Machtmissbrauch. Im schlimmsten Fall quittieren sie ihren Job. Zu Recht fordert der deutsche Theatermanager Thomas Schmidt, sachverständige Kandidatinnen und Kandidaten für verantwortungsvolle Kaderstellen im Kulturbereich gewissenhaft auch auf ihre sozialen Kompetenzen zu überprüfen. Schliesslich übersteigt die Machtfülle gewisser Intendantenstellen manches Managerjobprofil in der Privatwirtschaft. Ebenso sinnvoll wäre es Intendantenlöhne transparent zu machen, wie man das bei Managerlöhnen an börsenkotierten Unternehmen bereits kennt. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie ihre Steuergelder ausgegeben werden. Ein gut bezahlter Intendant wird von der Öffentlichkeit automatisch genauer beobachtet als einer, der mit hohem Gehalt unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung fliegt.

Co- und Teamleitungen verhindern Machtballungen

Dabei geht es nicht so sehr darum, dass charakterlich anspruchsvolle Künstlerfiguren per se aus dem System auszuschliessen sind. Aufgeräumt werden muss mit der überholten Vorstellung, dass ein aussergewöhnliches künstlerisches Talent befähigt, Verantwortung über Hunderte von Menschen zu übernehmen. Abhilfe schaffen könnten die in der Schweiz an vielen Orten gerade schulemachenden Co- und Teamleitungen. Ein klug zusammengesetztes Team kann die Führungsschwäche eines Einzelnen besser ausgleichen. Und geteilte Macht verführt nicht dazu, Machtfülle zu missbrauchen.

Mindestens genauso wichtig wäre aber eine strukturelle Stärkung der potenziellen Opfer. Wie der Zürcher Fall Fichtenholz beweist, können externe Fachstellen tatsächlich wertvolle Ansprechpartner sein, die Vorwürfe objektiv beurteilen und klären. Genauso wichtig wären bessere Anstellungsbedingungen der einfachen Mitarbeitenden, welche haarsträubende Co-Abhängigkeiten ins Reich eines Operndramas verweisen.