Nachwuchs
Kommen Grossfamilien wieder in Mode?

Ja, es darf noch eins mehr sein. Unter Prominenten grassiert der Babyboom. Experten prognostizieren kinderreichen Zeiten.

Claudia Landolt
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Der russische Präsident Medwedjew forderte in seiner Rede unlängst die Rückkehr zur Grossfamilie. Die Zahl der Vielkinderfamilie, forderte Medwedjew, solle «radikal» steigen. Immerhin seien doch viele russische Geistesgrössen wie Anton Tschechow und Anna Achmatowa dritte Geschwisterkinder gewesen, argumentierte der Präsident. Damit es mehr Tschechows gibt, muss der Staat in die Pflicht treten: Steuererleichterungen für die Familien (wie es Frankreich schon vormacht) und kleine Geschenke wie ein Grundstück für die dritte Geburt regte der Präsident an und lobte den eigens gestifteten «Orden des elterlichen Ruhms».

Familie Beckham Erwarten im Sommer das vierte Kind - das langersehnte Mädchen?
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Prinzessin Mary und Frederik Wurden im Januar Eltern von Zwillingen, zwei Klienkinder haben sie schon.
Grossfamilie Pitt und Jolie Sozusagen die Übereltern: Angelina und Brad, Eltern von sechs Sprösslingen.
Die Kennedys Die amerikanische Dynastie schlechthin.: Die Kennedys.
Der Bush-Clan Auch nicht zu verachten. Die Sippe der Familie Bush.
XXl-Family Michelle und Jim Douggar mit ihren 17 Kindern.
Mona Vetsch Auch die Radiomoderatorin Mona Vetsch wird im Sommer nochmals Mutter.
Fiona Hefti Die Ex-Miss erwartet im Mai ein Geschaistervhen für ihren Sohn Juri.
Verena Pooth Endlich das lang ersehnte zweite Kind: Verona in Mutterfreuden.
Natalie Portman Sie war die schönste an den Golden Globes. Die schwangere Natalie in voller Blüte.
Mariah Carey Auch sie bekommt bald Zwillinge: Mariah Carey mit Ehemann Nick.
Céline Dion Sie hat sie schon: Zwillinge gabs für Céline Dion im Dezember. Jetzt ist sie Mutter von drei Söhnen.
Nciole Kidman Erst jetzt gab sie bekannt, dass sie noch eine Tochter bekommen hat - per Leihmutterschaft.
Elton John zeigt seinen Sohn Zachary Sir Elton war nicht nur bei der Geburt dabei ( «Zachary schoss raus wie eine Rakete»), nein auch das erziehungsprinzip ist klar: «Wir werden ihn mit Liebe verwöhnen, nicht aber mit materiellen Dingen!» Trotzdem haben sie ihm schon mal ein eigenes Apartment gekauft. (Screenshot: ok!Magazine)
Marcel Ospel Papa von vier Kindern: Ex-UBS-Banker Marcel Ospel.
Ruedi Noser Auch er ist Vater von vier Kindern: Unternehmer und FDP-Nationalrat Ruedi Noser.

Familie Beckham Erwarten im Sommer das vierte Kind - das langersehnte Mädchen?

Was in Russland salonfähig werden soll, ist zumindest Prominentenkreise beliebt. Kein Tag, an dem uns nicht die Meldung einer Schwangerschaft oder Geburt erreicht - der Babybauch als Quotengarant. Ob Elton John oder Gianna Nannini (angeblich plant die italienische Rocksängerin bereits ein zweites Kind) , Nicole Kidman (ein eigenes, vier adoptierte Kinder) oder Mona Vetsch (wird zum zweiten Mal Mami), ein Promi-Baby ist immer eine Schlagzeile wert. Auch punkten sie mit der Menge: Heidi Klum als Übermama von vier Kindern, die sie alle selbst ausgetragen hat. Oder das dänische Prinzenpaar Mary und Frederik, die im Januar Eltern von Zwillingen geworden sind und nun vier Kids im anstrengendsten Alter ihr eigen nennen.

Auch bei den Beckhams herrscht Eitel Freude: Victoria, die notorisch als magersüchtig verschriene Modepuppe, erwartet im Sommer 2011 ihr viertes Kind, ein Mädchen möchte sie (klar, irgendwer muss die Kleider ja auftragen). Streng genommen ein Wunder angesichts ihrer öffentlichen Besorgnis um Figur und Gesichtszüge («Ich lächele nie. Das ist mein Markenzeichen.») Getoppt werden sie nur durch Hollywoods-Powerpaar Angelina Jolie und Brad Pitt, die fortwährend Filme drehen und mit ihrem sechsköpfigen Kindertross unverdrossen durch die Welt tingelt.

Kinder bringen Pluspunkte

Bei Politikern ist Kindersegen gang und gäbe, nicht nur, weil sie besonders aufopferungswillig sind, sondern auch, weil Kinder förderlich fürs Image sind. Wer sich fortpflanzt und die Magazine mit rosa- und blaufarbenen Familienfotos zukleistert, kreiert in der Öffentlichkeit das Image eines warmen, sozialkompetenten, kurz: eines bodenständigen Menschen. Man stelle sich nur die Beckhams ohne Kinder vor. Was sähe man? Einen Mann, der nicht nur die Slips seiner Frau trägt, sondern sich auch noch dem Karrierewunsch seiner Frau unterordnet und seine Fussballkarriere für einen Haufen Geld in einer minderwertigen Liga begräbt. Und eine Frau, die sich weigert, sich den genussvollen Freuden des Lebens hinzugeben, die nie lächelt und nahezu Tag und Nacht atemberaubende High Heels und sündhaft teure Handtaschen aus exotischen Häuten trägt. Das Bild wäre gewiss kein sympathisches. Ein Gruppenbild mit Kindern hingegen - seht nur, sooo abgehoben sind sie gar nicht!

Waren es früher vielfach ärmere Schichten ,die sich einen Haufen Kinder zur Altersvorsorge anschafften, sind es heute entweder Leute, die aus rein optimistischen Gründen den exotischen Gegentrend zur allgemeinen Kinderlosigkeit entdeckt haben, wo schon das zweite Kind als Armutsrisiko gilt. Oder es sind Menschen, deren Etat erhöhte Furchtbarkeit erlaubt. Wer es sich also leisten kann, leistet sich ein zweites, drittes oder viertes Kind, mehr jedenfalls, als es der Schweizerische Durchschnitt (1,5 Kinder waren es 2009) tut. FDP-Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser hat vier Kinder, der ehemalige Lufthansa-Chef Justus Franz hat fünf Kinder, der Zürcher Star-Chirurg Cédric George ebenfalls.

Alle guten Dinge sind drei - oder mehr

Die Wissenschaft freut sich ob der reproduktionsfreudigen Mode. Die US-Journalistin Amy Astley frohlockte unlängst: «Three ist the new Two», zu deutsch: 3 sind besser als 2. «Wer ein drittes Kind bekommt, schreie damit in die Welt hinaus: Meine Wohnung ist gigantisch, mein Auto geräumig, mein Kapital unerschöpflich!» Miss Astley glaubt gar, ortet dem Wunsch nach dem Drittkind gar eine versteckte Sehnsucht nach «der Begründung einer eigenen Dynastie» à la Kennedy unter.

«Wir erleben eine Rollen- und Familienevolution», spitzt die amerikanische Ehehistoriker Stephanie Coontz vom Council on Contemporary Families in New York diese Tendenz zu. Sie widerlegt die These, wonach dritte und vierte Kinder vorzugsweise an der Zürcher Goldküste oder im steuergünstigen Wollerau SZ (wo Marcel Ospel wohnt, auch er Papa von vier eigenen Kindern) geboren werden, als nuckelnde Statussymbol sozusagen oder narzisstischen Dynastiegedanken. Auffällig viele der Mütter mit drei Kindern sind heute vielmehr gutausgebildete Frauen, die mindestens halbtags ihren Berufen nachkommen. Amerikanische Studien belegen zudem, dass Frauen in verantwortlichen Positionen heute im Durchschnitt deutlich mehr Kinder haben als noch vor dreissig Jahren. Vielleicht gelingt ihnen ja allen Unkenrufen zum Trotz doch genau das ganz gut, was schon die entscheidende Schwelle zwischen dem ersten und zweiten Kind ist: Genug Geld zu verdienen, um sich eine Krippe leisten zu können, ihren Partner zur Mithilfe zu bewegen und Beruf und Familie in die vielbeschworene (halbwegs taugliche) Balance zu bringen.

Gut möglich, dass ihnen dann am Ende des dritten oder vierten Kindes auch noch das entgegenschlägt, was viele als wirklichen Wahnwitz empfinden: Den unverhohlenen Neid ihrer Umwelt.

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