Auszeichnung

«Kleiner Nobelpreis» für Schweizer Illustratorin: Jetzt erlangt Albertine Zullo mit ihren Kinderbüchern Weltruhm

© Bettina Kugler

Die Genfer Künstlerin Albertine macht Kinder jeden Alters glücklich. Nun erhält sie für ihr Werk die wichtigste Kinderbuch-Auszeichnung.

Nein, ein Herdentier ist die Kuh Marta ganz und gar nicht. Schon optisch fällt sie auf unter ihren Artgenossinnen, den schwarzbunten Kolleginnen von Monsieur Pincho. Martas Fell ist orange – ein Hingucker auf der saftig grünen Weide. Wiederzukäuen tagaus, tagein, dabei den vorbeifahrenden Zügen nur hinterherzuträumen, das langweilt sie.

Nichts wie weg! Aus Martas Welterkundungen zu Lande, unter Wasser und in den Lüften hat Albertine Zullo, als Künstlerin kurz Albertine, eine humorvolle Bilderbuchreihe gemacht: ansteckend neugierig und wagemutig. Marta fackelt nicht lange, sie lässt nicht locker. Hat sie Lust auf Velofahren, dann baut sie sich eines und trainiert. Fliegt ein Heissluftballon vorbei, schwebt sie schon bald über Berge hinweg. Ein Buch ruft sogleich nach dem nächsten.

Marta, die fantasiebegabte Kuh, baut sich ein Velo. Man kann doch nicht den lieben langen Tag nur wiederkäuend auf der Weide stehen.

Marta, die fantasiebegabte Kuh, baut sich ein Velo. Man kann doch nicht den lieben langen Tag nur wiederkäuend auf der Weide stehen.

Im Regal tanzen Albertines Bücher, erschienen im Verlag La Joie de Lire, aus der Reihe wie die Kuh Marta auf der Weide. Hoch hinaus strebt das (auffällig schmale) «Les Gratte-Ciel»: eine in feinem schwarzen Filzstiftstrich aufgetürmte Variation des biblischen Turmbaus zu Babel. Flach wie ein Pfeil fährt «Ligne 135» mit einem Mädchen durch die Vorstadt und durch Wälder hinaus aufs Land, zur Grossmutter.

Vögel im Laderaum – und Geister, die in Raviolidosen wohnen

Ein kleines Schmuckstück dazwischen ist «Mon tout petit», bibliophiles Daumenkino und Geschenkbuch für Mütter oder den Kinderschuhen entwachsene Söhne: im Schuber, fast ohne Worte – der Tanz der Bilder von Seite zu Seite spricht für sich selbst.

Daneben gibt es Klassiker wie Hans Christian Andersens Märchen «Des Kaisers neue Kleider» als sehr skurril gezeichneten Hof- und Werkstattbericht in Gold und Blau, Comics mit Hintersinn wie «Le génie de la boîte de raviolis» oder poetische, für viele Deutungen offene Geschichten. «Les Oiseaux» ist wohl die schönste unter ihnen, erschienen auch in deutscher Übersetzung. Hier ist der Text vorangestellt; die Geschichte folgt stumm, in intensiven Farben: zum Abheben, beflügelnd.

Vielfalt und inhaltliche Vielschichtigkeit hat die Jury des Hans-Christian-Andersen-Preises 2020 überzeugt: Nachdem Albertine schon 2018 für die weltweit bedeutendste Kinderbuch-Auszeichnung nominiert war, kam sie nun erneut auf die Shortlist und setzte sich dieses Mal, im zweiten Anlauf, gegen Künstlerinnen und Künstler aus Japan, Kanada, Polen, Spanien und den Niederlanden durch.

Neben Albertine als Illustratorin wird 2020 auch die US-Amerikanerin Jacqueline Woodson geehrt. Der «Kleine Nobelpreis», wie er oft genannt wird, ist undotiert; die Preisträger erhalten lediglich eine Goldmedaille und eine Urkunde. Aus der Schweiz wurden bislang Jürg Schubiger (2008), Jörg Müller (1994) und Alois Carigiet (1966), der Schöpfer des «Schellenursli», mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet.

Albertine wurde schon mehrfach ausgezeichnet. So erhielt sie den Prix Enfantaisie für Dada bereits zwei Mal.

Albertine wurde schon mehrfach ausgezeichnet. So erhielt sie den Prix Enfantaisie für Dada bereits zwei Mal.

Am Gesamtwerk der 1967 geborenen Westschweizerin Albertine gefiel den internationalen Juroren die Verbindung aus Spontaneität, Humor und Liebe zum Detail: «Les Gratte-Ciel» ist ein schönes Beispiel dafür. Da bauen zwei Steinreiche immer höher und höher: der eine links, der andere auf der rechten Seite.

Hier noch ein Türmchen dazu, dort einen hängenden Garten, einen Pool, einen Kinosaal obendrauf; das Dienstpersonal, die Bauarbeiter und der Pizzaservice haben viel zu tun und weite Wege zur jeweiligen Beletage. Das kann auf lange Sicht nicht gut gehen – es sei denn für die lachenden Dritten. Im absichtsvoll Winzigen, mit kleinen Hinweisen am Rand entlarvt Albertine zusammen mit ihrem Liebsten, Co-Autor und Ehemann Germano Zullo, augenzwinkernd den Grössenwahn, die «Hochhausstapler», wie das Buch in deutscher Übersetzung hiess.

Zeichenstift erzählt detailfreudig, humorvoll, körperbetont

Nichts Niedliches haben ihre Geschichten und die Figuren, meist mit kleinem Kopf und fülligem Leib. Das prädestiniert sie für Betrachterinnen und Betrachter jeden Alters. Auch gönnt sich Albertine zuweilen ein zweifelhaftes, bittersüsses Ende. In «Le président du monde» beispielsweise wird der glatzköpfige Weltenlenker nach einem langen, anstrengenden Tag voller Schreckensmeldungen, Expertenrunden und beschwichtigenden Reden zwar liebevoll von seiner Mama mit Leibspeisen verwöhnt.

Wer sich den ganzen Tag bedienen lässt, kommt am Ende nicht gut weg. Szene aus «Le président du monde.»

Wer sich den ganzen Tag bedienen lässt, kommt am Ende nicht gut weg. Szene aus «Le président du monde.»

Zum Dessert aber dann von der Bestie, die man auf jeder zweiten Seite näherkommen sieht, gnadenlos verspeist. Schade um die Mousse au chocolat! Die vielen Hörer der hartnäckig weiterläutenden schwarzen Telefone wird keiner mehr abnehmen.

Man sieht ihren Bildern und Geschichten an, dass Albertine auch für Zeitschriften wie «L’Hébdo» und «Fémina» gearbeitet, dass sie Animationsfilme gemacht und Ausstellungen bestritten hat. «Pädagogik interessiert mich nicht», sagt sie im kurzen Filmporträt, das sie im Januar als eine der Anwärterinnen für den Andersen-Preis präsentierte.

Ein ganzes Buch mit nur einer Farbe illustrieren? Auch das kann Albertine Zullo. Hier eine Szene aus  «Le roi nu.»

Ein ganzes Buch mit nur einer Farbe illustrieren? Auch das kann Albertine Zullo. Hier eine Szene aus «Le roi nu.»

Stattdessen rechnet sie mit der Neugier, dem unvoreingenommenen Blick, der kindlichen Spielfreude. Aus ihr entstehen auch die detailverliebten, farbenfrohen Bildwelten Albertines. Furchteinflössende Monster gehören dazu so selbstverständlich wie velofahrende Kühe und Geister aus Raviolidosen. Was sie verbindet, ist die Lust am Erzählen mit Stift und Pinsel.

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