Coronakrise
Keine Konzerte, dafür Streaming: Wie Corona die Welt der Pop-Musik verändert

Konzerte und Festivals wurden gestrichen, Musiker haben ihre Einnahmequellen verloren. Nur die Streamingdienste jubeln, denn der Hunger nach Musik ist ungebrochen. Corona hat die Popbranche nachhaltig verändert.

Stefan Künzli
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Corona-Pop: Lady Gaga (vorne) und Ariana Grande an den diesjährigen MTV Music Awards.

Corona-Pop: Lady Gaga (vorne) und Ariana Grande an den diesjährigen MTV Music Awards.

Getty Images (Los Angeles, 30. August 2020

Der Soundtrack des Lockdown

«Ich will, dass die Menschen tanzen und glücklich sind», sagte Lady Gaga zur Veröffentlichung ihres Albums «Chromatica». Musik und Tanz seien die beste Stimulanz und das wirksamste Antidepressivum. Lady Gaga war der erste Superstar, der im Coronajahr ein Album veröffentlichte, und wollte im Juni den Takt und den Sound vorgeben. Sie präsentierte sich als Prophetin des Glücks und ihre Musik als Stimmungsheber der Stunde. Das Kalkül ging nicht auf, so schlecht wie «Chromatica» hat sich noch kein Album von Lady Gaga verkauft.

Tanzen ist ein Gemeinschaftserlebnis. Wer will schon allein zuhause tanzen? Die Tanz-Party wurde also abgesagt. Es regieren nicht pumpende, aggressive Beats für den Dancefloor. Vielmehr sind es intime, reduzierte, melancholische Sounds für stille Stunden. Aber auch wieder anspruchsvollere Klänge für den ambitionierten Hörer und die qualitätsbewusste Hörerin. Das zeigen auch Auswertungen bei Streamingdiensten. Angesagt ist weniger tanzbare Musik, dafür Musik zur Entspannung. Chill-out-Playlisten sowie akustische und instrumentale Musik sind zurzeit besonders beliebt.

Die Magie des Hörerlebnisses

Musik und Musikhören ist zum Glück nicht aus der Mode gekommen. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten von Kurzarbeit, Homeoffice und der Reduktion der sozialen Kontakte stillt Musik den Hunger und das Bedürfnis nach Unterhaltung, Zerstreuung und emotionaler Erfüllung. Man hat mehr Zeit, in stillen Stunden konsumiert man die Musik wieder bewusster. Corona hat die Hörgewohnheiten verändert. Die Magie des Hörerlebnisses ist wiederentdeckt worden. Das ist die positive Erkenntnis.

Doch profitiert haben leider nicht die Musiker, sondern die Musikstreaming-Dienste, und allen voran Spotify. Das ist die negative Erkenntnis. Spotify erwartet, dass Umsatz wie Abonnements in diesem Jahr um bis zu 30 Prozent zunehmen. Dementsprechend hat sich der Börsenwert von Spotify mehr als verdoppelt. Spotify, Amazon & Co. sind die grossen Coronagewinner.

Live-Branche: Das Ende der Gigantomanie?

Es war ein Schock, als im letzten März das Festival in Glastonbury als erstes europäisches Festival abgesagt wurde. Und jetzt? Paul McCartney, der als Headliner vorgesehen ist, glaubt schon heute nicht mehr daran. Er habe sich die Daten deshalb nicht einmal in seinem Kalender eingetragen. Blue Balls in Luzern hat schon reagiert und sein Festival im Juni verkleinert. Andere Schweizer Festivalveranstalter geben sich noch optimistischer.

«Im Moment läuft die Künstlerbuchung normal weiter», sagt Mathieu Jaton, der Leiter des Montreux Jazz Festival, auf Anfrage. Doch die Reisemöglichkeiten der Künstler sind sehr fraglich, und die Zeit wird schon jetzt knapp. «Niemand kann vorhersagen, wie die Situation im Juli 2021 aussehen wird. Zurzeit können wir nicht davon ausgehen, dass eine Ausgabe 2021 garantiert ist. Dennoch werden wir unser Möglichstes tun, um eine Veranstaltung einzurichten», sagt Jaton weiter.

Im März, spätestens Ende März müsse entschieden werden. Schon jetzt stellt er sich auf eine mögliche Einschränkung der Zuschauer ein. «Es ist daher möglich, dass wir an einer anderen, kleineren Version des Festivals arbeiten müssen», sagt er.

Musiker: Ein totes Jahr für Newcomer

Freischaffende Künstler und Musiker standen plötzlich ohne Einnahmen da, ebenso wie Veranstalter, Booker, Techniker oder Bühnenarbeiter – auf unbestimmte Zeit. Die Zuschüsse, Vergütungen und Nothilfen verzögern sich und bringen die Musiker in existenzielle Nöte. Manche Künstler und Kulturschaffende warten seit 5, 6 oder sogar 9 Monaten auf Entschädigungen.

Wenn die Unterstützungen nicht schnell und umfassend geleistet werden, müssen viele aufgeben. Die Erfolgreichsten, jene, die über genügend Reserven verfügen, werden die Krise mit blauen Flecken überstehen. Für aufstrebende Newcomer ist 2020 dagegen ein verlorenes Jahr. Ein totes Jahr. Dazu sind die Aussichten für das kommende Jahr für sie nicht besser. Wir wechseln von einem untersättigten in ein übersättigtes Jahr. Weil viele Musikerinnen und Musiker ihre Produktionen coronabedingt verschoben haben, wird es unweigerlich zu einem massiven Überschuss an Musik nach Ende der Krise kommen.

Ein Angebot, das die Nachfrage weit übersteigen wird. Der Verdrängungskampf wird ganz brutal werden. Umso mehr als ein Grossteil der abgesagten Konzerte einfach verschoben wurde. Die meisten Programmplätze bei Festivals und Open Airs sind also schon vergeben. Die Möglichkeiten für neue Musik, neue Musikerinnen und Musiker dürften deshalb sehr beschränkt sein, und für die wenigen freien Plätze sind bekannte Namen gegenüber Newcomern im Vorteil.

Sollte sich die Musik als Geschäftsmodell in der Schweiz als zu risikobehaftet herausstellen, suchen sich auch die grössten Talente Alternativen zur Existenz- und Lebenssicherung. Eine ganze Generation von Musikern und Musikerinnen ist in Gefahr und könnte verloren gehen.