Kapital
Pop-Hits sind das neue Öl – wenn Superstars ihre Musik an den Meistbietenden verkaufen

Superstars wie Bob Dylan, Neil Young und Blondie verscherbeln ihre Songrechte und kassieren dafür Millionen. Investoren wittern ein Milliardengeschäft.

Stefan Künzli
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Bob Dylan hat gut Lachen: Der amerikanische Barde ist um 300 bis 400 Millionen Dollar reicher.

Bob Dylan hat gut Lachen: Der amerikanische Barde ist um 300 bis 400 Millionen Dollar reicher.

Bild: Chris Pizzello/ap (Los Angeles, 12.01.2012)

«Was ist schon Geld? Erfolg hat, wer morgens aufsteht, abends zu Bett geht und dazwischen das tut, was er will», sagte Popprophet Bob Dylan 1967. Damals waren die Zeiten noch wild, die Musik rebellisch und kommerzieller Erfolg verpönt. Mehr als 50 Jahre später sieht die Welt ganz anders aus – auch für den einstigen Poppropheten. Von der Hochkultur mit dem Literatur-Nobelpreis geadelt, ist Dylan längst im Establishment angekommen. Und seit Dezember ist der grummelige Barde um satte 300 bis 400 Millionen Dollar reicher. So viel nämlich hat Marktführer Universal für Dylans Gesamtwerk hingeblättert. Das sind immerhin 600 Aufnahmen mit Klassikern wie «Blowin’ In The Wind» und «Knockin’ On Heaven’s Door».

Bis anhin hatte «His Bobness» die Songrechte selbst verwaltet und kontrolliert, aber offenbar hat er schon lange über den Verkauf seines Werks verhandelt. Zu den Motiven äusserte er sich nicht, aber vielleicht ist es dem Musiker, der am 24. Mai 80 Jahre alt wird, einfach zu anstrengend geworden. Auf diese Weise ist sein Nachlass wenigstens geregelt, er und seine Erben haben die Millionen.

Es ist leicht verdientes Geld. Aber gerade das wird ihm vorgeworfen. Fans und Musikliebhaber schreien Verrat und wittern den Ausverkauf, doch Dylan ist inzwischen nicht allein. Im noch jungen Jahr folgten die kolumbianische Sängerin Shakira und Mick Fleetwood, der Namensgeber von Fleetwood Mac. Ihr Klassiker «Dreams» hat nun das Videoportal Tiktok und damit Millionen neuer jugendlicher Fans weltweit erobert.

Neues Geschäftsmodell der ganz Grossen

Aber auch der kanadische Protestbarde Neil Young, dieser letzte aufrechte Ritter des Rock’n’Roll gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt, liess sich überraschenderweise von der Macht des Geldes überzeugen. 50 Prozent der Rechte für 1180 Songs verhökerte er an den britischen «Hipgnosis Songs Fund». Immerhin hat der Musiker die Spielregeln vertraglich festhalten lassen. Man arbeite zusammen, «um sicherzustellen, dass jeder die Songs zu Neils Bedingungen zu hören bekommt». Es gehe um «gemeinsame Integrität, Ethik und Leidenschaft, geboren aus dem Glauben an die Musik», versprach Hipgnosis-Chef Merck Mercuriadis auf Twitter. «Es wird nie einen ‹Burger Of Gold› geben» schrieb der Fondsmanager in Anspielung auf Neil Youngs Welthit «Heart Of Gold». Merck Mercuriadis ist im Popgeschäft kein Newcomer. Seit 40 Jahren ist er in der Branche tätig, unter anderem als Manager von Beyoncé, Elton John und den Pet Shop Boys.

Vielleicht ist es tatsächlich wegweisend, was da Bob Dylan und Neil Young angestossen haben. Vielleicht hat uns Dylan im hohen Alter noch einmal seine prophetischen Fähigkeiten gezeigt. Denn es sind neuerdings nicht nur Majorlabels an den Songs der Musikhistorie interessiert. Spezialisierte Fonds wie Hipgnosis buhlen um die Musikschätze und blättern für die Musikrechte bis zu vier Mal mehr als die Tonträgerfirmen hin. Den kaufwilligen Investoren versprechen die Investmentfonds, dass sich der Wert ihrer Anlage in einem Jahrzehnt verdreifachen würde.

Der neue Goldrausch

Branchenkenner sind überzeugt, dass sich ein solches Investment lohnt. «Ein Lied von Neil Young oder Blondie, das seit 40 Jahren Geld abwirft, ist mindestens so sicher wie zum Beispiel eine Anleihe aus der Chemieindustrie. Wohl sogar sicherer, weil es kaum Ressourcen kostet, einen Song zu verwalten», sagte Hartwig Masuch, Chef der Bertelsmann-Musikrechtedivision BMG Rights Management, gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Masuch vertritt die ganz Grossen im Geschäft um die Millionen, die Rolling Stones, Quincy Jones und Roger Waters.

Gerade jetzt, wo in Zeiten von Corona auch noch die Konzerteinnahmen einbrechen, ist der Verkauf von Musikrechten für Musiker noch das letzte wirklich lukrative Geschäft. Umso wertvoller ist der Geldsegen aus Streaming und sonstiger Nutzung der Songs. «Viele Musiker haben wohl gar keine Ahnung, wie reich sie eigentlich sind», sagt Masuch weiter.

Welchen immensen Wert Songs haben können, wusste aber schon der «King of Pop». Als Michael Jackson 1985 für damals happige 47,5 Millionen die Rechte von 251 Beatles-Songs von John Lennon und Paul McCartney kaufte, waren das Kopfschütteln und der Ärger gross. McCartney fühlte sich hintergangen. Vor vier Jahren verkauften die Jackson-Erben die Songrechte für ein Vielfaches dem Majorlabel Sony.

Seither ist der Wert des Tafel­silbers des Pop unaufhörlich am Steigen und ist in neue Dimensionen vorgestossen. Investmentfonds wie Hipgnosis haben eine Art Goldrausch ausgelöst. Über 57000 Songs soll Hipgnosis auf ihrer Einkaufstour in­zwischen erworben haben. Popklassiker sind gefragt. Zeitlose Hits wirken wie Stabilitätsanker in unruhigen Zeiten. So soll der Fonds gemäss einem BBC-­Bericht allein für Songs von Mark Ronson, Chic, Barry Manilow und Blondie gut 1,1 Milliarden Euro bezahlt haben. ­Solche Lieder seien «als Investition so wertvoll wie Gold oder Öl», sagt Fonds Manager Mercuriadis.

Live-Musiker können nicht profitieren

Nur US-Superstar Taylor Swift fühlt sich übergangen. Laut Medienberichten wurde ihr Songkatalog für über 300 Millionen Dollar veräussert. «Dies war das zweite Mal, dass meine Musik ohne mein Wissen verkauft wurde», lies die rebellische Popsängerin die Welt wissen. Aber was da abläuft, ist ohnehin nur ein Monopoly der Grossen. All die Musikerinnen und Musiker, die von den Konzerten leben, können vom Millionenregen nur träumen.