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Juhu, Jura! unsere 6 Lieblingswanderwege

Wer die Einsamkeit sucht, findet sie im Jura. Eine Hommage an jenes Gebirge, dessen Pfade kaum ausgetrampelt sind und das von Wanderern unterschätzt wird.

Der Jura zieht vorbei. Im Zug pusten verschlafene Gesichter in den Morgenkaffee, beissen ins Gipfeli. Ihr Ziel: die Alpen. In bunten Outdoorjacken schwärmen sie Wochenende für Wochenende aus den Städten oder den Agglo-Gemeinden. Hungrig nach Natur und Abgeschiedenheit. Nur: Seit massenhaft Flachländer die Alpen für sich entdeckt haben, ist es vielerorts vorbei mit der Ruhe. An Wochenenden trampeln sie sich im Postauto gegenseitig auf die Wanderfüsse, versammeln sich um grün glitzernde Bergseen und erstürmen nach den Gipfeln auch noch die letzten leeren Sitzplätze in den Zügen.

Dabei geht vergessen: Wer in der Nordwestschweiz lebt, findet menschenleere Landschaften und Stille gleich um die Ecke. Im Jura. In jenem Gebirgsbogen, der die Romandie und das Mittelland in der Form eines Halbmondes umarmt. Aus diesen Regionen liessen sich mit dem öffentlichen Verkehr innert weniger als einer Stunde verlassene Naturschönheiten aufstöbern.

Doch: Der Jura ist verkannt. Von Alpinisten belächelt, links liegen gelassen. So kommt es, dass die Freundin zur vorgeschlagenen Jura-Wanderung meint: «Gut, dann gehen wir halt spazieren.» Ja, es gibt hier keine 3000er oder 4000er. Niemand trabt in Seilschaften. Gletscher werden nicht überquert. Aber dafür kann man stundenlang umherstreifen, ohne auch nur einen einzigen Rucksackträger zu kreuzen. Also genau das, wonach sich der urbane Mensch so sehr sehnt. Höchste Zeit, um das jüngere Gebirge aus dem Schatten der altehrwürdigen Alpen zu holen.

Ein Meer aus Bäumen

Wind und Wasser haben Millionen Jahre lang an den Sedimenten eines urzeitlichen Meeres genagt, bis sich der Jura mit spektakulären Felsen und teils bizarr anmutenden Tälern herausgeschält hat. Zwischen den grünen Kämmen, waldigen Hügeln und schroffen Gipfeln gibt es viel zu entdecken: gewundene Flüsse, Grotten, Weinhänge, weitläufige Pferdeweiden, Moorlandschaften oder Hochplateaus. Wer in die Höhe kraxelt, guckt aus der Vogelperspektive übers Mittelland oder das Drei-Seen-Land. Auf dem Weg dorthin fällt der Blick mitunter in tiefe Felsenkessel oder verweilt in einem scheinbar endlosen Meer aus Bäumen.

Denn bei den meisten Jura-Wanderungen taucht man tief in Wälder ein. Das ist bereits im Namen angelegt: «Jura» hat einen keltischen Ursprung und bedeutet «Waldland». Im Herbst trägt dieses sein schönstes Gewand. Grün, gelb, rot leuchtet das Blätterdach. Moos überzieht meterhohe Steinblöcke mit dunkelgrünem Samt.

Gäbe es Fabelwesen wie Feen oder Kobolde – sie würden im Jura wohnen. Unter den tief eingegrabenen Wurzeln der Bäume. In den knorrigen Baumstrünken, die den Weg säumen. Oder in der schwarzen Dunkelheit der engen Gesteinspalten. Es ist der Kalkstein, der das Juragebirge prägt. Unverhofft ragen seine Felsen in die Höhe und türmen sich majestätisch zwischen Bäumen auf. Zwischen den Wäldern und Jurahöhen liegen immer wieder weitläufige Weideflächen. Und vor allem ennet des Röstigrabens zieren Rebberge die Hügel. Egal ob Berg- oder Weinbauern am Werk sind: Keine uniformen Ferienhaus-Siedlungen durchbrechen die Idylle. Lediglich vereinzelte Höfe, Scheunen oder Ställe scheinen wie hingewürfelt.

Der Jura-Höhenweg

Wer ins Gebirge vordringt, stösst auf tiefe Schluchten. Sie sind meistens einfach zugänglich. So plätschert oder tost – je nach Jahreszeit und Ort – das Wasser durch die Areuse-, Twannbach- oder Teufelsschlucht. Es stürzt sich in kleineren oder grösseren Wasserfällen die Felswände hinunter. Hält es in einem Becken inne, schimmern an dessen Grund einzelne Steine. Wer durch solche Juraschluchten streift, wähnt sich – ausser im Winter – in einer grünen Kapsel. Unter, neben oder über einem wuchert die Vegetation. Knallt die Sonne, findet sich hier Abkühlung.

Solch grünen Prunk lässt sich in einzelnen Tageswanderungen entdecken. Wer verweilen will, wählt den Jura-Höhenweg. Die Fernroute führt von Dielsdorf bei Zürich nach Nyon am Genfersee. In 15 Etappen lassen sich 320 Kilometer und etwa 13 600 Höhenmeter bewältigen. Und wer nun noch immer an den Alpen festhält: Sie begegnen einem auf jeder Jurahöhe – ihre weisse Kette glitzert am Horizont.

Wir stellen Ihnen unsere 6 Lieblingswanderwege vor: 

1 Rundsicht ab dem unbekannten Juragipfel

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Strecke: Robella – Chasseron – Sainte Croix (10 Kilometer)
Wanderzeit: 3 Stunden 30 Minuten
Höhendifferenz: Aufstieg 470 Meter, Abstieg 620 Meter

Nein, nicht Chasseral. Wer ausgetretene – und ausgefahrene – Pfade meiden will, wandert lieber zum Chasseron. Das ist nicht etwa der kleine Bruder des Chasseral, eher sein Zwilling: Er ist exakt gleich hoch, 1606 Meter. Einen grossen Teil des Aufstiegs können sich die Wanderer allerdings von der Seilbahn abnehmen lassen, die von Buttes im Val-de-Travers nach La Robella führt. Die Rundsicht reicht über den Neuenburger- und den Genfersee bis zu den schneebedeckten Gipfeln der Walliser und Berner Alpen. Apropos Gipfel: Wer hier gerne einen Schluck Alkohol trinkt, dem sei Absinth statt Wein empfohlen. Doch Vorsicht, der Abstieg ist steil. Eine Alternative ist die Übernachtung im Hotel, das wenige Schritte unterhalb des Gipfels steht. So bleibt am nächsten Tag Zeit für einen Besuch des Spieldosen- und Automatenmuseums CIMA im Industriedorf Sainte-Croix. (nsn)

2 Über die Weiden der Freiberger-Pferde

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Strecke: Tramelan – Étang de la Gruère – Saignelégier (15 Kilometer)
Wanderzeit: 4 Stunden
Höhendifferenz: Aufstieg 309 Meter,
Abstieg 214 Meter

In den Freibergen verschwimmen die Grenzen zwischen Landwirtschaft und Natur, zwischen Weiden und Wald. Obwohl auf 1000 Meter über Meer, ist das Gras saftig und der Weg meist flach. Die Wanderung beginnt im bernischen Tramelan, wo sich in der Boucherie lokale Spezialitäten fürs Picknick finden. Wer lieber Käse mag, kommt im Nachbarsdorf Les Reussilles auf seine Kosten. Der Weg führt über die umstrittene Grenze in den Kanton Jura. Der Boden wird dunkel und feucht. Ein Holzsteg sorgt dafür, dass die Füsse beim Umrunden des Moorsees Étang de la Gruère trocken bleiben. Bei Sonnenschein spiegelt sich das Herbstlaub im Wasser, bei Nebel könnten hier jeden Moment Moorgeister aufsteigen. Weiter geht es durch die offenen Landschaften; wer sich in der Orientierung einigermassen sicher fühlt, kann auch mal ein Stück querfeldein gehen und den Pilzkorb füllen. Die Pferde werden es einem nicht verübeln – Freiberger sind von ruhigem Charakter. (nsn)

3 An Ruinen vorbei zur Belchenflue

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Strecke: Waldenburg – Belchenflue – Hauenstein (14 Kilometer)
Wanderzeit: 4 Stunden
Höhendifferenz: Aufstieg 500 Meter,
Abstieg 640 Meter

Dass durch den Bauch des «Bölchen» Autos blochen, davon merkt man nichts, wenn man auf dem Gipfel sitzt. Am schönsten ist es dort an Herbsttagen, wenn der Nebel über dem Mittelland klebt. Dann gibt es auf der Belchenflue Sonne und freien Blick auf die Alpen. Wer die Wanderung im Baselbieter Dorf Waldenburg startet, hat eine abwechslungsreiche Route vor sich. Ein Zickzackweg führt zur Ruine Waldenburg, wo einst die Grafen von Frohburg hausten. Durch bunten Herbstwald mit riesigen Steinbrocken geht es steil bergauf zur Lauchflue. Dort, auf den Mauern des früheren militärischen Beobachtungspostens, blickt man auf eine sanfte Baselbieter Hügellandschaft. Weiter geht es auf einem Grat, vorbei an alten Militärbunkern und Schützengräben aus Zeiten des Ersten Weltkrieges. Tipp: Statt nach Hauenstein den Weg in die Teufelsschlucht (Hägendorf) nehmen. Das verlängert die Wanderung um etwa 45 Minuten. Doch die Schlucht ist es allemal wert. (ABA)

4 Ein grüner See und Spuren der Dinosaurier

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Strecke: Moutier – Combe Fabet – Mont Girord – Court – Moutier (16 Kilometer)
Wanderzeit: 4 Stunden 30 Minuten
Höhendifferenz: Aufstieg 507 Meter,
Abstieg 507 Meter

Zuerst wird es eng: Die Schlucht Combe Fabet ist schmal, doch die Felswände türmen sich bis zu 20 Meter in die Höhe. Moos und Farn wuchern. Anschliessend führt der Weg durch den Wald und über Weiden in Richtung «La Joux». Dort sollte man unbedingt zum Aussichtspunkt abbiegen (ca. 10 Minuten): Steil fallen die Felsen ab, tief unten liegt Moutier – umgeben von Gebirge und Wäldern. Die nächste Überraschung taucht mit dem «Lac Vert» auf. Der kleine See glitzert grün-blau und ist von Tannen umrahmt. Baden darf man zwar nicht, aber als Kulisse fürs Picknick eignet er sich bestens. Durch den Wald geht es hinunter ins Dorf Court. Dort kann man entweder den Zug nehmen oder durch die Schlucht Gorges de Court zurück nach Moutier wandern. Tipp: Von Moutier den Abstecher zum «Pavillon» machen. Von diesem Aussichtspunkt sieht man in der gegenüberliegenden Felswand Hunderte von Dinosaurierspuren. (ABA)

5 Auf dem Höhenweg über dem Nebelmeer

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Strecke: Weissenstein – Hasenmatt – Grenchenberge (23 Kilometer)
Wanderzeit: rund 7 Stunden
Höhendifferenz: Aufstieg: 1464 Meter,
Abstieg: 520 Meter

Der Weissenstein ist einer der markantesten Aussichtspunkte des Juras. Gerade im Herbst und Winter, wenn der Jurasüdfuss von dichtem Hochnebel bedeckt wird, ist das Panorama über das Nebelmeer hinweg vom Säntis bis zum Mont Blanc fantastisch. Doch der Weissenstein ist besonders an Tagen mit Inversionswetterlage nicht gerade menschenleer. Viele Wege abseits der Menschenmassen gibt es jedoch rund um den «Berg», wie die Solothurner den Weissenstein nennen. Wer etwa von Solothurn aus startet und die sogenannte «Stiegenlos» via Rüttenen auf den Nesselboden nimmt, begegnet auch am Wochenende kaum anderen Wanderern. Von dort aus geht es auf schmalen Wegen über den Hinterweissenstein zur Hasenmatt – den höchsten Punkt des Kantons – und weiter auf die Grenchenberge. Zur Linken protzt immerfort das Panorama. Tipp: Wer die Wanderung abkürzen will, nimmt die Gondelbahn und spart sich rund 900 Höhenmeter. (MBR)

6 Auf Leitern durch unberührte Natur

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Strecke: Les Bois – Biaufond – La Chaux-de-Fonds (19 Kilometer)
Wanderzeit: 5 Stunden
Höhendifferenz: Aufstieg 500 Meter, Abstieg 540 Meter

Die Schlucht Combe de Biaufond wirkt wie eine fremde Welt. Steine und Bäume sind mit Moos überzogen. Leitern führen abwärts durch Felswände, aus denen Farne wachsen. Unten angelangt, geht es ein Stück dem Fluss Doubs entlang. Nach dem Schlussaufstieg eröffnet sich nochmals eine neue Welt: die Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds. (nsn)

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