Literatur

Jens Steiner trifft mit seinen Romanen den Nerv unserer Zeit - mit Hang zum Tief- und Blödsinn

Als Beobachter fühlt Jens Steiner sich wohl, im Literaturbetrieb weniger.

Als Beobachter fühlt Jens Steiner sich wohl, im Literaturbetrieb weniger.

Noch immer ist er ein Hoffnungsträger der jüngeren Schweizer Literatur: Heute erscheint Jens Steiners neuer Roman «Ameisen unterm Brennglas». Eine Begegnung in St.Gallen.

Für das Treffen in der Bibliothek in St.Gallen lässt er ein paar Stunden lang seine Lieblingsbeschäftigung sausen: Tippen, löschen, tippen, löschen. Zwischendurch lüften, Tasse spülen, Kaffee aufgiessen. Dann wieder tippen, ab und zu Grinsen oder amüsiert Giggeln. So muss man sich Jens Steiner beim Schreiben vorstellen. Er erzählt es nicht gern, doch um ein- für allemal neugierige Fragen danach zu beantworten, lässt er auf seiner Website einen gewissen Ungenannt zu Wort kommen. Der hat ihn beobachtet, wie eine Labormaus in Aktion. Eine Schreib-, eine Kaffeemaus: emsig, einem Instinkt folgend, Routinen gehorchend, mit Hang zum Tief- und Blödsinn.

Jetzt aber ist die Schreibmaus, Pardon, der Schriftsteller Jens Steiner, nicht im Labor in Zürich Oerlikon, sondern unterwegs. Er kommt von einem Fototermin in Romanshorn; später wird er zurück an den Bodensee fahren, ins beschauliche Dorf Gottlieben. Dort bewohnt er derzeit als Stipendiat der Thurgauer Kulturstiftung ein Schreibstübli im Literaturhaus. Zur Abkühlung springt er an heissen Sommertagen in den See. «Gottlieben ist schön», sagt er, «spiessig, idyllisch, ein bisschen langweilig.» Idealbedingungen zum Schreiben. Er grinst, aber vorsichtig.

Es brennt in Romanshorn, es knallt am «Fressbalken»

Sicher, er wird auch diesmal oft vor sich hingelacht haben, beim Tippen und Löschen seines heute erscheinenden Romans «Ameisen unterm Brennglas». Etwa bei der Feinarbeit an Toni Manfredi, Frühpensionär mit italienischen Wurzeln, der in der vordergründig heilen Welt seiner Küche in Bern Bethlehem Krippenfiguren schnitzt. Toni wird, wenn auch als Nebenbeifernsehzuschauer, Zeuge eines Brandanschlags in, ausgerechnet – Romanshorn. In seiner Hochhauswohnung führt er ein braves Leben; argwöhnisch beobachtet er vom Balkon aus die weniger verschweizerten Nachbarn. Im Roman ist er eine Randfigur neben etlichen weiteren, auf die Jens Steiner in kurzen Episoden das Brennglas richtet. Wie Ameisen wuseln sie darunter, und je genauer wir ihnen dabei zuschauen, desto schicksalhafter wuseln sie innert kürzester Zeit aufeinander zu. Von Montag bis Donnerstag wird sich eine Schneise der Gewalt quer durch die Schweiz ziehen, von St.Margrethen bis Genf: Autodiebstahl, Banküberfall, eine Schiesserei am «Fressbalken» von Würenlos, Geiselnahme. Am Ende wird das vermeintlich Politische des Terrors sehr privat sein, dennoch fügen sich die vielen Nahaufnahmen zu einem gesellschaftlichen Stimmungsbild zusammen.

Das Unbehagen über Wutbürger und Dichtestress

Begonnen hat Jens Steiner den Roman schon 2015; Wutbürger, Dichtestress, die Flüchtlingskrise waren der Motor. Das Unbehagen, die diffusen Ängste der Coronakrise scheinen in «Ameisen unterm Brennglas» vorweggenommen. Würde er das Buch jetzt anders schreiben? «Vielleicht hätte ich ein paar Schwerpunkte anders gesetzt», sagt er. Verschwörungstheorien zum Beispiel wären lauter geworden – vielleicht. Er lässt sich nicht festlegen. Meist arbeitet er an mehreren Manuskripten parallel, lässt Teile davon eine Weile ruhen. «Manchmal befruchten sie sich auch gegenseitig.»

Mit Mitte vierzig geht Steiner noch immer als Jungautor durch, als «Hoffnungsträger», der für Romane wie «Hasenleben» (2011) und «Carambole» (2013) viel Lob und für den zweiten den Schweizer Buchpreis erhielt. Dieses Etikett hat er in seinem letzten Roman schelmisch ironisiert. Kein Zufall, dass Antiheld Philipp in «Mein Leben als Hoffnungsträger» als Hilfskraft auf dem Recyclinghof Karriere macht, sie aber auch wieder jäh abbricht: Da wird die Wegwerfgesellschaft in letzter Konsequenz weitergedacht. Runde Erfolgsgeschichten interessieren Jens Steiner nicht, umso mehr das Chaos des Lebens.

Im Hamsterrad von Job, Familie und Ämtlimanie

Dass er schon länger mit Nature Writing liebäugelt, macht sich in «Ameisen unterm Brennglas» bemerkbar: Die Figuren werden zuweilen winzig klein, nicht wichtiger als Gestrüpp und Geröll, sie verschwinden in der Landschaft. Oder sie werden von Tieren in ihrem seltsamen Menschengebaren beobachtet.

Oft kommt es in seinen Romanen zum grossen Knall, gerade weil die geschilderte Wirklichkeit so vertraut wie banal ist: der ganz normale Wahnsinn. Menschen im Hamsterrad, im Konsumstress, gefangen im Gewurstel zwischen Job, Ämtli, Abfalltrennung und bestmöglicher sozialer Performance. Er selbst entzieht sich diesem Gewurstel: auch dem des Literaturbetriebs. Der nerve ihn, sagt er, da treffe man in der kleinen Schweiz immer auf dieselben Leute. Um einmal andere und jüngere zu treffen, hat Steiner angefangen, Kinderbücher zu schreiben. Da ermitteln «Die Bratwurstzipfel-Detektive», «Lotta Barfuss» besetzen ein leerstehendes Haus. Sehr zum Vergnügen des tippenden Jens Steiner.

Jens Steiner: Ameisen unterm Brennglas. Roman, Arche, 240 S.

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