Kulturförderung
Jeder kann Mäzen werden - per Testament

Die Stiftung Erbprozent will Menschen dazu animieren, der Kultur ein Prozent zu vererben - das könnte eine Riesensache werden.

Sabine Altorfer
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Bekommt dank dem Erbprozent «Raum und Zeit» für Neues: Nadja Zela und Band aus Zürich. Niklaus Spoerri

Bekommt dank dem Erbprozent «Raum und Zeit» für Neues: Nadja Zela und Band aus Zürich. Niklaus Spoerri

Niklaus Spoerri

Jede und jeder ein Kulturmäzen? Das ist eine Illusion – es sei denn, der Gedanke an den Tod bringe uns dazu, Gutes zu tun: zum Beispiel im Testament der Kultur ein Prozent seines Erbes vermachen. Das ist der Traum der Schweizer Stiftung Erbprozent, die das Geld sammeln und verteilen will.

Eine gute Idee, schrieben wir vor zwei Jahren bei der Gründung der Stiftung. Ob die Idee Erfolg hat, ob viele oder gar alle Menschen in der Schweiz mitmachen werden, ist heute noch offen. Aber immerhin: An der Appenzeller Kulturlandsgemeinde hat die Stiftung Erbprozent letzte Woche nun erstmals Geld verteilen können: 120 000 Franken an neun Empfängerinnen. Das ist auf die ganze Schweizer Kulturförderung ein kleiner Betrag, aber doch ein Zeichen: Seht her, es könnte mit diesen Erbversprechen klappen.

Die Stiftung Erbprozent hat zwei Handicaps: Zum einen muss sie zuerst überhaupt Menschen für ihre Idee gewinnen, und zum zweiten muss sie warten, bis diese Menschen sterben und ihr Erbe verteilt wird. Das ist nicht gerade werbewirksam – und kann dauern. Deshalb hat die Stiftung hier etwas nachgeholfen. Doch keine Angst, es wurde niemand frühzeitig ins Grab gebracht. «Einige Erbversprechende haben uns Vorlässe zugesprochen», erklärt Geschäftsführerin Esther Widmer. «Man kann das Erbversprechen zu Lebzeiten mit einer Schenkung einlösen.» Wer wie viel gezahlt hat, verrät Esther Widmer nicht. Nur so viel: «Es waren mehrere Personen.»

Wertschätzung

Fünf Fördergefässe hat die Stiftung zusammen mit den Erbversprechenden an vier Forumsveranstaltungen entworfen. Das klingt schrecklich technokratisch – im Gegensatz zu den Titeln der fünf Fördergrundsätze. Sie sind mit «Wertschätzung», «Wahlverwandtschaften», «Raum und Zeit», «Weiter so!» und «Publikum» überschrieben.

Solche Namen erinnern an ewige Werte, zeugen von einer philosophisch-gesellschaftlichen Haltung. «Wir wollen in der Kultur nicht die Produktion noch mehr anheizen», erklärt Widmer. «Dafür finden die Künstlerinnen, Veranstalter und Gruppen anderswo Geld. Oft fehlt es aber an Unterstützung für die Zeit dazwischen. Für Denkpausen, Vorarbeiten, den Betrieb, für langfristige Projekte.»

40 000 Franken erhält der Tonverein Bad Bonn im freiburgischen Düdingen also nicht für seine weitherum bekannte Musik-Kilbi, sondern als Wertschätzung für sein bisheriges, jahrzehntelanges Engagement und für seine Arbeit, sein mutiges Programm in den 51 Wochen zwischen den Kilbis.

Für «Raum und Zeit» haben Scouts zwölf Gruppen aus verschiedenen Sparten vorgeschlagen, die Geld für kreativen Freiraum benötigen. Am Schluss bestimmte das Los: Nadja Zela und Band aus Zürich sowie die Theatergruppe Cie Chris Cadillac, Marion Duval aus Genf hatten Glück und erhalten zusammen 60 000 Franken.

Mit viel weniger Geld (insgesamt 20 000 Franken) lassen sich die «Wahlverwandtschaften» finanzieren. Und doch sollen sie sechs Künstlerinnen und Künstlern ermöglichen, mit einem Mentor ihrer Wahl in ihrem Schaffen weiterzukommen. Oft suche man ein erfahrenes Gegenüber, erklärt Widmer, wolle man aber mehr als einen schnellen Rat, so brauche das eben Zeit und Geld. Eine Jury wählte: Romain Buffat (Literatur), Stefanie Daumüller (Fotografie), Lorenz Pauli (Kinderliteratur und -musik), Elodie Pong (Video/Performance), Eva Vitija (Drehbuch/Film) und Charlotte Waltert (Kunst/Animationsfilm).

Theoretisch Millionen

Auch wenn jetzt die ersten Zusprechungen gefeiert werden, nächstes Jahr wieder Geld aus Vorlässen verteilt werden kann, ist die Zukunft der Stiftung Erbprozent noch nicht gesichert. Bis jetzt haben erst rund 80 Menschen ein Erbversprechen abgegeben. Auf der Homepage «erbprozent.ch» erklären Unbekannte und Prominente, warum sie mitmachen. Von Komiker Viktor Giacobbo über Jazzerin Irène Schweizer und Banker Pierin Vincenz bis zur Alt-Bundesrätin Evelyne Widmer-Schlumpf.

Noch fehlt die Masse, um die generationenübergreifende Förderidee wirklich zum Fliegen zu bringen. «Ja, es müssen richtig viele mitmachen», bestätigt Geschäftsführerin Widmer. «2018 muss es mal tüchtig vorwärtsgehen, aber wir rechnen mit fünf Jahren, bis es breit greift.» Den Aufbau der Stiftung haben bis jetzt diverse Kantone aus der Deutschschweiz bezahlt, als Nächstes werden die Regierungen in der Romandie und Firmen um Unterstützung angefragt. Und dann? «Wenn in zehn Jahren Millionen in den Topf fliessen, kann die Finanzierung des Betriebs neu gedacht werden. Mit dem Wachsen wird die Stiftung auch für Firmen, zum Beispiel Banken oder Versicherungen, attraktiver, die Sockelbeiträge leisten könnten», sagt Widmer.

Theoretisch geht die Rechnung mit den Millionen locker auf. Zwar weiss niemand genau, wie viel Geld in der Schweiz jährlich vererbt wird. Zwischen 20 und 60 Milliarden Franken pro Jahr, sagen Schätzungen von Ökonomen. Würden also alle Schweizerinnen und Schweizer mitmachen, könnte die Stiftung Erbprozent jährlich zwischen 200 und 600 Millionen Franken in die Kultur investieren. Zum Vergleich: Der Bund zahlt für die Kultur rund 300 Millionen Franken pro Jahr.

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