Ausblick
Ist nach Corona die Luft raus aus der Kultur?

Die Kulturbetriebe hatten es in diesem Jahr besonders schwer. Wie steht es um die Relevanz der Kultur, und wird 2021 besser?

Mathias Balzer, Hannes Nüsseler, Stefan Strittmatter
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Der oberste Sparer der Nation kommt in Genuss eines Geburtstagsständchens.

Der oberste Sparer der Nation kommt in Genuss eines Geburtstagsständchens.

bz

Als der Bundesrat Anfang Dezember den Kulturveranstaltungen schweizweit einen Riegel vorschob, reagierte der Basler Rapper Pyro mit einem Facebook-Post, der die Misere auf den Punkt brachte: In Anlehnung an Jimmy Cliffs Motivations-Hymne «You Can Get It If You Really Want» schrieb er: «You can get it if you’re relevant». It – das sind in diesem Falle Aufmerksamkeit, Achtung und Ausfallentschädigung.

Wie kein Ereignis zuvor hat die Pandemie den Fokus vom Inhalt des kulturellen Schaffens auf seine Daseins­berechtigung verschoben. Fragte man sich zuvor «Ist das Kunst oder kann das weg?», so lautete die Frage plötzlich «Ist das Kunst und kann es weg?». Das Jahr 2020 blieb die schlüssigen Antworten schuldig. Es hat uns dafür einen zweifelhaften Massstab beschert – jenen der Systemrelevanz.

Denn mit diesem neuen Kriterium stellen sich neue Fragen. Wo zieht man die Grenze zwischen «must have» und «nice to have»? Und vor allem wer zieht sie? Fragt man beispielsweise Kulturschaffende und Veranstalter, so fällt die Antwort so eindeutig wie überraschungsfrei aus: Wer von der Kultur lebt, für den ist sie natürlich systemrelevant.

Doch gibt es Kultur ohne Publikum?

Zugegeben, letzteres war zum Daheimbleiben verknurrt. Doch es blieb nicht nur zuhause – es machte es sich da auch recht gemütlich. In Basel sah das so aus: Künstler bildeten kilometerlange Lichterketten als Mahnwache für die gefährdete Kultur, während der Rest der Bevölkerung zuhause Netflix schaute.

So sehr man sich für das heimische Kulturschaffen ein anderes Bild gewünscht hätte – der Aufschrei war grösser, als die Fasnacht abgesagt wurde, als die Sperrstunde für Bars zurückkehrte, als Fussballspiele zu Geisterspielen wurden. Ja, sogar als die Coiffeure kurzzeitig dicht machen mussten.

Wer verfasste offene Briefe, als ­kulturelle Veranstaltungen nur noch vor maximal 100 Besuchern stattfinden durften? Und dann vor 50, später 15 und schliesslich gar nicht mehr? Es ­waren die Veranstalter und Kultur­­schaffenden. Wer postete bissige Memes über volle Skigondeln und leere Konzert­säle? Veranstalter und Kulturschaffende.

Corona hat uns einiges abverlangt und manches gelehrt. Dass die Politik das Dossier Kultur zuverlässig mit der kleinsten Priorität behandelt, scheint dabei die Befindlichkeit in weiten Teilen der Bevölkerung widerzuspiegeln. Die wirklich schmerzhafte Erkenntnis, die wir mitnehmen, ist, dass das Publikum in der Pandemie schneller verstummt ist als die Kultur selber.

Ist die Bruttowertschöpfung der richtige Massstab?

Die Schweizer Bevölkerung reagierte also mit einem schallenden Schulterzucken. Doch gibt es für das Ausbleiben eines allgemeinen Aufschreis auch ­andere Gründe als Gleichgültigkeit? Sorge um die eigene Gesundheit beispielsweise, die einen freiwilligen Verzicht auf kulturelle Aktivitäten nahelegt? Die stillschweigende Übereinkunft, dass Kultur nicht mit ihrer Bedeutung zu hausieren braucht?

Vor allem ist die Frage selbst fragwürdig, die voraussetzt, dass Kultur «systemrelevant» zu sein habe. Denn: Was soll das genau sein? Wirtschaftlichkeit kann damit jedenfalls nicht gemeint sein, ist von der Wertschöpfung, welche die Kulturbranche jährlich erzielt, doch auch ohne Pandemie eher selten die Rede.

Dabei handelt es sich gemäss dem Bundesamt für Statistik immerhin um eine Summe von 15 Milliarden Franken, die der Kultur zugeschrieben wird – nicht gerade wenig im Vergleich etwa zur Bruttowertschöpfung der Schweizer Landwirtschaft, die pro Jahr 4,2 Milliarden Franken beträgt.

Ist es falsche Bescheidenheit, wenn Kulturschaffende diesen Aspekt ihrer «Relevanz» unter den Tisch fallen lassen und stattdessen über Monate hinweg den Anschein von ungerechtfertigter Bedürftigkeit erwecken? Oder falscher Stolz, nicht im gleichen Atemzug genannt werden zu wollen wie ein Skilift, der auf den Berg führt, aber nicht zu Höherem? Die Bruttowertschöpfung der Schweizer Bergbahnen beläuft sich übrigens auf (nur) 575 Millionen Franken.

Die Frage nach der Systemrelevanz ist hier nicht relevant

So müssen die Kulturbranche und ihre Exegeten den Wert ihrer Arbeit selbst definieren und propagieren. Neben Durchhalteparolen («Jetzt erst recht!») und Besitzstandswahrungsansprüchen («Wider den Kulturabbau!») finden sich dazu verschiedene Rechtfertigungsstrategien.

Kultur reflektiere und überbrücke die Gegensätze zwischen Individuum und Gesellschaft, Kultur zivilisiere – Deutschland setzt explizit auf den politischen Mehrwert von Kunst im Kampf gegen den Rechtspopulismus. Und selbstverständlich ist Kultur mehr als nur ein Freizeitvergnügen, wie das Feuilleton mahnt. Ihr Gewicht hebe (lat. re-levare) nicht einfach den Balken der Vermögenswaage, sie erhebe vor allem die Seele. Wohlfeile Worte, um die eigene Entbehrlichkeit zu kaschieren?

Jedoch: Im Grunde ist die Frage nach der Systemrelevanz in Sachen Kunst und Kultur nicht die relevante Frage. Der Begriff verdankt seine Karriere der Wirtschaftskrise von 2008. Er bezieht sich also bloss auf ein Teil­system, dasjenige der Finanzwirtschaft und der Banken.

Ödipus lebt deutlich länger als das Skifahren

Das Jahr der Pandemie hat uns auf­gezeigt, dass ein unsichtbares Wesen unsere Zivilisation in den Grundfesten erschüttern kann. Das Virus bremst unsere Dynamik aus, wirtschaftlich und kulturell. Es führt uns drastisch vor Augen, dass wir in dieser Welt nicht Herr der Lage sind. Das ­Virus entstammt einer Zone, die sich unserer Kontrolle entzieht – der Natur. Corona, das Virus mit der Krone, zeigt, wer wirklich Königin der Welt ist. Und um eben dies zu begreifen, braucht es Kunst, Theater, Musik und Literatur.

Von der Bibel bis zur griechischen Mythologie, von Sophokles’ Dramen bis zu Shakespeares Königsschicksalen: Wir erzählen uns seit Tausenden von Jahren die Geschichte des Menschen, der an Allmachtsfantasien scheitert oder an der Illusion zerbricht, Herr seines Lebens zu sein. Wir sehen Ödipus, der erst als Blinder die Trugschlüsse seines Lebens erkennt. Wir können Richard III beiwohnen, wie er dem Wahnsinn verfällt. Oder Becketts Vladimir und Estragon, die jeglichen Lebens­sinnes beraubt auf Godot warten – einen Herrn, der ihnen sagt, was zu tun sei.

Und genauso, wie wir uns das ­Drama des Menschen erzählen, haben wir die Kunst entwickelt, unser Leben als Komödie zu sehen. Molière, Gol­doni oder die Monty Pythons haben uns das Lachen gelehrt. Bach hat uns die Gabe geschenkt, die Variation des ­Immergleichen geniessen zu können. Picasso hat gezeigt, dass ein Mensch Hunderte Gesichter haben kann.

Dass hier zuvorderst historische Werke genannt werden, hat seine Richtigkeit

Es sind die Archive und Bibliotheken der Menschheit, die ihren Reichtum ausmachen. Zu denken, ihre Pflege, ja, die stete Feier und Weiterentwicklung dieses Erbes sei weniger relevant als der Erhalt unserer Konsumblase, ist offensichtlich vermessen. ­Gerade der Stillstand des öffentlichen Kulturlebens und die Tragik der Pandemie zeigen, dass wir ohne kulturelles Netz ins Bodenlose fallen.

Die Balkongesänge und die vielen einsamen Stunden während des ersten Lockdowns haben uns gelehrt, dass es im Zweifelsfalle ganz wertvoll ist, singen oder ein Instrument spielen zu können. Die Netflixserien, mit denen wir der Leere draussen trotzen, würden gar nicht existieren, hätten Drehbuchautorinnen und -autoren nicht den riesigen Fundus der Bibliothek zu Verfügung, um uns unsere Geschichten spannend und variantenreich zu erzählen. Die Gabe, dies zu können, ist mehr als Freizeit­beschäftigung. Sie ist lebensnotwendig.

Offensichtlich wird diese Lebensnotwendigkeit auch angesichts des ­Todes – gerade in Zeiten, in denen nur schon in unserem Land hundert Menschen pro Tag an der Pandemie sterben. Was wäre eine Abdankung ohne Musik, die uns die Dimension der Trauer emotional nachvollziehen lässt? Was wäre der Abschied von einem Menschen, wenn da nicht jemand wäre, der seine Geschichte noch einmal erzählen kann?

Die Kultur musste als Bauernopfer herhalten

Dass die Kultur im politischen Ränke­spiel rund um die Pandemiemassnahmen auch als Bauernopfer herhalten muss, sollte uns nicht zu sehr erschüttern. In fünfhundert Jahren wird wahrscheinlich niemand mehr wissen, was Skifahren ist. Die Geschichte von Ödipus wird man sich aber auch dann noch erzählen.

In kurzfristigeren Zeiträumen gedacht dürfen wir davon ausgehen, dass das Publikum öffentliche Kultur­anlässe stürmen wird, sobald sie wieder unbedenklich und erlaubt sind. Die Phasen der Lockerung im vergangenen Jahr ­haben dies bewiesen. Und es kann ­allen Kulturfreunden ein Trost sein, dass auch Politiker, die den Künstlern zu­rufen «You can get it if you’re relevant», auf die Kulturarchive angewiesen sind. Das «Happy Birthday», das sie ihrem Bundes­rat zum Siebzigsten gesungen haben, ist auch schon 123 Jahre alt.