Interview
Filmchef des Bundesmats für Kultur: «Wir sind keine Konkurrenz für die Grossen, aber wir machen die besseren Schweizer Filme»

Der Schweizer Animationsfilm wird 100 Jahre alt. Der Filmchef des Bundesamts für Kultur, Ivo Kummer, sagt, was gute Geschichten auszeichnet.

Anna Raymann
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Szene aus dem Film «Ma Vie de Courgette».

Szene aus dem Film «Ma Vie de Courgette».

Praesens Film

Im Oktober 1921 stolperte mit Monsieur Vieux-bois der erste animierte Held aus Schweizer Feder über eine Leinwand. Seither ist viel geschehen, vom Zeichen- und Legetrick, über den Puppentrick bis zu modernsten Computeranimationen beherrschen die Schweizer Filmemacher ihr Handwerk. Lanciert vom Schweizer Trickfilmverband (GSFA) feiert die Szene dieser Tage ihren Geburtstag am internationalen Animationsfilmfestival Fantoche in Baden. Wo aber steht das Genre heute? Ein Gespräch mit Ivo Kummer, Filmchef beim Bundesamt für Kultur.

Wofür steht der Schweizer Animationsfilm?

Ivo Kummer: Ich weiss noch, wie ich zu meiner Zeit bei den Solothurner Filmtagen den Schweizer Animationsfilm erst entdeckt habe – bis dahin war Animationsfilm für mich Mickey Mouse. Die hiesigen Produktionen haben mich sofort begeistert. Die Altmeister wie Georges Schwizgebel oder das Ehepaar Ansorge haben den Weg bereitet für handwerklich meisterliches Autorenkino. Man kann selbstbewusst sagen, dass die Schweizer Szene mit 100 Jahren Erfahrung gut aufgestellt ist.

Ivo Kummer, Filmchef beim Bundesamt für Kultur.

Ivo Kummer, Filmchef beim Bundesamt für Kultur.

Mit Heidi kommt aber die urschweizerischste Trickfilmheldin aus einem japanischen Studio. Ist die Schweiz im Grunde zu klein für den Animationsfilm?

Was die Kreativität betrifft, sicher nicht. Wenn es aber um die Ausführung und die Finanzierung geht, ist die Schweiz angewiesen auf Co-Produktionen mit dem Ausland. Der Animationsfilm ist ein aufwendiges Genre. Der Schweizer Markt ist zu klein für eine umfassende Studio-Infrastruktur.

Wie kann sich der Schweizer Animationsfilm gegen die grossen Studios wie Disney, DreamWorks oder Pixar behaupten?

Mit den Grossen kann man nicht konkurrieren, aber wir machen die besseren Schweizer Filme! Es ist ähnlich wie mit der Uhrmachermentalität: Wenn man präzise, genau und erfinderisch arbeitet, schafft man es, Benchmarks zu setzen.

«Ma vie de Courgette» ist eine solche Benchmark, der Film stand sogar im Rennen um die Oscars – wie ist das gelungen?

Der Anfang eines guten Films ist immer die Geschichte. Das ist auch bei «Ma vie de Courgette» so. Claude Barras hat viel Geschick in die markanten Figuren mit den grossen Augen investiert und die Umsetzung ist schliesslich beeindruckend. Die Produktionsweise war innovativ, fast dokumentarisch. Alles zusammen ergibt einen zurückhaltenden, ehrlichen und authentischen Film mit hoher emotionaler Kraft.

Er gilt trotz ernster Geschichte als Kinderfilm. Wo sind die Animationsfilme für Erwachsene?

Es ist ein Film für Erwachsene! Das wunderbare an solchen Familienfilmen ist doch, dass man – egal ob Enkel oder Grossmutter – dasselbe Kinoerlebnis teilt. Was gibt es Schöneres, als gemeinsam über alle Generationen hinweg über einen Film zu lachen, zu weinen, hinterher darüber zu reden? Es gibt wenige vergleichbare Kulturanlässe, die ein Publikum quer über alle Altersstufen ansprechen und verbinden können.

Hiesige Spielfilme tun sich dagegen auf dem internationalen Markt schwer. Ist der Schweizer Animationsfilm besser als der Spielfilm?

Natürlich ist «Ma vie de Courgette» ein Leuchtturm, so plakativ würde ich es dennoch nicht sehen. Auch Spielfilme feiern internationale Festivalerfolge.

Neben klassischem Zeichentrick sieht man inzwischen oft digitale Animationen (CGI). Was bedeuten diese technischen Herausforderungen für die Filmproduktion?

Es gibt innovative Leute in der Schweiz, die in diesen Bereichen erfolgreich sind. Lukas Klopfenstein zum Beispiel, der die oscarprämierten Effekte von «Blade Runner 2049» mitentwickelt hat. Solche Technik kann Produktionen positiv unterstützen, ist aber auch stets mit grossen Investitionen verbunden. Basis ist immer eine gute Geschichte, danach kommt das Werkzeug.

Wir haben es angesprochen: Animationsfilm ist aufwendig. An gewissen Produktionen wird bis zu zehn Jahre gearbeitet. Wird das Genre ausreichend gefördert?

Man kann natürlich nicht zehn Jahre von einem Projekt leben. Mit unseren verschiedenen Instrumenten – der selektiven und erfolgsabhängigen sowie der Filmstandortförderung – leisten wir aber einen guten Beitrag. Im besten Fall kann ein abendfüllender Animationsfilm bis zu 50 Prozent seines Budgets aus der Schweiz finanzieren.

Trotzdem produzieren die wenigsten Animatoren mehr als einen Langfilm. Woran liegt das?

Animation ist kein gewöhnlicher Job wie etwa auf einer Bank. Es braucht viel Wille, Ausdauer und einen festen Glauben an das Projekt. Es ist nicht leicht, für ein solches High-Risk-Unternehmen Produzenten zu gewinnen, die Auswertung ist schwierig. Filmemachen ist kein Wellnessprogramm.

Muss man für ein solches Vorhaben ein wenig verrückt sein?

Vielleicht. Auf jeden Fall braucht es eine grosse Faszination für die Arbeit.

Zum 100. Geburtstag darf man gratulieren: Was wünschen Sie dem Schweizer Animationsfilm?

In diesen 100 Jahren hat er schon viel erreicht – auch bei uns. So haben wir in den letzten Jahren den Kredit für Animationsfilme aufgestockt. Ich wünsche ihm viel Freude am Schaffen, Ausdauer, Dranbleiben trotz Enttäuschungen – und dass er diese Energie beibehält und weitergibt.

Fantoche: 7.–12.9. Baden. Jubiläumsprogramm und Panel «Frauen im Schweizer Animationsfilm» am 9.9.

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