Interview
Bänz Friedli und sein neues Programm: Lachen will er nur noch über sich selbst

Der Berner Kabarettist und Kolumnist Bänz Friedli will in seinem fünften Bühnenprogramm «S'isch kompliziert» niemanden mehr zum Idioten abstempeln. Kann das gut gehen? Ein Gespräch über das Verhältnis von Empathie und Kabarett vor seiner Premiere am 19. Januar in Luzern.

Julia Stephan
Drucken
Autor und Kabarettist Bänz Friedli in seinem Atelier in Zürich Albisrieden. Hier sind die wichtigsten Begleiter seines Lebens versammelt.

Autor und Kabarettist Bänz Friedli in seinem Atelier in Zürich Albisrieden. Hier sind die wichtigsten Begleiter seines Lebens versammelt.

Bild: Chris Iseli

In der Devotionalienkammer von Bänz Friedli (56) in Zürich-Albisrieden sind die Idole des Künstlers allgegenwärtig: ein Trikot der Schweizer Ex-Fussballerin Lara Dickenmann hängt prominent an einem LP-Regal. Der Papp-Elvis aus seinem letzten Bühnenprogramm lehnt lässig an der Wand. Die Schnipsel eines abwechslungsreichen Lebens als Musikjournalist, Hausmann, Kolumnist und Kabarettist fügen sich hier zu einem stimmigen Ganzen.

Bänz Friedli, beim Wiederentdecken Ihrer alten Bühnenprogramme dachte ich öfters: Dieser Mann muss ein News-Junkie sein. Liege ich richtig?

Ja, das ist ganz schrecklich. Wobei es dann auch wieder so Phasen gibt, wo ich gar nichts mitkriege von der Welt und ganz auf mein Projekt fokussiert bin. Als Jugendlichen würde man mich heute mit ADHS diagnostizieren. Meine Pendlerkolumnen für «20 Minuten» kamen seinerzeit ja auch nur deshalb zustande, weil meine Antennen dauernd angeschaltet sind. Wenn ich im Zug sitze, kann ich gar nicht anders als zuhören. Ich denke, sehr viele Bühnenkünstlerinnen und Bühnenkünstler ticken so. Es gibt durchaus Kolleginnen, die im Alltag ohne konkrete Lebenshilfe vom Management kaum zurechtkämen. (Lacht.)

Das Multitalent

Bänz Friedli – Kabarettist
Bild: Chris Iseli

Bänz Friedli – Kabarettist

Er war jahrelang der beliebteste Kolumnist der Schweiz. Seine «Pendlerregeln» für die Gratiszeitung «20 Minuten» und seine legendäre «Hausmann»-Kolumne im «Migros-Magazin» machten Bänz Friedli einem breiten Publikum bekannt. Der Musikjournalist und Kinderbuchautor sass von 2004 bis 2016 in der Jury des «Schweizer Wort des Jahres», schreibt regelmässig satirische Beiträge fürs Radio und steht seit 2011 regelmässig auf Kleinkunstbühnen. 2015 gewann er den Salzburger Stier. Friedli hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Zürich. (jst)

Sind Ihre Programme deshalb so schnell veraltet, weil Ihr Sensorium für den Zeitgeist so gross ist?

Ich habe einen riesigen Respekt vor Leuten, die eine Bühnennummer so in Stein meisseln können, dass sie eine universale Gültigkeit besitzen. Ein Emil Steinberger kann das. Der schrieb vor über vierzig Jahren die Nummer «Im Kalorienrestaurant». Bringt er die heute, klingt es, als mache er sich über die angesagte vegane Molekular-was-weiss-ich-Hipster-Küche lustig. Bei mir altert manches rasch. Mein letztes Programm schien schon zu Beginn der Pandemie wie ein Echo aus einer anderen Zeit.

Warum das denn?

Ich hatte mich darin zum Beispiel darüber aufgeregt, dass man an keinem Kiosk mehr bar bezahlen konnte. Dann kam das Virus mit all den Hygieneregeln. Heute rege ich mich auf, wenn keine Karte akzeptiert wird. Unlängst stand ich in einer Alphütte im Glarnerland und hatte keinen Einfränkler fürs WC.

Sind Sie noch der Gleiche wie vor zwei Jahren?

Die Pandemie hat mich stark verändert. Uns wurde so viel Zeit geschenkt! Wer die letzten zwei Jahre für sich nicht zum Guten nutzte, hat ohnehin etwas falsch gemacht.

Ist auch in dieser Zeit die Idee fürs neue Programm gereift?

Mein Regisseur Alexander Götz ist im zweiten Leben Torwarttrainer. Mit ihm habe ich an der Frage gearbeitet, wie man sich auf so eine Premiere vorbereitet. Bevor ich wusste, worüber ich reden werde, wusste ich, wie ich mich auf der Bühne bewegen würde. Erst im November schrieb ich dann in Montpellier aus allen angesammelten Notizen und Ideen viereinhalb Stunden Programm runter – die Ernte von zwei Jahren Pause. Danach musste ich nur noch kürzen.

Welche Tipps aus dem Spitzensport haben Sie von Ihrem «Trainer» mitgenommen?

Ich hatte mich immer gefragt, wie etwa ein Skirennfahrer wie Beat Feuz an Olympia aufstehen und sein Bestes geben kann. Wie arbeitet man über Jahre auf einen Tag X hin? Stellte ich mir unglaublich stressig vor. Jetzt merkte ich, wie gut es tut, mit Vorfreude auf etwas hinzuarbeiten. Im August war ich in Verona, wo die italienische Cantautrice Carmen Consoli in der Arena vor 6000 Leuten auftrat. Die Frau sang fünfzehn Duette, zig Kameras schnitten live mit. Das Konzert war um ein Jahr verschoben worden, sie hatte keine Auftritte, musste dann von null auf hundert hochfahren. Ob all der Erwartungen bricht die doch zusammen, dachte ich. Aber Consoli kam raus und versprühte dreieinhalb Stunden lang Freude. Völlig egal, dass sie die eine oder andere Strophe verhaspelte! So möchte ich es an der Premiere in Luzern auch halten.

Ihre Kolumnen und Programme leben davon, dass Sie mit viel Empathie und Durchlässigkeit enorm viele Eindrücke aufnehmen. War es schwierig während der Pandemie etwas vom echten Leben zu spüren?

Unmittelbar nach dem Lockdown wäre mir der Stoff beinahe ausgegangen. Aber diese Zeit war ja auch inspirierend insofern, als ich mir selbst mehr auf die Spur kommen konnte. In meinem Programm gibt es eine Stelle, wo ich mich für die «woken» Jungen stark mache. Als 56-Jähriger empfinde ich es als Geschenk, mein Mannsein noch einmal hinterfragen zu dürfen, weil die Jungen uns sagen, hey, das ist ok. Für solche Geschichten reicht es, dass in meinem Haushalt zwei junge Erwachsene gelebt haben. Meine Juso-Tochter hält mich ständig auf dem Laufenden, was der Zeitgeist gerade so mitbringt.

Auf der Bühne wie in Ihren Kolumnen machen Sie sich für andere Sichtweisen stark. Wie gehen Sie mit der polarisierten Gesellschaft um, in der wir gerade leben?

Die Spaltung geht ja quer durch Familien und Freundeskreise. Aber meine Meinung herausposaunen, wo ich doch eher noch empfindsamer dafür geworden bin, dass man die Dinge eben auch anders betrachten kann? Das wäre nicht mehr ich.

Bänz Friedli bei einem seiner Auftritte ohne Publikum während der Pandemie.

Quelle: Youtube

Ist diese ausgleichende Haltung nicht kabarettistischer Selbstmord? Auf wessen Kosten wollen Sie sich denn noch lustig machen?

Mich mit dem Ü50-Publikum zu verbünden und über das Gendersternchen und andere Anliegen der Jugend herzuziehen, fände ich langweilig. Als ich in Montpellier an meinem Programm schrieb, fiel mir auf einer Joggingrunde auf, dass auch dort so ein alter weisser Kriegsheld auf dem Sockel steht. Warum sollte unsere Jugend das nicht in Frage stellen dürfen? Mich befremdet, dass sich ausgerechnet diejenigen über solche Forderungen so lauthals aufhalten, die in den 1970er-Jahren noch David Bowie applaudierten, weil er mit seinem androgynen Look das Mann- und Frausein auflöste. Heute sind dieselben beleidigt, wenn die Jungen noch weiterdenken und das Männersymbol an der Toilette in Frage stellen. Für mich war die Pandemie gerade auch deshalb ein Geschenk, weil man Zeit hatte, eigene Gewohnheiten zu hinterfragen und aufzubrechen.

Leiden Sie eigentlich unter Ihrer Sensibilität?

Vielleicht ist diese Überempathie für einen Kabarettisten tatsächlich ein Killer. Aber so empfinde ich halt! Ich werde mit diesem Programm auch ins St.-Galler Hinterland kommen, wo ich als Linker die Sorgen, die mir dort ein Unternehmer schildert, durchaus nachempfinden kann. Eine Freundin aus dem US-Bundesstaat Kentucky ist Trump-Wählerin. Auch wenn ich nicht ihrer Meinung bin: Ich konnte total verstehen, warum sie so gewählt hat. Innerhalb ihres Weltbildes, ihres Bildungshorizontes, ihrer Möglichkeiten und der Informationen, die ihr zur Verfügung stehen, konnte sie gar nicht anders. In Domat/Ems erklärten mir die Leute, welch soziale Arbeitgeberin Magdalena Martullo-Blocher sei, und auf einmal funktionierte die billigsten Pointen über diese Reizfigur nicht mehr. Als Journalist sass ich jahrelang in einem Glashaus und sollte übers Land berichten. Je mehr ich nun als Kabarettist in diesem Land herumkomme, als umso komplexer nehme ich unsere Welt wahr. Meiner urbanen Tochter muss ich öfter erklären, dass die auf dem Land schon ihre Gründe hätten, die Dinge anders zu sehen.

Wie wollen Sie dieses Dilemma in Ihrem neuen Programm auflösen?

Indem ich es zum Thema mache und sage: Es ist leider komplizierter. Statt auf den Punkt zu kommen, stelle ich Fragen, mache Umkehrschlüsse, und verzichte weitgehend darauf, mich über öffentliche Figuren lustig zu machen. Das ist mir zu billig. Wenn ich mich über jemanden lustig mache, dann über diesen Hafermilchtrinker und Körnlipicker, der ich bin. Früher hatte ich eine Mission, wollte das Publikum zum Nachdenken anregen. Jetzt werden die Leute vielleicht eher verunsichert aus diesem Abend gehen.

Mutet man als linker urbaner Kabarettist der Landbevölkerung generell zu viel zu?

Ich möchte ja weder links noch rechts, sondern unabhängig sein. Es bringt nichts, diese Menschen als Idioten abzustempeln. Klar geniesse ich es, im Basler Tabourettli zu spielen, wo das urbane Publikum lacht, bevor ich eine Pointe überhaupt platziert habe. Trete ich in Schangnau im Emmental auf, muss ich den Leuten viel mehr Zeit und Raum lassen, weil meine und ihre Lebenswirklichkeit andere sind. Da geht mein Programm dann auch schnell mal 20 Minuten länger. Um diesen Stadt-Land-Graben zu schliessen, gebe ich meiner Verunsicherung nun mehr Raum. Ich habe seit 1985 keine Abstimmung verpasst, habe zu jedem Thema eine Haltung. Aber war ich mir dieser schon je zu hundert Prozent sicher? Ich wäre ein miserabler Politiker.

Wird Ihnen das Publikum da nicht weglaufen?

Vor zehn Jahren bin ich auf Ermutigung eines Freundes mehr zufällig auf die Kleinkunstbühne gestolpert, aus zwei geplanten Vorstellungen wurden damals 250. Nun bin ich – ohne Koketterie – völlig entspannt. Sollten die Leute bis Sommer nicht mehr kommen, stolpere ich da halt wieder raus. Diese innere Ruhe geniesse ich gerade sehr, sie ist ein Geschenk des Alters. Aber vielleicht mögen die Leute das Programm ja?

Glauben Sie, dass Sie Ihr Publikum versöhnen können?

Auch wenn ich nach jeder «Ohrfeigen»-Satiresendung mit Rückmeldungen überflutet werde: Ich schreibe allen zurück. Kürzlich mailte mir einer, er kenne nach wie vor niemanden, der an Covid-19 erkrankt, geschweige gestorben sei. Ich erzählte ihm, wie beschissen es meiner Mutter seit Covid geht. Statt gegenseitig auszuteilen, kamen wir in einen Dialog. Plötzlich hiess es: «Ah, jetzt kann ich Sie besser verstehen.» Eben mailte ich mit einem Mann hin und her, der mir weismachen will, es habe in Katar nicht Tausende Stadion-Tote gegeben. Erst dachte ich, er sei einfach ein Hörer, inzwischen vermute ich, er ist ein PR-Mensch, der im Auftrag Katars das Image der geplanten Fussballweltmeisterschaft aufbessern soll, für deren Boykott ich mich einsetze. Am Ende unseres seitenlangen Austauschs schrieb er dann: Vielleicht gibt es ja zwei Wahrheiten, Ihre und meine. Da dachte ich mir: Toll, du kommst mir ins Programm!

Ihre beiden Kinder waren jahrelang in Ihren Hausmann-Kolumnen fürs Migros-Magazin unglaublich präsent. Haben sie Ihnen das nie vorgeworfen?

Zum Glück nicht! Als ich noch Familienkolumnen schrieb, beklagte die Tochter von Max Frisch mal sehr verbittert in einem Interview, ihr Vater habe sie nur als literarisches Material, nicht als Mensch gesehen. Hätten meine Kinder je dieses Gefühl gehabt, hätte mich das schlimm getroffen. Aber sie wussten, dass ich alles wirklich Intime für mich behielt. Und sie hatten bald schon selbst so ein journalistisches Gespür: «Hey, Vati, das gibt wieder eine Kolumne.» Meine Tochter sagte mit zehn mal zu mir: «Die Pointe deiner Kolumne funktioniert nicht.» Sie hatte recht.

Ihr Atelier ist vollgestellt mit Mitbringseln aus aller Welt. Haben Sie wieder Lust zu reisen?

Eine Grunderkenntnis aus der Pandemie ist für mich, dass ich meine Sehnsuchtsorte nur geografisch näher zu mir heranholen muss, um glücklich zu sein. Statt nach Louisiana zu reisen, renne ich nun auf meinen Zürcher Hausberg. Und den amerikanischen Indian Summer habe ich im Baselbiet erlebt. Sehnsüchte machen mich aus, aber manche von ihnen müssen auch Sehnsüchte bleiben.

Bänz Friedli: «S’isch kompliziert». Premiere am 19.1. im Kleintheater Luzern. Weitere Auftritte in Bern, St. Gallen, Basel. Mehr Infos: www.baenzfriedli.ch

Aktuelle Nachrichten