«Nach einer Lesung möchte man am nächsten Morgen mit Blaulicht aus dieser Stadt gefahren werden.» Peter Bichsel habe das einmal gesagt. Judith Hermann hat sich dieses Zitat gemerkt, weil sie gut nachfühlen kann, was der Schriftstellerkollege damit meint. «Auf einer Lesereise will man die ganze Zeit alles hinter sich bringen.»

Am Tag unseres Treffens hat Judith Hermann für nichts von alledem Zeit gehabt, weiss aber trotzdem, wo sie ist: In Basel. Wir sitzen im Café des Literaturhauses, eine Stunde vor der Lesung aus ihrem neuen Roman «Aller Liebe Anfang». Judith Hermann wirkt ruhig, zurückhaltend und freundlich zugleich. Sie war in Zürich, sie war in Luzern, das ist ihr dritter Abendauftritt in Folge. Mehr als drei Lesungen hintereinander absolviere sie nicht, nicht mehr. «Bei der vierten stellt sich so eine Müdigkeit ein, man hört sich selber nicht mehr zu, der Text ödet einen an.»

Damit sie sich später an diesen Tag erinnern wird, laufen wir kurz hoch zum Münsterplatz und schauen vor der Pfalz auf den Rhein. Die hin- und her ziehende Fähre scheint ihr erstaunlich klein und unsicher in der Strömung. «Ein Nachen», sagt sie.

100 Autoren pro Jahr

Judith Hermann ist eine von gegen 100 Autorinnen und Autoren, die jährlich im Literaturhaus Basel auftreten. Auf Einladung der Intendantin Katrin Eckert: «Ich bin völlig frei zu entscheiden, wer bei uns liest», sagt sie. Im Gespräch mit den Verlagen, vor allem an den grossen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig, macht Eckert sich kundig, wer wann zu haben wäre. Qualität, Bekanntheit und Vermittelbarkeit von Werk und Mensch seien ausschlaggebend für ihre Wahl. Manchmal lasse sich das Publikum auch über ein besonderes oder politisch aktuelles Thema gewinnen. Weiter achte sie auf eine gute Mischung internationaler, nationaler und regionaler Autoren.

Lesungen sind seit rund 25 Jahren ein sehr wichtiger Teil des Literaturbetriebs. Das Publikum möchte seine liebsten Autoren persönlich erleben. Die Verlage erwarten solche Promotionstouren von ihnen. Und für die Autoren sind sie ein wesentlicher Bestandteil ihres Einkommens. «Inzwischen verdiene ich auf Lesereisen fast mehr als mit dem Verkauf des Buchs», sagt Hermann.

Das Literaturhaus Basel bezahlt Gagen zwischen 400 und gut 1000 Euro. Hinzu kommen Reise- und Hotelkosten; teure Anreisen teilt man sich wenn möglich mit weiteren Veranstaltern. Pure Lesungen gibt es in Basel nicht, also muss das Literaturhaus auch für eine Moderation aufkommen – «wir wollen ein fundiertes Gespräch führen», sagt Katrin Eckert, «damit heben wir uns von den Buchhandlungen ab.» Bei ausländischen Autoren braucht es ausserdem meistens eine Übersetzerin, einen Übersetzer oder einen Schauspieler, der die Texte auf Deutsch liest.

Und wenn jemand nicht gut lesen kann? «Die Leute sind sehr hinnehmend», sagt Katrin Eckert. Doch dass jemand gar kein Talent fürs Vorlesen habe, sei selten.

Judith Hermann ist eine besonders talentierte Vorleserin. Die dunkle Stimme kommt uns entgegen, und ihre Radioerfahrung von früher, als sie Journalistin werden wollte. Sie habe sich gesagt: «Lies mal schön, du liest zum letzten Mal bei dieser Lesetour.»

Die Kraft der Zuneigung

Das Literaturhaus ist fast voll, nur in der ersten Reihe hat es noch freie Stühle. Ein Schweizer Phänomen. Sie möge diese Zurückhaltung der Schweizer, sagt Hermann, «dieses Feine, Höfliche». In ihrem Fall bedeute das «Schüchternheit auf beiden Seiten».

Eine Lesung könne auch sehr beglückend sein, «eine Begegnung mit dem Leser.» Einmal habe eine zarte, schöne, sehr alte Frau sie gefragt: «Glauben sie denn gar nicht an die Kraft der Zuneigung?» Hermann antwortete: «Doch, ich glaube ausschliesslich an die Kraft der Zuneigung.» Diese Frage begleite sie seither, in schwierigen Situationen sage sie zu sich selber: «Du glaubst doch an die Kraft der Zuneigung, dann mach es so und so.»

Die Zuneigung zu den Autoren ist auch Katrin Eckerts Triebfeder, «die vielen wahnsinnig schönen Begegnungen.» Das fange oft schon am Flughafen oder am Bahnhof an, wo die Intendantin nach Wunsch jede und jeden persönlich abholt. Ganz besonders geniesst Eckert das gemeinsame Abendessen nach der Lesung. Sie kann fragen, was sich vielleicht vorher niemand zu fragen getraut hat, lernt die Schriftsteller näher kennen. «In relativ kurzer Zeit entsteht ein intensiver Kontakt.»

Noch in derselben Nacht wird Judith Hermann mit dem Zug zurück nach Berlin fahren. Es ist Zeit nachzusehen, ob ihr Sohn die Hausaufgaben macht. Es ist Zeit, nach all den Lesungen seit letztem Herbst wieder zu schreiben. Denn das ist das Paradoxon der Lesereise: «Man erarbeitet sich Zeit, um zu schreiben. Gleichzeitig ist es eine Zeit, in der man nicht schreiben kann.» Und natürlich wolle man immer dann schreiben, wenn man lese, und lieber lesen, wenn man schreiben sollte. «Während ich in Basel bin, denke ich schon mit Wehmut an Basel zurück.»