Theater Basel

In der Wüste versandet

Eine schrecklich un-nette Familie: Jonas Götzinger als Sohn, Jeanne Devos und Pascal Goffin als Eltern. (zvg / Kim Culetto)

Eine schrecklich un-nette Familie: Jonas Götzinger als Sohn, Jeanne Devos und Pascal Goffin als Eltern. (zvg / Kim Culetto)

Das Schauspiel «Hundert Jahre weinen oder hundert Jahre Bomben werfen» beginnt als aufwühlendes Porträt eines Verdingkinds und verliert sich dann im Diskurs über Kriegsgewalt.

Es ist eines der düsteren Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte: Kinder, die von ihren Eltern oder gar von den Behörden aus der Familie verstossen oder entrissen wurden, die danach als sogenannte Verdingkinder physisch und psychisch missbraucht wurden.

Gut, dass sich auch das Theater dieses Themas annimmt. In Basel geschieht dies mit «Hundert Jahre weinen oder hundert Jahre Bomben werfen», einem Auftragswerk von Daria Stocker, die mit Mohamedali Ltaief einen tunesischen Co-Autoren zur Seite nahm. Das reale Schicksal des Verdingkindes aus Basel, das als Ausgangsstoff dient, führt auch nach Nordafrika: In die algerische Wüste nämlich, wo der junge Mann als Fremdenlegionär an Kriegsgräueln beteiligt war.

Polit-philosophischer Diskurs über Gewaltbereitschaft und Radikalisierung

Der zweite Teil des langen Stücktitels «Hundert Jahre weinen oder hundert Jahre Bomben werfen» deutet darauf hin. Stocker und Ltaief verlassen damit aber den biografischen Handlungsstrang und verlieren sich im zweiten Teil des Stücks im polit-philosophischen Diskurs über Gewaltbereitschaft und Radikalisierung in einem menschenverachtenden Umfeld.

Das ist schade, weil der Abend mit einem stark berührenden Blick auf das Ausstossen eines jungen Menschen aus dem Familienkreis beginnt. Mit flash-artigen Szenen wird aus der Kindheit des armseligen Bettnässers Reto berichtet. Das Kind fleht um Liebe und Geborgenheit, wird aber von seinen mit sich selber beschäftigten Eltern – Mutter, Vater, Stiefvater – ab- und schliesslich ausgestossen.

Die Matratze entsorgt – Sohn folgt

Stark ist ein Dialog zwischen Vater und Sohn, wenn Ersterer seinem Kind klarmacht, dass die Matratze entsorgt sei und dem Sohn nun im übertragenen Sinne dasselbe blühe. Und der Sohn in einem verzweifelten Aufbäumen versucht, diesen Schicksalsschlag abzuwenden.

Glanzpunkt in dieser und weiteren Szenen sind die Auftritte des jungen Schauspielers Jonas Götzinger. Dieser überzeugt durch eine unaufdringliche, aber berührende Bühnenpräsenz. Und Regisseur Franz-Xaver Mayr vertraut auf diese, wenn er auch zuweilen groteske Albtraumfiguren auftreten lässt, deren Sinn sich nicht so richtig erschliesst.

Gerne hätte man an Retos Schicksal auch nach dem Eintritt in die Fremdenlegion Anteil genommen. Doch die Inszenierung lässt dies nicht zu. Dabei gäbe es Überlappungsmomente. In der Legion trifft Reto, der sich jetzt Louis nennt, auf eine neue, lieblose Vaterfigur: den Sous-officier Feldmayer, stimmigerweise vom selben Schauspieler (Pascal Goffin) gespielt wie der leibliche Vater zuvor.

Doch das Interesse des Autorenteams hat sich zu diesem Zeitpunkt vom Einzelschicksal hin zur Metaebene des philosophischen Diskurses verlagert. Und dieser ist ungleich weniger packend als das, was im ersten Teil so stark berührte.

 

Kleine Bühne des Theater Basel
Weitere Vorstellungen am 25. und 27. Oktober

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