Im Kitsch angekommen
Das neue Buch des Genfer Starautors Joël Dicker geht weg wie warme Semmeln – dabei ist es schludrig geschrieben

Joël Dickers neuer Roman war 2020 das meistverkaufte Buch in Frankreich. Nun ist «Das Geheimnis von Zimmer 622» des
Genfer Autors übersetzt. Raffiniert und leider trotzdem bloss ein aufgeblasener Trivialroman.

Hansruedi Kugler
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Joël Dicker: Schreibt er Romane für Leser, die sonst keine Bücher lesen?

Joël Dicker: Schreibt er Romane für Leser, die sonst keine Bücher lesen?

Bild: Patrice Normand/Opale/Leemage/laif

Ja, ja, ich höre die Fans von Joël Dicker rufen, sein erster Roman sei doch ein richtiger Pageturner gewesen. «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» sei 2012 endlich einmal ein von der ersten bis zur letzten Seite spannender Schweizer Roman gewesen. Und schenke erst noch mit über 700 Seiten sehr viel Lesezeit. Genügt das als literarisches Qualitätsmerkmal?

Es stimmt schon: Vor ein paar Jahren mochte man der jungen, frischen Stimme mit seiner Fabulierlust zunächst folgen. Trotz Klischeehäufung und psychologischer Stereotype konnte man bewundern, wie er in seinem zeitlich extrem verschachtelten, episodischen Krimi viele falsche Fährten legt. Bei den Folgeromanen sank die Begeisterung vieler Leserinnen und Leser kontinuierlich.

Nun, mit seinem vierten Roman, ist Joël Dicker auf dem Niveau des aufgeplusterten Trivialromans angekommen. «Das Geheimnis von Zimmer 622» offenbart die Schwächen des Autors – auch wenn der Roman 2020 mit einer halben Million Exemplaren das meistverkaufte Buch in Frankreich war. In der französischen Presse macht deshalb das überhebliche Bonmot die Runde, Dicker schreibe Romane für Leser, die sonst keine Bücher lesen würden.

Man liest einen Roman im Roman im Roman

Was den Autor seit je auszeichnet, ist die raffinierte Struktur des Romans im Roman. Der Erzähler in «Das Geheimnis von Zimmer 622», der ebenfalls Joël Dicker heisst und ein erfolgreicher Genfer Schriftsteller ist, fährt wegen einer verpatzten Liebesgeschichte mit seiner «hinreissenden» Nachbarin Sloane von seinem Wohnsitz in Genf zur Entspannung in ein Luxushotel in Verbier. Dort lernt er die wiederum hinreissende Scarlett kennen und geht mit ihr dem geheimnisvollen, unaufgeklärten Mord in Zimmer 622 nach, der mit einem Machtkampf in einer Genfer Privatbank zu tun zu haben scheint.

Parallel zu den Recherchen schreibt die Romanfigur Dicker einen Roman über diesen Mord, in welchem er ihn am Ende auch aufklärt und die Vorgeschichte dazu über Hunderte von Seiten ausbreitet. Man liest also einen Roman im Roman im Roman.

Dabei springt er munter in den Zeiten vor und nach dem Mord hin und her. Anschliessend kehrt Dicker nach Genf zurück und nimmt die verpatzte Liebesgeschichte mit seiner «hinreissenden» Nachbarin wieder auf. In Wahrheit hat er seine Reise aber erfunden. Er hatte sich die ganze Zeit in seinem Genfer Schreibatelier versteckt und den Roman in zwei Wochen (!) geschrieben.

Joel Dicker: Das Geheimnis von Zimmer 622. Roman. Piper. 640 Seiten.

Joel Dicker:
Das Geheimnis von Zimmer 622. Roman.
Piper. 640 Seiten.

zvg

Eine Anleitung für schlechte Literatur in 11 Punkten

1. Billige Tricks, um die Spannung zu halten.

Dutzendfach verfährt Dicker nach einem simplen Muster: Kurz bevor ein Gespräch zu einer Klärung führen würde, klopft es wie in einem Dorfschwank an der Tür, worauf das Gespräch vertagt werden muss. Bevor das Liebespaar einmal mehr flüchten könnte, muss einer von beiden unbedingt noch rasch etwas Dringendes erledigen: «Nur fünf Minuten», schon sind die Liebenden wieder getrennt. Solche Taschenspielertricks lassen das Geschehen ins Unglaubwürdige kippen.

2. Schludriges Drehbuch statt Roman.

«Die Tür zum Behandlungszimmer von Dr. Kazan ging auf.» Mit Sätzen wie diesem fängt Dicker seine Kapitel an. Solche Regiehinweise stehen in Filmdrehbüchern, sind aber keine Literatur. «Cristina betrat Sagamores Büro.» Ja, aber wie, mit welcher Haltung, mit welchen Gefühlen? Sogar als Regieanweisung ist ein solcher Kapitelanfang zu dürftig.

3. Keine eigene Sprache, nur Floskeln.

Einem Schriftsteller muss man übel nehmen, dass er sich sprachlich keine Mühe gibt. Dicker benutzt immerzu die erstbesten gestelzten, abgegriffenen, sentimentalen Floskeln. Das Schweigen ist «eisig» («glacial»), junge Frauen sind «hinreissend» («au charme désarmant», mit entwaffnendem Charme), weshalb Dicker mit einem «verzückten Lächeln» («béat», wörtlich «selig») hinter der Tür stehen bleibt. So geht das den ganzen Roman hindurch.

4. Unglaubwürdige Figuren und Szenerien.

Joël Dicker fantasiert eine Art Königsdrama herbei: Der Kampf um die Nachfolge des Herrschers wird von zwei ungleichen Rivalen mit Intrige und Mord geführt. Der hyperintelligente Aufsteiger gegen den farblosen Erben einer 300 Jahre alten Bankdynastie. Sie lieben dieselbe Frau und leben in Luxus. Leider wirkt es lächerlich, wenn Figuren so beschrieben werden: «Er war um die vierzig, sah unverschämt gut aus, hatte die Ausstrahlung eines Schauspielers und das Auftreten eines Königs. Er sprach zehn Sprachen fliessend, war charismatisch, in allem begabt, kurz, nervtötend perfekt, liess daher niemanden kalt und weckte gleichermassen Bewunderung und Neid.» So wird das Königsdrama zum Kitschroman. Und reizt zum Kalauer: Dicker trägt einfach zu dick auf.

5. Ausgeschlachtete Krimi-Genres.

Da werden Silikonmasken benutzt wie in «Mission Impossible», es kommen Hochstapler und James-Bond-Szenen mit Geheimdiensteinsätzen vor, intrigant vertauschte Liebesbriefe und Affären mit gescheiterten Fluchtversuchen. Nochmals: Zu schwülstig aufgetragen.

6. Aus Figuren werden keine Menschen.

Die Spannung entsteht nur wegen verzögernden Handlungsmomenten und nicht, weil die inneren Konflikte der ­Figuren beunruhigen oder berühren wie in guter Literatur. Die verarmte russische Prinzessin, die machthungrigen Banker, der selbstgefällige Schriftsteller – diese literarischen Figuren werden nicht menschlich, sondern bleiben Figuren aus Kitschromanen, mit deren konstruierten Problemen man sich kaum beschäftigen mag.

7. Humorlosigkeit.

Ohne jede Ironie, ohne Witz, ohne schwarzen Humor und in unkritischer Naivität und Ernsthaftigkeit skizziert Dicker Groschenroman-Klischeefiguren.

8. Dauerspannung lenkt von literarischen Schwächen ab.

Joël Dicker gehört zu jenen Autoren, die mit einem Dauerbombardement an Handlung und Spannungselementen die defizitäre psychologische Tiefe verbergen wollen. Hinzu kommt, dass das Milieu und die politischen Verflechtungen wie die angedeutete Geldwäscherei, also das eigentlich Zeitgeschichtliche, nur als Staffage benutzt wird. So wird Literatur unredlich.

9. Künstlich vorenthaltene Informationen.

Im Luxushotel in Verbier ist ein Mord passiert, der nie aufgeklärt worden ist. Erst nach 400 Seiten verrät uns Dicker, wer der Ermordete ist. Allerdings sind seine beiden Hobbydetektive im Roman schon viel früher auf dem Polizeiposten und schauen sich auf Seite 50 bereits Zeitungsartikel über den Mord an, in denen selbstverständlich der Ermordete mit Namen steht. Aber uns Leserinnen und Lesern wird die Information vorenthalten – bloss damit die Spannung erhalten bleibt.

10. Aufgeplustertes Szenario

Dickers Figuren fahren Ferraris, wohnen in Luxusvillen, riesigen Hotelsuiten oder in einer Villa auf Korfu. Einmal ruft gar der französische Staatspräsident mitten in der Nacht den genialen, hyperklugen Vermögensverwalter Lew Lewowitsch an. Er könne nicht schlafen und brauche Gesellschaft, worauf er mit seiner Geliebten zum Mitternachtstee aufbricht: «Immerhin ist er der französische Präsident!» So wird die Schriftstellerfantasie lächerlich.

11. Dicker lobt Dicker.

Selbstverliebt breitet Joël Dicker auch seinen Erfolg als Bestsellerautor aus. Wenigstens klärt er uns auf, weshalb er mit seinem ersten Roman den Durchbruch geschafft hatte. Sein Entdecker, der Pariser Verleger Bernard de Fallois, telefonierte nämlich vor dem Erscheinen tagelang persönlich alle wichtigen Buchhandlungen mehrfach ab.