Sibylle Berg

«Im Auge der Literaten»: Sibylle Berg hat genug von Künstlern, die ihre Zustände während der Coronakrise schildern

Autorin, Reporterin, Dramatikerin, Kolumnistin: Sibylle Berg (57). Dieses Jahr hat sie den «Grand Prix der Literatur»  für ihr Gesamtwerk erhalten.

Autorin, Reporterin, Dramatikerin, Kolumnistin: Sibylle Berg (57). Dieses Jahr hat sie den «Grand Prix der Literatur» für ihr Gesamtwerk erhalten.

Diese Woche sollte eigentlich Sibylle Berg ihre Sicht auf die Coronakrise darlegen. Doch die Autorin schickt lieber ein Langgedicht aus einem ihrer Theaterstücke.

Wir sind das Glatte, Neue, Gute,
wir sind für euch noch nicht zu sehn,
hier unten, dräuend, wo wir wachsend
dem Neubeginn entgegensehn,
so nah beim Kern des Universums,
bei dem was hart ist, dunkel, gross,
was sich formiert, in Schränken lagert –
bleibt nur nicht stehn, ihr müsst jetzt los.
Auf euren letzten öden Metern
Am End von eurem Menschentraum,
macht Urlaub, ruht in Ohnmacht leise,
wir sägen hier am Lebensbaum.

Ihr hattet tausend Jahre Zeit,
habt nicht genutzt die Macht, die Grösse,
in eurem Streben stirbt die Welt,
wie ihr sie kennt, wie ihr sie gern habt,
das, was hier bleibt, auf neuem Boden,
gedüngt von eurem kleinen Geist,
ist, was wir schaffen, langsam, wartend,
ist, was wir sind, was es nun heisst –
von vorne werden wir beginnen,
als ein Geschlecht, als eine Kraft,
die Neues will, die Güte kennt und Leiden,
das sie euch verschafft.

Ihr habt getötet, was euch schwach schien,
was sanft war und voll Fantasie,
was blieb, da seht ihr es gestrandet,
mit gelben Füssen, hoffnungsvoll,
da gilt es, euch erneut erhebend,
auf andere hinabzusehen,
wo suchend ihr den Blick auch wendet,
da ist kein Ort, ihr müsst nun gehen.

Was hier im Untergrund gedeihet,
was stärker wird, als grosser Leib,
was stark ist nun, nach draussen will,
zu retten, was an Resten da ist,
an Elend, Dreck und Grausamkeit,
zu suchen, ob noch Reines wohnt,
inmitten aller Dunkelheit.
Am klügsten wäre, wenn ihr aufgebt,
die Hände hebt, die Waffen streckt,
doch Klugheit war nie eure Stärke,
drum wer nicht selbst geht, der verreckt.

Aus Trümmern werden wir errichten,
was strahlt und rein ist, ohne Gier,
und alle gleich ist die Devise,
der neue Mensch, das ew’ge Tier.
Ihr stört, ihr seid der Schmutz des Alten,
der Zeit so träge macht und zäh.
Zusammen rufen wir ins Gelbe,
in das, was übrig ist und Gift:
Du Mensch, du Pest, du Missgeburt,
hab soviel Anstand jetzt und geh!

Schau an, da sind die klaren Flüsse,
der Wald, der Greif, der neue Aal
für euch, ihr traurigen Gestalten,
kommt nun das letzte Abendmahl.
Wir spielen jetzt die letzte Hymne,
den letzten Song, das letzte Lied.
Wir sehen gerne, wie ihr aufgebt,
mit freiem Mut ins Feuer springt,
wie eure Körper zuckend toben,
wenn ihr um euer Leben ringt.
Verloren, sagen wir nur lächelnd.
Die neue Welt, sie findet statt,
wenn sich das letzte Fleisch vom Knochen
und euer Hirn gepulvert hat.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1